„Den Da­ten fehl­te Tie­fe“

Der Tü­bin­ger Hirn­for­scher Niels Bir­bau­mer soll Auf­sät­ze zu­rück­zie­hen und För­der­mit­tel zu­rück­zah­len, ent­schei­det die Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft.

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMS­CHAU - Von Ul­rich Jan­ßen

Nach der Tü­bin­ger Uni­ver­si­tät hat jetzt auch die Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) dem Tü­bin­ger Hirn­for­scher Prof. Niels Bir­bau­mer in drei Fäl­len „wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten“be­schei­nigt. Nach den Er­kennt­nis­sen der DFG ha­ben Bir­bau­mer und sein Mit­ar­bei­ter Uj­wal Chaud­ha­ry Un­ter­su­chun­gen „nur un­voll­stän­dig per Vi­deo auf­ge­zeich­net“und Pa­ti­en­ten­da­ten „nur sum­ma­risch und nicht auf­ge­schlüs­selt auf­ge­zeich­net“. Auch sei­en zahl­rei­che Da­ten „nicht ver­wen­det wor­den, oh­ne dass dies aus­rei­chend nach­voll­zieh­bar o’en­ge­legt“wor­den sei. Ins­ge­samt sei da­durch „ei­ne Da­ten­tie­fe ver­mit­telt wor­den, die es de fac­to nicht ge­ge­ben“ha­be.

Die DFG hat­te den Fall durch zwei ex­ter­ne Fach­gut­ach­ter un­ter­su­chen las­sen. Am Di­ens­tag hat­te der Haupt­aus­schuss ihn ab­schlie­ßend be­ra­ten. Der An­lass: zwei Auf­sät­ze im Fach­jour­nal PLoS Bio­lo­gy. Da­rin sol­len die Wis­sen­schaft­ler fal­sche An­ga­ben ge­macht ha­ben. Im 2017 er­schie­ne­nen ers­ten und wich­tigs­ten Auf­satz hat­ten Bir­bau­mer und Chaud­ha­ry be­haup­tet, Kon­takt zu ALS-Pa­ti­en­ten her­ge­stellt zu ha­ben, die kei­ner­lei kör­per­li­che Re­ak­tio­nen mehr zei­gen konn­ten. Die Auf­sät­ze hat­ten welt­weit Auf­se­hen er­regt.

Die DFG for­der­te Bir­bau­mer und Chaud­ha­ry jetzt auf, bei­de Auf­sät­ze zu­rück­zu­zie­hen. Auch sol­len sie all je­ne För­der­mit­tel zu­rück­zah­len, die in die ent­spre­chen­de For­schung ge­flos­sen sind. Bir­bau­mer wur­de für fünf Jah­re von je­der An­trags­be­rech­ti­gung und je­der Gut­ach­ter­tä­tig­keit aus­ge­schlos­sen, Chaud­ha­ry darf drei Jah­re lang kei­ne An­trä­ge stel­len.

Die Sank­tio­nen be­weg­ten sich „am obe­ren Rand der DFG-Ver­fah­rens­ord­nung“, sag­te Pres­se­spre­cher Mar­co Fi­net­ti. Das heißt: Es sind emp­find­li­che Stra­fen für die Wis­sen­schaft­ler. Vor der Ent­schei­dung sei­en Bir­bau­mer und Chaud­ha­ry vom DFG-Un­ter­su­chungs­aus­schuss ge­trennt und aus­führ­lich an­ge­hört wor­den.

Bir­bau­mer, der mitt­ler­wei­le am Wyss-In­sti­tut in Genf forscht, er­fuhr ges­tern Mit­tag vom Be­schluss. Ges­tern Nach­mit­tag hielt er auf dem Hirn­for­scher-Sym­po­si­um in Tübingen ei­nen mit viel Bei­fall be­dach­ten Vor­trag über sei­ne ak­tu­el­len For­schun­gen.

Auf ei­ner im­pro­vi­sier­ten Pres­se­kon­fe­renz mach­te er an­schlie­ßend kei­nen Hehl dar­aus, dass ihn die Ent­schei­dung hart tre’e – vor al­lem, „weil Pa­ti­en­ten und jun­ge Mit­ar­bei­ter be­tro’en sind“. Selbst­kri­tisch räum­te er ein, dass ihm und sei­nem Mit­ar­bei­ter bei der Do­ku­men­ta­ti­on Feh­ler un­ter­lau­fen sei­en: „Das kann man uns mit Recht zum Vor­wurf ma­chen.“Bir­bau­mer wies aber auch dar­auf hin, dass es ei­nen Un­ter­schied ge­be zwi­schen For­schun­gen un­ter La­bor­be­din­gun­gen und For­schun­gen mit schwerst­kran­ken Pa­ti­en­ten. Im häus­li­chen Um­feld müs­se man Un­ter­su­chun­gen im­mer wie­der un­ter­bre­chen, „weil der Zu­stand der Pa­ti­en­ten dies er­for­dert oder tech­ni­sche Stö­run­gen auf­tre­ten kön­nen“. Aus die­sem Grund sei­en Da­ten nicht aus­ge­wer­tet und auch „nicht mit der

Pu­bli­ka­ti­on über­mit­telt“wor­den.

Dass es auch oh­ne DFG-Mit­tel ei­ne Zu­kunft für die ALS-For­schung ge­ben wird, dar­an ließ Bir­bau­mer kei­nen Zwei­fel. „Ich wer­de nie auf­ge­ben, die­sen Pa­ti­en­ten ei­ne Mög­lich­keit der Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ge­ben.“Seit 2017 ha­be er sei­ne For­schun­gen schon er­folg­reich fort­ge­setzt, die Er­geb­nis­se wol­le er so­bald wie mög­lich verö’ent­li­chen.

O’en ist die Zu­kunft der sie­ben­köp­fi­gen For­scher­grup­pe. Bir­bau­mer sag­te, er wer­de ver­su­chen, zu­min­dest ei­ni­ge der Leu­te in der Schweiz zu be­schäf­ti­gen. Klar ist aber, dass der Be­schluss der DFG die Kar­rie­re der jun­gen For­scher be­ein­träch­ti­gen wird.

Niels Bir­bau­mer ist da­von über­zeugt, dass voll­stän­dig ge­lähm­te Men­schen mit der Au­ßen­welt kom­mu­ni­zie­ren kön­nen.

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