Als ob es ein Mor­gen gä­be

In­ten­dant Burkhard C. Kos­min­ski geht am Schau­spiel Stutt­gart in sei­ne zwei­te Sai­son. Ein Ge­spräch über Ab­gän­ge und Er­fol­ge, über „Luft nach oben“und das „Stück der St­un­de“.

Haller Tagblatt - - FEUILLETON - Von Ot­to Paul Burk­hardt

an­ze 24 Pre­mie­ren hat er in sei­ner ers­ten Sai­son ge­stemmt. „Ver­schärf­te Be­din­gun­gen“, meint In­ten­dant Burkhard C. Kos­min­ski im Rück­blick. Jetzt, nach sei­nem Ein­stands­jahr als Schau­spiel­chef in Stutt­gart, ist er erst­mal froh, „die­ses Mam­mut­pro­gramm gut ge­meis­tert“und „nach in­nen ein gu­tes Mit­ein­an­der er­reicht“zu ha­ben. Zu­min­dest dies lässt sich sa­gen: Kos­min­ski hat ge­lie­fert, was man von ihm er­war­ten durf­te – so­li­des Schau­spie­ler­thea­ter und we­ni­ger Ex­tre­me in der Äs­t­he­tik. Kein „Re­gie-Jet-Set“wie sein Vor­gän­ger Ar­min Pe­tras, das war ei­ne sei­ner An­sa­gen. Statt­des­sen setz­te er auf Au­to­ren­thea­ter, auf ein „kla­res Be­kennt­nis zu Stutt­gart“– aber auch auf In­ter­na­tio­na­li­tät.

Nun geht er in die zwei­te Sai­son. Mit re­du­zier­ter Schlag­zahl, doch un­ter 18 ge­plan­ten Pro­duk­tio­nen fin­den sich, ty­pisch Kos­min­ski, sie­ben Ur- und Erst­auf­füh­run­gen. Die ers­te Pre­mie­re steigt am Sams­tag: Ödön von Hor­váths „Ita­lie­ni­sche Nacht“in der Re­gie von Ca­lix­to Bi­ei­to. Ein Stück über die Wei­ma­rer Re­pu­blik mit Be­zug zu heu­te – es geht um die Blind­heit vie­ler De­mo­kra­ten ge­gen­über dem auf­däm­mern­den Fa­schis­mus. Erst im Som­mer hat­te ei­ne AfD-An­fra­ge un­ter den Kul­tur­be­trie­ben nach Mit­ar­bei­tern oh­ne deut­schen Pass weit­rei­chen­de Pro­tes­te aus­ge­löst – da­hin­ter, so Kos­min­ski, ver­ber­ge sich „ein ras­sis­ti­sches Welt­bild“.

GTalk mit Ha­rald Schmidt

Ei­ne Wo­che spä­ter folgt ein Wie­der­se­hen mit Ha­rald Schmidt. Doch lang­sam: Der frü­he­re La­te-Night-Tal­ker wird nicht wie­der im En­sem­ble agie­ren wie un­ter Kos­mins­kis Vor­vor­gän­ger Has­ko We­ber. Was sei­ne über­schau­ba­ren Fä­hig­kei­ten als Schau­spie­ler an­geht, ist Schmidt be­schei­de­ner ge­wor­den. Sein „oŸenes For­mat“nennt sich „Echt Schmidt“. Sechs Fol­gen sind ge­plant, er talkt und im­pro­vi­siert da­bei je­weils im Büh­nen­bild ei­ner lau­fen­den Ins­ze­nie­rung. Un­ter­ti­tel: „Ein bun­ter Abend für Ab­ge­häng­te“.

Zu­rück zur Bi­lanz: Die Zahl der Zu­schau­er ist von 118 000 auf 109000 ge­sun­ken. Grund da­für aber, be­tont Kos­min­ski, sei ei­ne um sie­ben Wo­chen ver­kürz­te Spiel­zeit – we­gen der Dreh­büh­nen­re­pa­ra­tur. Da­ge­gen blieb die Aus­las­tung mit 79 Pro­zent sta­bil. Hier sei noch viel „Luft nach oben“, sagt Kos­min­ski, vor al­lem bei den Abo­zah­len. Doch der Fakt, dass Stutt­gart erst­mals nach 20 Jah­ren wie­der zu den Salz­bur­ger Fest­spie­len ge­la­den wur­de, spricht für sich.

„Als ob es ein Mor­gen gä­be“, lau­tet das pa­ra­do­xe Mot­to der nächs­ten Sai­son. Sein Spiel­plan, in dem sich auch The­men wie Woh­nungs­not oder Macht­miss­brauch zwi­schen den Ge­schlech­tern fin­den, „spie­gelt ex­trem Ge­gen­wart“, so Kos­min­ski. Thea­ter sei auch ein Ort, um über den „ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt“in Zei­ten „po­li­ti­scher Ve­r­un­si­che­rung“nach­zu­den­ken. Den bri­ti­schen Top-Re­gis­seur Ro­bert Icke konn­te Kos­min­ski er­neut ge­win­nen – dies­mal für Tsche­chows „Iwa­now“. „Er­in­ne­rungs­ar­beit“leis­te wie­der­um El­frie­de Je­lineks Stück „Rech­nitz (Der Wür­ge­en­gel)“über ein NS-Mas­sa­ker an jü­disch-un­ga­ri­schen Zwangs­ar­bei­tern. Die le­gen­dä­re Ins­ze­nie­rung des Ex-Opern­chefs Jos­si Wie­ler von 2008 wird ein Come­back er­le­ben – im Büh­nen­bild von da­mals, das die Schau­spie­le­rin Kat­ja Bürk­le, eben­falls Ex-Stutt­gar­te­rin, über Jah­re ein­ge­la­gert hat.

Text in vier Spra­chen

Mit ei­ner Aus­nah­me bleibt das En­sem­ble gleich: Der is­rae­li­sche Schau­spie­ler Itay Ti­ran wech­selt nach Wi­en, ab­ge­wor­ben vom neu­en Burg­thea­ter-Boss Mar­tin Ku­sej. „Be­dau­er­lich“, fin­det Kos­min­ski, aber „nach­voll­zieh­bar“. Doch Ti­ran – für ihn kommt Neu­zu­gang Gábor Bie­der­mann – wird als Gast hier wei­ter spie­len. Et­wa in Wa­j­di Moua­wads Stück „Vö­gel“, dem west-öst­li­chen Fa­mi­li­en­epos, mit des­sen deutsch­spra­chi­ger Er­stauŸüh­rung Kos­min­ski En­de 2018 sei­ne In­ten­danz be­gann. Ein Text in vier Spra­chen: Was da­mals ein Wag­nis war, avan­ciert jetzt zu ei­nem Rie­sen­er­folg – mehr als 15 Büh­nen spie­len das Stück nach, die Wie­ner Burg, das Ham­bur­ger Tha­lia, Graz, Köln, Pots­dam, Wies­ba­den, Lü­beck, Hal­le und so wei­ter. Das Stück sei „ei­ner der größ­ten Im­pul­se“, den die Thea­ter­sze­ne in jüngs­ter Zeit er­hal­ten ha­be, re­sü­miert Kos­min­ski stolz. Die Ent­de­ckung die­ses „Stücks der St­un­de“darf er für sich ver­bu­chen. Und das Stutt­gar­ter Schau­spiel hat sich so wie­der ins Ge­spräch ge­bracht.

Fo­to: Bar­ba­ra Gindl/dpa

Sein Spiel­plan mit ak­tu­el­len ge­sell­scha li­chen The­men „spie­gelt ex­trem Ge­gen­wart“, sagt Burkhard C. Kos­min­ski.

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