Ein Mäd­chen lehnt sich auf

No­ra Fing­scheidt hat für „Sys­tem­spren­ger“schon ei­ni­ge Prei­se ge­won­nen. Jetzt kommt ihr Film in die Ki­nos.

Haller Tagblatt - - KINO -

Ber­lin. Die neun­jäh­ri­ge Ben­ni ist wü­tend. Ex­trem wü­tend. Sie schreit und tobt, ihr Kopf ist rot vor An­stren­gung. Doch sie hört nicht auf, son­dern schmeißt schließ­lich noch ein gro­ßes Spiel­zeug­au­to ge­gen die Ein­gangs­tür. „Kei­ne Sor­ge, das ist Si­cher­heits­glas“, be­ru­higt ein Päd­ago­ge da­hin­ter sich und an­de­re. Aber Ben­ni ist so in Ra­ge, dass sie das Bob­by-Car vol­ler Wucht durch die Luft wirft – und das Glas doch zer­springt.

Es sind Sze­nen wie die­se, die ei­nem noch län­ger in Er­in­ne­rung blei­ben aus „Sys­tem­spren­ger“, dem be­mer­kens­wer­ten De­büt­film von No­ra Fing­scheidt. Die 36-jäh­ri­ge Re­gis­seu­rin er­zählt dar­in von ei­nem schwer er­zieh­ba­ren Mäd­chen, das von sei­ner Mut­ter weg­ge­ge­ben wur­de und von ei­ner Pfle­ge­ein­rich­tung zur nächs­ten ge­reicht wird. Da­mit ge­wann Fing­scheidt bei der dies­jäh­ri­gen Ber­li­na­le nicht nur den Al­f­red-Bau­er-Preis für ei­nen Spiel­film, der neue Per­spek­ti­ven erö¢net. „Sys­tem­spren­ger“ist zu­dem der ak­tu­el­le deut­sche Kan­di­dat für den Aus­lands-Os­car.

Ein ab­so­lu­ter Glücks­fall ist da­bei die jun­ge He­le­na Zen­gel in der Haupt­rol­le. Bei den Dreh­ar­bei­ten war die Schü­le­rin aus Ber­lin ge­ra­de ein­mal neun Jah­re alt – um­so er­staun­li­cher, mit wel­cher In­ten­si­tät sie die Rol­le der Ben­ni hier ver­kör­pert. Re­gis­seu­rin Fing­scheidt be­ob­ach­tet, wie die Neun­jäh­ri­ge das Sys­tem der Kin­der­be­treu­ung sprengt – da­her auch der Na­me „Sys­tem­spren­ger“.

Die ein­zi­ge Chan­ce scheint der An­ti-Ge­walt-Trai­ner Micha­el (Al­brecht Schuch) zu sein, der vor­schlägt, Ben­ni für drei Wo­chen in sei­ne Wald­hüt­te mit­zu­neh­men. Kaum äu­ße­re Rei­ze, nichts, was ih­re Wut trig­gern könn­te. Doch ist Ben­ni wirk­lich noch zu hel­fen?

Fing­scheidt er­zählt auf sehr ra­di­ka­le Wei­se, was pas­siert, wenn das Sys­tem in un­se­rem Land an sei­ne Gren­zen kommt. Die in Braun­schweig ge­bo­re­ne Re­gis­seu­rin lo­tet da­bei je­de Mög­lich­keit aus und macht deut­lich, war­um et­wa Ben­ni, aber auch ih­re Mut­ter so ge­fan­gen in ih­rem Ver­hal­ten sind. Da­mit ver­langt der Film sei­nem Pu­bli­kum ei­ni­ges ab. Das gilt für vie­le der Sze­nen, in de­nen Ben­ni aus­ras­tet, aber auch für die be­klem­men­de Sze­ne, in der sie mit Micha­el im Wald sitzt und ihr Echo hö­ren will: „Ma­maaaa!“, schreit sie vol­ler Ver­zweif­lung und Sehn­sucht.

Ei­nen grö­ße­ren Er­folg hät­te sich No­ra Fing­scheidt für ihr Spiel­film­de­büt si­cher nicht wün­schen kön­nen. Und für He­le­na Zen­gel ist die Rol­le ein Sprung­brett: Die El¨äh­ri­ge spielt dem­nächst ei­ne Hol­ly­wood-Haupt­rol­le im Wes­tern „News of the World“– an der Sei­te von Tom Hanks. dpa

Sys­tem­spren­ger, Deutsch­land 2019, 125 Min., FSK ab 12

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