Das Eis gibt den Kurs vor

Erst­mals er­forscht ein in­ter­na­tio­na­les Team un­ter deut­scher Lei­tung ein gan­zes Jahr den Kli­ma­wan­del am Nord­pol. Sie er­war­ten ex­tre­me Be­din­gun­gen und po­li­ti­sche Span­nun­gen.

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von Ja­na Zah­ner

Am Frei­tag wird der Eis­bre­cher „Po­lar­stern“vom nor­we­gi­schen Trom­sø aus Kurs auf die nörd­lichs­te Re­gi­on der Er­de neh­men. Es ist der Be­ginn ei­nes Mensch­heits-Aben­teu­ers. For­scher aus 19 Na­tio­nen wer­den mehr als ein Jahr un­ter­wegs sein, um Kli­ma­da­ten zu sam­meln. Der deut­sche Ex­pe­di­ti­ons­lei­ter Mar­kus Rex vom Al­f­red-We­ge­ner-In­sti­tut spricht von der größ­ten Ark­tis-Ex­pe­di­ti­on un­se­rer Zeit. „Wir wer­den zum ers­ten Mal in der La­ge sein, die Kli­ma­pro­zes­se in der Zen­tralark­tis ganz­jäh­rig zu be­ob­ach­ten“, sagt der At­mo­sphä­ren­phy­si­ker.

Die Pro­jekt­kos­ten be­tra­gen rund 140 Mil­lio­nen Eu­ro, et­wa die Hälf­te zahlt Deutsch­land. Glaubt man Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin An­ja Kar­lic­zek (CDU) lohnt sich der Ein­satz – und wie. Die Ex­pe­di­ti­on wer­de ei­nen „Da­ten­schatz ge­win­nen, von dem noch Ge­ne­ra­tio­nen nach uns pro­fi­tie­ren wer­den“. Sie setzt da­für ein ganz ei­ge­nes Zei­chen. Wäh­rend ih­re Kol­le­gen in Ber­lin über die Kli­ma­ret­tung ver­han­deln, nimmt Kar­lic­zek am Start in Trom­sø teil.

Die Ark­tis ist für die Kli­ma­for­schung zen­tral, denn kei­ne Re­gi­on der Welt er­wärmt sich schnel­ler. „Das Epi­zen­trum des glo­ba­len Kli­ma­wan­dels“, nennt sie Mo­saic-Lei­ter Rex. „Die Er­wär­mung im Jah­res­mit­tel ist hier schon bei über zwei Grad Cel­si­us.“Gleich­zei­tig ge­be es Wis­sens­lü­cken, die Kli­ma­pro­gno­sen für den Nord­pol gin­gen weit aus­ein­an­der, sagt der Kli­ma­for­scher. Man­che spre­chen von 5 Grad, an­de­re von bis zu 15 Grad Er­wär­mung bis zum En­de des Jahr­hun­derts. Mo­saic soll die Vor­her­sa­gen prä­zi­sie­ren. Und hel­fen, Um­welt­ka­ta­stro­phen in un­se­ren Brei­ten vor­her­zu­sa­gen. „Die Er­wär­mung in der Ark­tis wirkt sich sehr stark auf un­ser Wet­ter­ge­sche­hen aus“, sagt Rex. Schi smo­to­ren im Leer­lauf Bis­her be­schränk­ten sich For­schungs­auf­ent­hal­te in der Ark­tis vor al­lem auf den Som­mer. Der Grund: „Im Win­ter ist das Eis so dick, dass wir da nicht durch­bre­chen kön­nen“, sagt Rex. Dann ist die Nord­west­pas­sa­ge selbst für Eis­bre­cher un­pas­sier­bar.

Mo­saic macht aus der Not ei­ne Tu­gend: Im Sep­tem­ber ist das Eis noch dünn. In der Ark­tis an­ge­kom­men, schal­tet die Cr­ew die Mo­to­ren in den Leer­lauf. „Nur die Hei­zung läuft dann noch“, sagt der Ex­pe­di­ti­ons­lei­ter. Das Schi¤ friert mit dem her­ein­bre­chen­den Win­ter fest – und be­wegt sich trotz­dem et­wa sie­ben Ki­lo­me­ter pro Tag Rich­tung Nord­pol.

Die Mann­schaft der Po­lar­stern folgt ei­nem al­ten Kon­zept: Vor 126 Jah­ren ließ sich der nor­we­gi­sche Zoo­lo­ge Fridtjof Nan­sen auf dem Weg zum Nord­pol eben­falls ab­sicht­lich ein­frie­ren. Er ver­ließ sich auf die Mee­res­strö­mung, die Eis­schol­le und Schi¤ an­schob.

Die­se Eis­drift nutzt auch Mo­saic. Ei­ne Rei­se ins Un­ge­wis­se: „Wo wir sein wer­den, wis­sen wir nicht. Der Kurs wird vom Eis be­stimmt“, sagt Rex. So­bald die Po­lar­stern fest­ge­fro­ren ist, baut die Be­sat­zung rund um das Schi¤ ei­ne For­schungs­stadt mit Mess­sta­tio­nen und ei­ner Lan­de­bahn für Ver­sor­gungs­flug­zeu­ge auf. Wie gut das funk­tio­niert, hängt vom Wet­ter ab: Schnee­stür­me und Tem­pe­ra­tu­ren bis 45 Grad mi­nus sind mög­lich. Zu­dem geht wäh­rend der Po­lar­näch­te die Son­ne mo­na­te­lang nicht auf. „Es wird ver­gleichs­wei­se viel los sein in der Ark­tis“, sagt Rex. „Viel­leicht tre¤en wir auf ver­wun­der­te Eis­bä­ren.“Zur Si­cher­heit ist stets ei­ne be­wa¤ne­te und schuss­be­rei­te Eis­bä­ren­wa­che ein­ge­teilt.

Nicht nur die Eis­bä­ren­wa­che, son­dern auch das Mit­ein­an­der der Na­tio­nen könn­te span­nend wer­den. „Die In­ter­es­sen der be­tei­lig­ten Län­der, USA, Russ­land, Chi­na sind kon­trär“, gibt Rex zu. Trotz der be­droh­li­chen Pro­gno­sen wit­tern die An­rai­ner­staa­ten des Nord­pols ei­ne Chan­ce auf Ölund Gas­vor­kom­men durch die Eis­schmel­ze. Pe­king ho¤t auf neue Han­dels­we­ge. US-Prä­si­dent Do­nald Trump steigt aus dem Pa­ri­ser Ab­kom­men aus, reißt Wit­ze über den Kli­ma­wan­del und äu­ßer­te In­ter­es­se, Grön­land zu kau­fen. Da­mit stellt sich die Fra­ge nach der po­li­ti­schen Di­men­si­on und Bri­sanz der Ex­pe­di­ti­on.

Es sei wich­tig, Ka­nä­le zu For­schern aus Staa­ten o¤en zu hal­ten, in de­nen die Kli­ma­kri­se von höchs­ter Stel­le ge­leug­net wer­de oder die Wis­sen­schafts­frei­heit un­ter Druck ste­he, sagt der Grü­nen-Po­li­ti­ker Kai Geh­ring. So kön­ne man den Er­geb­nis­sen mehr Ge­hör ver­scha¤en.

„Wir ha­ben früh be­schlos­sen, dass wir null For­schung ma­chen wer­den, die nütz­lich ist für La­ger­stät­ten­er­kun­dung“, sagt Rex. Die Kli­ma­for­schung sol­le al­le Part­ner an Bord ei­nen. Al­les an­de­re, be­fürch­tet der Ex­pe­di­ti­ons­lei­ter, könn­te für Spreng­s­to¤ sor­gen.

Fo­to: Al­f­re­dWe­ge­ner-In­sti­tut/ Ste­fan Hend­ricks

Die Po­lar­stern wäh­rend ei­ner frü­he­ren Ex­pe­di­ti­on.

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