Op­fer er­in­nert sich an acht Sti­che

Fünf Män­ner sol­len ver­sucht ha­ben, bei Gaildorf ei­nen 21-Jäh­ri­gen zu er­mor­den. Der sechs­te Ver­hand­lungs­tag am Land­ge­richt Heil­bronn bringt neue Er­kennt­nis­se.

Haller Tagblatt - - VORDERSEIT­E - Von Richard Fär­ber Mehr zum Pro­zess mor­gen im HT

Gaildorf. Fünf Män­ner sol­len ver­sucht ha­ben, bei Gaildorf ei­nen 21-Jäh­ri­gen zu er­mor­den. Jetzt war der sechs­te Ver­hand­lungs­tag am Land­ge­richt Heil­bronn.

Er ha­be den Mond und die Bäu­me be­trach­tet, als sich ihm je­mand von hin­ten nä­her­te, auf ihn ein­stach und sei­ne Lun­ge so ver­letz­te, dass er die Luft ent­wei­chen spür­te. So er­in­nert sich das Op­fer an den Be­ginn der Tor­tur, die es am Abend des 19. Ja­nu­ar auf dem Kie­sel­berg bei Gaildorf er­lei­den muss­te. Der 21-Jäh­ri­ge, der mit Glück über­leb­te, er­litt acht Sti­che in den Ober­kör­per und schwe­re Ver­let­zun­gen, sei­ne Mund­win­kel wur­den auf­ge­schlitzt.

An­kla­ge kann er­wei­tert wer­den

Die mut­maß­li­chen Tä­ter sit­zen in Un­ter­su­chungs­haft. Es han­delt sich um fünf Män­ner im Al­ter von 21 bis 32 Jah­ren. Zwei leb­ten sei­ner­zeit in Schwä­bisch Hall, zwei stam­men aus Fich­ten­berg, ei­ner aus Gschwend. Ver­han­delt wird vor der 1. Gro­ßen Ju­gend­straf­kam­mer am Land­ge­richt Heil­bronn, die An­kla­ge lau­tet auf ver­such­ten Mord. Vor­aus­sicht­lich wer­de zu­sätz­li­che An­kla­ge we­gen ge­mein­schaft­lich be­gan­ge­ner schwe­rer Kör­per­ver­let­zung er­ho­ben, er­klär­te der Vor­sit­zen­de Rich­ter Ro­land Kleinschro­th ges­tern. Es ist der sechs­te Ver­hand­lungs­tag und das Ge­richt hat die Nar­ben des Op­fers ge­se­hen und er­fah­ren, dass es der­zeit mit ei­nem künst­li­chen Darm­aus­gang le­ben muss.

Das Op­fer, das auch als Ne­ben­klä­ger an­tritt, nun aber als Zeu­ge auf­tritt, wird von dem Hal­ler Rechts­an­walt Nik Sa­kel­la­riou ver­tre­ten. Die Zeit im Kran­ken­haus ha­be er als „Fol­ter“in Er­in­ne­rung, er sei über­zeugt ge­we­sen, dass ihn die Ärz­te um­brin­gen wol­len, be­rich­tet der 21-Jäh­ri­ge, der sich ak­tu­ell noch in Re­ha be­fin­det. Die Ur­sa­che kön­ne er be­nen­nen: Er sei psy­cho­tisch und ha­be nach der Tat ei­nen Rück­fall er­lit­ten. Vor Ge­richt ist von die­ser Psy­cho­se frei­lich kaum et­was zu be­mer­ken: Er er­hal­te Me­di­ka­men­te, die ihm gut­tun, sagt der 21-Jäh­ri­ge. Auch sein Tou­ret­te-Syn­drom, das sich in ner­vö­sen „Tics“äu­ßert, ha­be man me­di­ka­men­tös bän­di­gen kön­nen.

Sa­kel­la­riou hat ihn zu­dem gut vor­be­rei­tet: Der 21-Jäh­ri­ge wirkt zu­gäng­lich und äu­ßert sich über­aus sach­lich; sei­ne Emo­tio­nen wer­den zwar sicht­bar, was er aber ge­gen­über den An­ge­klag­ten emp­fin­det, be­hält er für sich. Ein­mal, als er auf ei­nen Wi­der­spruch auf­merk­sam ge­macht wird, spricht er ei­nen von ih­nen mit Vor­na­men an, als wä­re es ein All­tags­ge­spräch: „Stimmt das?“

Im Kern pas­sen die bis­he­ri­gen Aus­sa­gen der An­ge­klag­ten und die ih­res Op­fers zu­ein­an­der. Sei­ne Psy­cho­se, sagt der 21-Jäh­ri­ge, ha­be ihm auf­ge­tra­gen, sei­ne Kum­pels mit ih­ren Dro­gen­ge­schäf­ten au¯ie­gen zu las­sen. Er sei bei der Po­li­zei ge­we­sen, was den an­de­ren o‚en­bar nicht ver­bor­gen blieb. Sie be­schlos­sen, ihn zu be­stra­fen. Von ih­ren Be­ra­tun­gen am Tag vor der Tat hat das Op­fer nichts mit­ge­kriegt.

Ein „kon­fron­ta­ti­ves Ge­spräch“ha­be es ge­ge­ben, sagt der 21-Jäh­ri­ge, er ha­be er­klärt, dass er der Po­li­zei ei­nen Ver­ge­wal­ti­ger ge­mel­det ha­be und da­nach sei der Vor­wurf des Ver­rats aus der Welt ge­we­sen. Als die an­de­ren dann zur Jagd auf den Ver­ge­wal­ti­ger bla­sen woll­ten, ha­be er den Rück­zug an­ge­tre­ten und sich ge­wei­gert, die Adres­se zu nen­nen. Dann ging’s zum Kie­sel­berg.

Was den Ablauf der Tat an­be­langt, un­ter­schei­den sich die Aus­sa­gen der An­ge­klag­ten und des Op­fers al­ler­dings gra­vie­rend. Den bis­he­ri­gen Ver­neh­mun­gen zu­fol­ge ist ein 22-Jäh­ri­ger im Voll­rausch aus­ge­ras­tet. Ein 32-Jäh­ri­ger ging da­zwi­schen und die an­de­ren drei krieg­ten bis zur über­stürz­ten Flucht kaum et­was mit.

Das Op­fer in­des be­rich­tet, dass der 32-Jäh­ri­ge al­len au­ßer ihm et­was ins Ohr ge­flüs­tert ha­be und ihn dann auch fest­ge­hal­ten ha­be, als der 22-Jäh­ri­ge „wie aus dem Nichts“auf ihn ein­stach. Die an­de­ren hät­ten al­les mit­ge­kriegt, und ge­flo­hen sei­en sie, als er „Oh, mein Herz!“ge­sagt ha­be, weil plötz­lich so viel Blut floss. Ei­ner ha­be noch die mit­ge­brach­ten Fla­schen ein­ge­sam­melt und in den Ko‚er­raum ge­wor­fen, ehe die fünf da­von­fuh­ren und ihn bei fünf Grad mi­nus lie­gen lie­ßen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.