Alarm auf dem Smart­pho­ne

Egal ob ver­netz­te So­cken oder fun­ken­de Kin­der­sit­ze: El­tern grei­fen für die Si­cher­heit ih­rer Ba­bys oft tief in ih­re Ta­sche. Me­di­zi­ner se­hen das kri­tisch.

Haller Tagblatt - - WIRTSCHAFT -

Auch die vol­le Über­wa­chung des Ba­bys in Be­zug auf Herz­schlag und Puls ist ein The­ma. Micha­el Neumann BDKH-Vor­stand Im ver­gan­ge­nen Jahr ka­men in Deutsch­land 2630 Ba­bys mehr zur Welt.

So viel ist klar: Bei der Si­cher­heit sei­ner Kin­der will nie­mand Ab­stri­che ma­chen. Was nach ei­ner Selbst­ver­ständ­lich­keit klingt, nimmt die Bran­che der Ba­by- und Kin­der­aus­stat­ter als zen­tra­len Baustein für ih­re Ge­schäf­te: Sie setzt ver­stärkt auf „smar­te“– al­so di­gi­ta­le – Si­cher­heits­funk­tio­nen ih­rer Pro­duk­te. Steigt bei­spiels­wei­se ein Va­ter in Ge­dan­ken aus dem Au­to aus und lässt sein Kind kurz­zei­tig al­lein zu­rück auf der Rück­bank, kann er Alarm­funk­tio­nen aufs Smart­pho­ne be­kom­men – dank ei­nes Kin­der­sit­zes mit Be­nach­rich­ti­gungs­funk­ti­on. Sol­che Trends sind The­ma auf der Mes­se Kind + Ju­gend, die gera­de in Köln läuft.

Ste¢en Kahnt, Ge­schäfts­füh­rer des Bun­des­ver­bands des Spiel­wa­ren-Ein­zel­han­dels (BVS), sagt zu der Ent­wick­lung: „Bei Kin­der­sit­zen sind Warn­sys­te­me stark im Kom­men, wel­che die El­tern via App in­for­mie­ren, wenn das Kind im Au­to ver­ges­sen oder zu lan­ge al­lein ge­las­sen wur­de.“Und der Vor­stand des Bun­des­ver­bands Deut­scher Kin­der­aus­stat­tungs-Her­stel­ler (BDKH), Micha­el Neumann, er­gänzt: „Auch die vol­le Über­wa­chung des Ba­bys in

Be­zug auf Puls, Herz­schlag, Tem­pe­ra­tur ist ein The­ma. All das ist schon mög­lich und wird si­cher­lich die nächs­ten Jah­re Ein­zug in den Mas­sen­markt er­hal­ten.“

Wei­te­re Bei­spie­le: Ei­ne di­gi­ta­le Kon­trol­le zeigt an, ob der Kin­der­sitz rich­tig in­stal­liert wur­de. Das könn­te tat­säch­lich et­was brin­gen. Denn laut ei­ner Stu­die der Un­fall­for­schung der Ver­si­che­rer (UDV) war im ver­gan­ge­nen Jahr fast je­der zwei­te Kin­der­sitz nicht ord­nungs­ge­mäß im Fahr­zeug ein­ge­baut.

Gro­ße Zah­lungs­be­reit­scha

Ex­tra ei­ne Warn­funk­ti­on für schus­se­li­ge El­tern – ist das über­haupt nö­tig? Die Bran­chen­ver­tre­ter be­to­nen, der Be­darf an sol­chen Pro­duk­ten sei da. Sie kön­nen sich da­bei auf die re­la­tiv gu­te Zah­lungs­be­reit­schaft ih­rer Kun­den ver­las­sen. Denn: Wer­den Sa­chen für Kin­der ge­kauft, grei­fen die Kun­den recht tief in die Ta­sche.

Nach BDKH-An­ga­ben ga­ben El­tern im ver­gan­ge­nen Jahr pro Kind im Schnitt 750 € aus, um ih­re Klei­nen aus­zu­stat­ten. Ein be­acht­li­cher Wert, zu­mal zu­sätz­lich vie­le El­tern ge­brauch­te Sa­chen auf In­ter­net­por­ta­len wie Ma­mi­k­rei­sel kau­fen oder auf Kin­der-Floh­märk­te ge­hen.

Die Bran­che, zu der die Fir­ma Ma­xi-Co­si aus Fre­chen bei Köln und Brit­ax Rö­mer aus Leip­heim in Bay­ern ge­hö­ren, kam im ver­gan­ge­nen Jahr auf ei­nen Deutsch­land-Um­satz von 7,3 Mrd. €, ver­g­li­chen mit 2017 war das ein Plus von 0,6 Pro­zent. Im Be­reich der so­ge­nann­ten Hart­wa­re, al­so Kin­der­wa­gen, Au­to­kin­der­sit­ze oder Fläsch­chen, ha­ben die Her­stel­ler so­gar 1,3 Pro­zent mehr Um­satz ver­zeich­net.

Ein Grund für die gu­te Ent­wick­lung der Bran­che sind dem BDKH zu­fol­ge die leicht ge­stie­ge­nen Ge­bur­ten­ra­ten. Laut Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt ka­men 2018 fast 2630 Ba­bys mehr zur Welt als noch im Jahr zu­vor. Ins­ge­samt lag die Zahl bei 787 523 – ein Zu­wachs von 0,3 Pro­zent. Auch die gu­te Kon­junk­tur dürf­te ei­ne Rol­le spie­len – vie­le El­tern ha­ben mehr Geld in der Ta­sche als zu­vor und das ge­ben sie gern für ih­re Klei­nen aus.

Ver­netz­te Hel­fer hal­ten aber nicht nur im Au­to, son­dern auch in den Kin­der­zim­mern Ein­zug. Auf der Kind + Ju­gend wer­den den Fach­be­su­chern die „smar­ten“Ge­rä­te in die­sem Jahr wie­der im so­ge­nann­ten Con­nec­ted Kids­room prä­sen­tiert, wie die Koeln­mes­se vor der Erö¢nung mit­teil­te. Mit 1288 An­bie­tern aus 55 Län­dern zäh­le die Mes­se zu ei­nem der größ­ten Bran­chen­t­re¢en welt­weit.

Angst vor plötz­li­chem Kinds­tod

Zur Aus­stat­tung des „Con­nec­ted Kids­rooms“ge­hö­ren zum Bei­spiel smar­te Ba­by­fo­ne wie von An­gel­ca­re oder Mo­to­ro­la oder die Puls­mess­so­cke von Ow­let Ba­by Ca­re. Sie sol­len un­ter an­de­rem hel­fen, das zu ver­hin­dern, was vie­le El­tern nachts nicht schla­fen lässt: den plötz­li­chen Kinds­tod. Auf dem Smart­pho­ne könn­ten Ma­ma und Pa­pa Herz­schlag, Atem­be­we­gun­gen oder die Sau­er­s­to¢sät­ti­gung über­wa­chen, schrei­ben die Her­stel­ler auf ih­ren Web­sei­ten. Die Ge­rä­te zei­gen dem­nach auch an, ob die an­ge­zeig­ten Wer­te zu hoch oder zu nied­rig sind.

Nichts­des­to­trotz bli­cken die Her­stel­ler für Ba­by-Über­wa­chungs­ge­rä­te den Markt­for­schern des bri­ti­schen Un­ter­neh­mens Tech­na­vio zu­fol­ge in ei­ne ro­si­ge Zu­kunft. Für das lau­fen­de Jahr er­war­ten die Ex­per­ten welt­weit ei­ne Wachs­tums­ra­te in die­sem Seg­ment von et­wa 10,5 Pro­zent ver­g­li­chen mit dem ver­gan­ge­nen Jahr. In den kom­men­den Jah­ren soll der welt­wei­te Markt dem­nach um bis zu 11 Pro­zent im Jahr wach­sen.

Bis 2023 rech­nen die Markt­for­scher ins­ge­samt mit ei­nem Um­satz­plus von 381 Mio. US-Dol­lar (346,5 Mio. €). Als füh­ren­de Un­ter­neh­men der Bran­che wei­sen die Markt­for­scher ne­ben An­gel­ca­re und Ow­let Ba­by Ca­re et­wa auch Hi­sen­se und die May­born Group aus.

Johannes Neu­de­cker

Fo­to: Oliver Berg/dpa

Ted­dy­bär, der Ge­räu­sche zum Ein­schla­fen macht: Zur Be­ru­hi­gung der Klei­nen ent­wi­ckeln Her­stel­ler neue Pro­duk­te.

Fo­to: Hen­ning Kai­ser/dpa

Das An­ge­bot be­schränkt sich nicht auf das Kin­der­zim­mer, auch Au­to­sit­ze be­kom­men neue Funk­tio­nen.

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