Schul­ze nutzt den Rü­cken­wind

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von Igor St­ein­le

Kaum je­mand kann­te die Um­welt­mi­nis­te­rin, als sie ins Amt kam. Vie­le be­fürch­te­ten gar Schlim­mes. Be­schließt die gro­ße Ko­ali­ti­on ein Kli­ma­pa­ket, wä­re das Schul­zes Meis­ter­stück. Un­ver­schäm­tes wehrt sie mit der Be­herr­schung ab, die Zen-Bud­dhis­ten auf­brin­gen.

Sven­ja wer?“lau­te­te die Re­ak­ti­on vie­ler Be­ob­ach­ter im März ver­gan­ge­nen Jah­res, als Sven­ja Schul­ze Nach­fol­ge­rin von Bar­ba­ra Hend­ricks im Um­welt­mi­nis­te­ri­um wur­de. Kaum je­man­dem war die heu­te 50-Jäh­ri­ge aus Müns­ter ein Be­griƒ. In Nord­rhein-West­fa­len war sie lan­ge For­schungs­mi­nis­te­rin un­ter Han­ne­lo­re Kraft, nach ih­rer Ab­wahl wur­de sie SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin. Soll­ten sich CDU, CSU und SPD nicht völ­lig ver­kracht ha­ben, könn­te Schul­zes Be­kannt­heits­grad ra­pi­de stei­gen. Denn mit den Be­schlüs­sen des Kli­ma­ka­bi­netts steht Schul­ze kurz vor ih­rem um­welt­po­li­ti­schen Meis­ter­stück.

Al­ler Vor­aus­sicht nach wird die gro­ße Ko­ali­ti­on ein weit­rei­chen­des Kli­ma­pa­ket vor­stel­len. Da­mit will die Bun­des­re­gie­rung, nach­dem sie im ver­gan­ge­nen Jahr noch aus Sor­ge vor der Wirt­schaft al­les aus­brems­te, was nach mehr Kli­ma­schutz roch, wie­der Kli­ma-Mus­ter­schü­ler in Eu­ro­pa wer­den. Ein Preis für CO2, För­de­rung von Elek­tro­mo­bi­li­tät und zahl­rei­che wei­te­re Maß­nah­men, die teil­wei­se schon in ei­nem rund 130-sei­ti­gen Pa­pier be­kannt wur­den, sol­len die Ein­hal­tung der Kli­ma­zie­le 2030 ga­ran­tie­ren und so den deut­schen Bei­trag zur Be­gren­zung der Er­der­wär­mung lie­fern. „Von ei­nem Mar­shall-Plan für den Kli­ma­schutz“, sprach CSU-Chef Mar­kus Sö­der gar.

Dass die­ser Kurs­schwenk mög­lich wur­de, hat viel mit der ge­sell­schaft­li­chen Re­le­vanz zu tun, die das The­ma er­hal­ten hat, so­wie mit ei­ner Um­welt­mi­nis­te­rin, die den Rü­cken­wind klug für ih­re The­men aus­nut­zen konn­te. „Jetzt ist die Zeit zu Han­deln“ist ein Satz, den Schul­ze ger­ne wie­der­holt.

Da­bei schlug ihr in der Haupt­stadt an­fangs vor al­lem Miss­trau­en ent­ge­gen. „Als lang­jäh­ri­ges Mit­glied der Berg­bau­ge­werk­schaft IG BCE muss Sven­ja Schul­ze gera­de bei der zen­tra­len Auf­ga­be des Koh­le­aus­stiegs schnell ih­re Un­ab­hän­gig­keit be­wei­sen“, for­der­te Gre­en­peace-Spre­cher To­bi­as Münch­mey­er.

Das ge­lang Schul­ze zu­nächst nur be­dingt. „Ich komm aus ’nem In­dus­trie­land. Ich weiß, dass man Ar­beit und Um­welt nicht ge­gen­ein­an­der aus­spie­len darf“, sag­te sie 24 St­un­den nach ih­rer Amts­über­nah­me, was bei Grü­nen und Um­welt­schüt­zern für Ent­set­zen sorg­te. Schul­ze be­ton­te wäh­rend der ers­ten Wo­chen oft, „ro­te Um­welt­po­li­tik“ma­chen zu wol­len, was so viel be­deu­tet wie Um­welt, So­zia­les und In­dus­trie mit­ein­an­der ver­söh­nen zu wol­len. Je grö­ßer das The­ma Kli­ma­schutz je­doch wur­de, des­to stär­ker er­grün­te Schul­ze im Lau­fe der Mo­na­te. Sie war ei­ne der ers­ten, die er­kann­te, dass der Pro­test am Ham­ba­cher Forst nicht aus der links­ex­tre­men Ecke, son­dern aus der Mit­te der Ge­sell­schaft kommt. Im Streit um die Ro­dung des Wald­stücks im rhei­ni­schen Koh­le­re­vier schlug sie sich ge­gen den Ener­gie­kon­zern RWE und ih­re ei­ge­ne Ge­werk­schaft auf die Sei­te der De­mons­tran­ten. Spä­tes­tens seit den Schü­ler­streiks und den Rie­sen­zu­wäch­sen der Grü­nen ist klar, dass sie da­mit den rich­ti­gen Rie­cher be­wie­sen hat.

Schul­ze nutz­te den Auf­wind für ih­re The­men und stell­te im Fe­bru­ar ein Kli­ma­schutz­ge­setz vor – zum blan­ken Ent­set­zen der Uni­on. Denn ihr Ent­wurf sah vor, dass al­le Res­sorts, die ih­re Kli­ma­zie­le ver­feh­len, dro­hen­de EUS­traf­zah­lun­gen aus ei­ge­nem Bud­get be­zah­len müs­sen. Da die be­troƒenen Mi­nis­te­ri­en al­le­samt in Uni­ons­hand sind, galt Schul­ze fort­an als ro­tes Tuch für Kon­ser­va­ti­ve. Von Pl­an­wirt­schaft und Um­welt­dik­ta­tur war die Re­de. Schul­ze ließ sich nicht be­ir­ren und reich­te das Ge­setz im Kanz­ler­amt ein, wor­auf­hin zur Kom­pro­miss­fin­dung das so­ge­nann­te Kli­ma­ka­bi­nett ins Le­ben ge­ru­fen wur­de. Ein Ar­beits­kreis aus al­len Mi­nis­tern, die mit CO2-Aus­stoß zu tun ha­ben.

Mit Zä­hig­keit zum Er­folg

Da­bei war lan­ge un­klar, ob Schul­ze über­haupt die ei­ge­ne Par­tei im Rü­cken hat. Laut war das Schwei­gen, bis ihr im Streit um das Kli­ma­schutz­ge­setz ir­gend­je­mand zur Sei­te sprang. Im In­ter­view mit die­ser Zei­tung sag­te sie: „Ich se­he vor al­lem den Fi­nanz­mi­nis­ter an mei­ner Sei­te.“Das hielt Olaf Scholz nicht da­von ab, kurz nach­dem Schul­ze ei­ne CO2-Steu­er ge­for­dert hat­te, das Vor­ha­ben aus Angst vor der Bild-Zei­tung öf­fent­lich zu be­er­di­gen. Die Um­welt­mi­nis­te­rin pla­ne ei­nen „Steu­er-Ham­mer bei Ben­zin und Heiz­öl“schrieb das Blatt.

Auch die Uni­on lief Sturm ge­gen die Ab­ga­be. Schul­ze je­doch be­wies auch hier ei­ne Zä­hig­keit, die ihr be­reits aus Nord­rhein-West­fa­len nach­ge­sagt wur­de. Dort ist es ihr als For­schungs­mi­nis­te­rin ge­lun­gen, ge­gen den Wi­der­stand der Hoch­schul­rek­to­ren die Macht der Uni­ver­si­tä­ten zu be­gren­zen. Heu­te wird sie wohl ei­nen Preis für CO2 ver­kün­den kön­nen. Das es sich da­bei nicht um ei­ne Steu­er, wie zu­nächst ge­for­dert, son­dern ei­nen CO2-Han­del han­delt, ist da­bei längst zweit­ran­gig.

Den Er­fol­gen zum Trotz wird Schul­ze in der Haupt­stadt im­mer noch oft be­lä­chelt. Das hat we­ni­ger mit feh­len­der Kom­pe­tenz zu tun, son­dern viel­mehr mit ei­nem frag­wür­di­gen Bild da­von, wie Po­li­ti­ker zu sein ha­ben. Schul­ze ist für Ber­li­ner Ver­hält­nis­se schlicht­weg zu nett. „Selbst gro­be Un­ver­schämt­hei­ten wehrt sie mit ei­ner Selbst­be­herr­schung ab, die al­len­falls Zen-Bud­dhis­ten auf­brin­gen. Kon­troll­ver­lus­te der SPD-Po­li­ti­ke­rin sind nicht über­lie­fert“, schrieb die West­deut­sche All­ge­mei­ne Zei­tung mal über sie.

Bei ih­ren An­ge­stell­ten kommt das an: Mi­nis­te­ri­ums­mit­ar­bei­ter schwär­men von ihr als der an­ge­nehms­ten Che­fin seit Nor­bert Rött­gen. Zur Wei­ber­fast­nacht streif­te sie mit Wolfs­kos­tüm und ei­nem Schild durchs BMU. Dar­auf stand: „Bit­te nicht er­schie­ßen.“

Fo­to: Imago/ Jörg Schü­ler

Sven­ja Schul­ze bei der Erönung der So­lar-Test­stre­cke in Er stadt.

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