Der ver­ges­se­ne Ar­chi­tekt

Aus­stel­lung Max Her­re ist ein be­kann­ter Mu­si­ker. Sei­nen Opa kennt kaum je­mand, ob­wohl er zu den Prot­ago­nis­ten der Stutt­gar­ter Avant­gar­de ge­hör­te. Das Stadt­pa­lais will das än­dern.

Haller Tagblatt - - STUTTGART UND UMGEBUNG - Von Ca­ro­li­ne Ho­lo­wiecki

Ich ha­be vor­her noch nie von Richard Her­re ge­hört. Tor­ben Gie­se Di­rek­tor des Stadt­pa­lais

Die Stutt­gar­ter Hip-HopS­tars ge­hen im Stadt­pa­lais ein und aus. Ak­tu­ell wid­met das Mu­se­um den be­rühm­tes­ten Stadt-Söh­nen, den Fan­tas­ti­schen Vier, zum 30-Jahr-Band­ju­bi­lä­um ei­ne Son­der­schau, die „Mas­si­ven Tö­ne“und wei­te­re Mit­strei­ter aus dem Künst­ler­kol­lek­tiv „Kol­cho­se“wur­den eben­falls be­reits mit ei­ner Aus­stel­lung be­dacht. Mit dem „Freun­des­kreis“-Rap­per Max Her­re saß En­de 2017 noch ein Gro­ßer der hie­si­gen Sze­ne auf dem Pa­lais-Po­di­um, um die „Mut­ter­stadt“zu rüh­men.

Jetzt war Max Her­re wie­der da – al­ler­dings nur, um über ein an­de­res Fa­mi­li­en­mit­glied zu spre­chen: sei­nen Opa Richard Her­re. Er ist be­reits vor 60 Jah­ren ge­stor­ben und dürf­te heu­te nur den we­nigs­ten Bür­gern et­was sa­gen. Auch Tor­ben Gie­se, Di­rek­tor des Stadt­pa­lais, gab zu: „Ich ha­be vor­her noch nie von Richard Her­re ge­hört.“Da­bei war er ei­ner der Prot­ago­nis­ten der Stutt­gar­ter Avant­gar­de und hat Stadt­bild und -ge­schich­te durch­aus ge­prägt.

Richard Her­re war Teil ei­nes auf­stre­ben­den Kol­lek­tivs von Stadt­pla­nern, De­si­gnern und Ar­chi­tek­ten, die die be­rühm­te Wei­ßen­hof­sied­lung mit­ge­stal­tet hat­ten. Die 1927 vom Deut­schen Werk­bund er­rich­te­te Nach­bar­schaft auf den Halb­hö­hen­la­gen des Stutt­gar­ter Nor­dens gilt bis heu­te als ei­nes der ein­fluss­reichs­ten Bei­spie­le mo­der­ner Ar­chi­tek­tur. Richard Her­re war ei­ner der Ide­en­ge­ber ge­we­sen. Zu­dem hat­te er sei­ner­zeit das Haus 24 von Max Taut aus­ge­stat­tet, das heu­te je­doch nicht mehr steht.

„Richard Her­re ist ein biss­chen in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten ge­gen­über den an­de­ren Wei­ßen­hof-Ar­chi­tek­ten“, er­klär­te Edith Ne­u­mann, stell­ver­tre­ten­de Di­rek­to­rin des Stutt­gart-Mu­se­ums. Das soll sich jetzt än­dern. Sie hat ei­ne Aus­stel­lung über „das Mul­ti­ta­lent“ku­ra­tiert, die im No­vem­ber erö§net wird. Ein Groß­teil der Ex­po­na­te über den Ar­chi­tek­ten, Mö­bel­de­si­gner, Ty­po­gra­fen und Über­set­zer ei­ni­ger Schrif­ten von Le Cor­bu­si­er stammt aus dem Fa­mi­li­en­be­sitz.

Der mu­si­ka­li­sche En­kel mit dem mar­kan­ten Lo­cken­kopf hat­te sich zu­vor mit sei­nem Va­ter Frank, eben­falls Ar­chi­tekt, auf die Spu­ren sei­nes Groß­va­ters be­ge­ben. Sie ha­ben Mö­bel, Kunst-Auf­sät­ze, Pla­ka­te oder Brie­fe, die er zeit­le­bens mit sei­nen Künst­ler­freu­den Wil­li Bau­meis­ter und Os­kar Schlem­mer aus­ge­tauscht hat­te, zu­sam­men­ge­tra­gen. Die Re­cher­che war kom­pli­ziert. Da das Ate­lier Her­res bei ei­nem Luft­an­gri§ 1944 zer­stört wor­den war, sind nur we­ni­ge Ori­gi­na­le er­hal­ten. „Der ent­schei­den­de Teil sei­ner Ar­beit ist ver­brannt. Üb­rig ist, was er zu Hau­se auf­be­wahrt hat­te“, er­klär­te Frank Her­re.

Wer schon im­mer wis­sen woll­te, wie es beim „A-N-NA“-Sän­ger da­heim aus­ge­se­hen hat, kann sich ab dem 28. No­vem­ber im Sa­lon So­phie des Stadt­pa­lais ei­nen Ein­druck da­von ver­scha§en. Dort wird die Schau bis zum 1. März 2020 kos­ten­frei zu se­hen sein.

Für An­ja Krä­mer, Lei­te­rin des Wei­ßen­hof­mu­se­ums, ist Richard Her­re „ei­ne lang über­fäl­li­ge Wie­der­ent­de­ckung“.

Und nicht nur durch die Aus­stel­lung kommt er post­hum zu Eh­ren. Laut Max Her­re wird das Frank­fur­ter De­si­gn­bü­ro „e15“ei­ni­ge Ent­wür­fe sei­nes Opas neu auf­le­gen. Der Rap­per zeig­te auf ei­nen Stuhl: „Der geht 90 Jah­re nach sei­nem Ent­wurf zum ers­ten Mal in Se­rie.“

Foto: Ma­ri­jan Mu­rat/dpa

Der Hip-Hop-Mu­si­ker Max Her­re sitzt zwi­schen Stüh­len, die sein Groß­va­ter Richard Her­re ent­wor­fen hat.

Foto: Stadt­pa­lais

Richard Her­re ge­stal­te­te die Wei­ßen­hof­sied­lung mit.

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