SPD wirft Re­gie­rung Wort­bruch vor

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMS­CHAU - Von Jens Schmitz

Das Land will die bis­he­ri­ge Be­treu­ung der im Süd­wes­ten auf­ge­nom­me­nen je­si­di­schen Frau­en und Kin­der durch spe­zi­ell ge­schul­te So­zi­al­ar­bei­te­rin­nen nicht wei­ter­fi­nan­zie­ren. Das sorgt für Em­pö­rung.

m Streit um die Be­treu­ung trau­ma­ti­sier­ter Je­si­din­nen wirft die Land­tags-SPD der grün-schwar­zen Re­gie­rung Wort­bruch vor. Ei­ner Land­tags-An­fra­ge zu­fol­ge sol­len sich künf­tig nor­ma­le In­te­gra­ti­ons­ma­na­ger um das Son­der­kon­tin­gent küm­mern. Kom­mu­nal­ver­tre­ter fin­den das in­ak­zep­ta­bel.

Be­son­ders schutz­be­dürf­ti­ge Frau­en nach Ba­den-Würt­tem­berg zu ho­len, die dann plötz­lich mit nor­ma­len Flücht­lin­gen gleich­ge­setzt wür­den, sei ei­ne „fa­ta­le Feh­l­ein­schät­zung der Lan­des­re­gie­rung“, rügt Sa­bi­ne Wöl­f­le, SPD-Frak­ti­ons­spre­che­rin für In­te­gra­ti­on: „Nur um sich aus fi­nan­zi­el­len Grün­den aus der Ver­ant­wor­tung zu steh­len.“

Grund der Em­pö­rung ist die Ant­wort des In­nen­mi­nis­te­ri­ums auf ei­ne Land­tags­an­fra­ge der SPD. Dar­in be­stä­tigt Staats­se­kre­tär Wil­fried Klenk (CDU), dass das Land die bis­he­ri­ge Be­treu­ung durch spe­zi­ell ge­schul­te So­zi­al­ar­bei­te­rin­nen nicht wei­ter­fi­nan­ziert. Den Frau­en und Kin­dern stün­den statt­des­sen wie al­len an­de­ren Flücht­lin­gen die In­te­gra­ti­ons­ma­na­ger aus der An­schluss­un­ter­brin­gung zur Ver­fü­gung.

Wöl­f­le hält das für kei­nes­falls aus­rei­chend. „Wenn In­te­gra­ti­ons­ma­na­ger,

Idie vor al­lem be­ruf­li­che In­te­gra­ti­on för­dern sol­len, sich qua­si ne­ben­her um schwer trau­ma­ti­sier­te Frau­en küm­mern müs­sen, ent­spricht das nicht dem Zweck des Son­der­kon­tin­gents.“

Ge­sund­heits­kos­ten und The­ra­pi­en will das Land zwar bis En­de 2021 er­stat­ten. Die Zu­sam­men­ar­beit mit den spe­zi­ell ge­schul­ten So­zi­al­hel­fern aber nicht. Bis­lang hat die­sen ein nied­ri­ge­rer Be­treu­ungs­schlüs­sel auch in­ten­si­ve­re Für­sor­ge er­mög­licht.

Die In­te­gra­ti­ons­ma­na­ger könn­ten die Be­treu­ung der Je­si­den nicht über­neh­men: Das sagt auch der Ge­schäfts­füh­rer des Land­kreis­tags, Al­exis von Ko­mo­row­ski (SPD). Die Be­glei­tung er­for­de­re ei­nen grö­ße­ren Zeit­auf­wand, hö­he­re Qua­li­fi­ka­tio­nen und ein in­di­vi­du­el­les Ver­trau­ens­ver­hält­nis.

Die Ge­schäfts­füh­re­rin des Städ­te­tags, Gu­drun Heu­te-Bluhm (CDU), pflich­tet bei: „Aus fach­li­cher Hin­sicht kön­nen das nicht die In­te­gra­ti­ons­ma­na­ger ma­chen.“Un­ab­hän­gig vom Schu­lungs­be­darf sei­en sie auch für das, was sie ei­gent­lich tun soll­ten, schon zu we­nig.

Die da­mals grün-ro­te Lan­des­re­gie­rung hat­te 2015 be­schlos­sen, 1000 ver­folg­te je­si­di­sche Frau­en und Kin­der aus dem Nord­irak nach Deutsch­land zu ho­len. Vie­le von ih­nen ha­ben schwers­te Ge­walt er­lit­ten. Für Un­ter­künf­te und spe­zi­ell ge­schul­te So­zi­al­ar­bei­te­rin­nen er­hiel­ten die 21 Städ­te und Krei­se, die das Son­der­kon­tin­gent auf­nah­men, bis zu drei Jah­re lang ei­ne er­höh­te Pau­scha­le.

„Soll­te ei­ne län­ger­fris­ti­ge Be­treu­ung er­for­der­lich sein, wird das Land recht­zei­tig mit den kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den spre­chen“, hat­te die Re­gie­rung 2015 ver­kün­det. Ob­wohl Ex­per­ten vor Ort die­se Not­wen­dig­keit nun se­hen, hat das Ka­bi­nett 2018 be­schlos­sen, die Son­der­be­treu­ung nicht zu ver­län­gern.

SPD-Frau Wöl­f­le er­klärt: „Man darf auch von der grün-schwar­zen Re­gie­rung ein­for­dern, dass sie zu ih­rem Wort steht.“Heu­te-Bluhm hat zwar Ver­ständ­nis da­für, dass die Pro­gno­sen zur Ein­ge­wöh­nungs­zeit der Je­si­din­nen falsch la­gen. Es sei aber „völ­lig un­be­frie­di­gend“, wenn die Fol­gen nun von den Kom­mu­nen ge­tra­gen wer­den soll­ten.

Auch von Ko­mo­row­ski ver­spürt „ein ge­wis­ses Stör­ge­fühl“, wenn Krei­se und Ge­mein­den als „Aus­fall­bür­gen“für das „nach­las­sen­de hu­ma­ni­tä­re En­ga­ge­ment“des Lan­des fun­gie­ren sol­len. Bei­de Ver­bands­ver­tre­ter for­dern Ge­sprä­che über ei­ne Ver­län­ge­rung des bis­he­ri­gen Deals.

Im Som­mer hat­te selbst Fritz Kuhn, grü­ner OB der Lan­des­haupt­stadt, sei­nem Par­tei­freund, Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann, per Brief ins Ge­wis­sen ge­re­det. Stutt­gart ist nicht die ein­zi­ge Kom­mu­ne, die die Spe­zi­al­be­treu­ung vor­erst aus ei­ge­ner Ta­sche be­zahlt. Auch die Stadt Frei­burg, die mit 200 Je­si­den die größ­te Grup­pe auf­ge­nom­men hat, ver­fährt so.

„Ich ken­ne kei­nen Kreis, der jetzt ge­sagt hat, wir bre­chen un­se­re bis­he­ri­gen Be­treu­ungs­struk­tu­ren ab und über­füh­ren die al­le ins In­te­gra­ti­ons­ma­nage­ment“, be­rich­tet von Ko­mo­row­ski. „Ich kann es mir ei­gent­lich fach­lich auch nicht vor­stel­len.

Die Fi­nan­zie­rung der In­te­gra­ti­ons­ma­na­ger ist ak­tu­ell nur bis En­de 2019 ge­si­chert. „Den lau­fen­den Haus­halts­ver­hand­lun­gen kön­nen wir nicht vor­grei­fen“, er­klär­te ei­ne Spre­che­rin des zu­stän­di­gen So­zi­al­mi­nis­ters Man­fred Lu­cha (Grü­ne). Die Fort­set­zung des In­te­gra­ti­ons­ma­nage­ments ge­hö­re zu den drei Prio­ri­tä­ten des Res­sorts.

Lu­cha selbst hält den Ver­zicht auf die bis­he­ri­ge Spe­zi­al­be­glei­tung der Je­si­den o¦en­bar für ver­tret­bar: „Selbst­ver­ständ­lich ge­he ich da­von aus, dass die In­te­gra­ti­ons­ma­na­ger so qua­li­fi­ziert sind, dass sie die spe­zi­el­len Be­dar­fe der Rat­su­chen­den er­ken­nen und sie dann an ent­spre­chen­de Fach­diens­te wei­ter­ver­mit­teln und ent­spre­chend be­glei­ten,“teil­te er auf An­fra­ge mit.

Fo­to: dpa

In­te­gra­ti­ons­ex­per­tin der SPD-Land­tags­frak­ti­on: Sa­bi­ne Wöle.

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