„Ra­di­ka­ler Sound“

Kret­sch­mann kri­ti­siert das Kli­ma-Pa­ket der Bun­des­re­gie­rung mit deut­li­chen Wor­ten. Sei­ne Par­tei fei­ert ihn beim Ju­bi­lä­ums­par­tei­tag für die ver­schärf­te Ton­la­ge.

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMS­CHAU - Von Ro­land Mu­schel

So­lan­ge un­ser Spit­zen­kan­di­dat jün­ger ist als eu­re Ide­en, seht ihr alt aus. San­dra Det­zer Grü­nen-Lan­des­che­fin in Rich­tung CDU

Vor der Sin­del­fin­ger Stadt­hal­le stre­cken De­mons­tran­ten Pla­ka­te in die Hö­he. Sie for­dern Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann auf, den „Schrott­re­ak­tor“Neckar­west­heim II so­fort ab­schal­ten. Spä­ter en­tert ei­ne klei­ne Trup­pe von Geg­nern des Frei­han­dels­ab­kom­mens Ce­ta in der Hal­le mit ei­nem Trans­pa­rent die Büh­ne: „Was ist noch Grün bei den Grü­nen bei ei­nem Ja für Ce­ta?“, steht dar­auf.

Stadt­hal­le Sindelfing­en, Ju­bi­lä­ums­par­tei­tag der Grü­nen. Vor 40 Jah­ren ha­ben Kret­sch­mann und Co. den Lan­des­ver­band an Ort und Stel­le aus der Tau­fe ge­ho­ben. Aus klei­nen An­fän­gen ist die stärks­te Par­tei im Land er­wach­sen, die jüngs­te Um­fra­ge sieht sie bei 38 Pro­zent. Die Pro­tes­te, die sich nun ge­gen die Re­gie­rungs­par­tei wen­den, zei­gen nicht nur, wie eta­bliert die Grü­nen in­zwi­schen sind, son­dern auch, dass mit dem Er­folg die Er­war­tun­gen wach­sen.

Kret­sch­mann ver­sucht ih­nen ge­recht zu wer­den. Sei­ne knapp ein­stün­di­ge Re­de am Sams­tag, zum Auf­takt des zwei­tä­gi­gen Tre¡ens, ist ei­ne Mi­schung aus nost­al­gi­schem Rück­blick, Stand­ort­be­stim­mung und Aus­blick. Scharf kri­ti­siert er das Kli­ma­schutz­pa­ket der Bun­des­re­gie­rung, vor al­lem den ge­wähl­ten Ein­stieg in die CO2-Be­prei­sung mit 10 Eu­ro pro Ton­ne CO2. In der Schweiz lie­ge der Preis bei 80 Eu­ro, in Schwe­den bei 115. „Und bei uns sol­len 10 Eu­ro rei­chen? Das ist doch ein Trep­pen­witz!“, schimpft Kret­sch­mann. In ei­ner „öko­lo­gi­schen Markt­wirt­schaft“müs­se die Politik den Rah­men scha¡en, da­mit der Kli­ma­schutz vor­an­kom­me. „Da­zu ge­hö­ren auch Ge­bo­te und Ver­bo­te.“Die­sen Satz kön­ne die Uni­on je­den Tag aus der Ta­sche zie­hen, „ums uns zu dis­kre­di­tie­ren“, er blei­be rich­tig. Er ha­be aber „nicht vor, den Ver­bots-MP zu ma­chen“, ver­sucht der Mi­nis­ter­prä­si­dent, im Fach­jar­gon: MP, ei­ni­ge Sät­ze dar­auf sei­ner Aus­sa­ge die Schär­fe zu neh­men.

Was bei den De­le­gier­ten hän­gen bleibt, ist aber die ver­schärf­te Ton­la­ge. „Ich fand dei­ne Re­de groß­ar­tig, Win­fried. So ra­di­kal

ha­be ich dich in letz­ten Jah­ren nie ge­hört“, sagt die Ra­vens­bur­ger Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Agnies­z­ka Brug­ger, ei­ne Par­tei­lin­ke, am Sams­tag­abend in ei­ner Po­di­ums­run­de. „Wenn ich ganz ehr­lich bin, hät­te ich oh­ne die Fri­days-For-Fu­ture-Be­we­gung nicht so aufs Blech ge­hau­en, wie ich’s ge­macht ha­be“, er­wi­dert Kret­sch­mann. Dann hät­te er „ei­nen so ra­di­ka­len Sound“wohl nicht ge­wählt.

Ei­nen neu­en Ton schlägt er da­bei auch mit Blick auf die Land­tags­wahl 2021 an. „Dass nicht ge­gen uns re­giert wer­den kann“, be­nennt Kret­sch­mann da als „ein wich­ti­ges Wahl­ziel“. Und dass es ihn, nach der Re­gie­rungs­zeit mit der da noch fast gleich star­ken SPD von 2011 bis 2016 und der jet­zi­gen Ko­ali­ti­on mit der CDU „schon mal in­ter­es­sie­ren“wür­de, in ei­ner Ko­ali­ti­on mit ei­nem klei­nen Part­ner zu re­gie­ren. Was der Re­gie­rungs­chef da im Plau­der­ton vor­trägt, ist ei­ne Kampf­an­sa­ge an den der­zei­ti­gen Part­ner CDU. Denn Kret­sch­manns Über­le­gun­gen kön­nen nur Rea­li­tät wer­den, wenn die Grü­nen ih­ren Re­kord­wert in den Um­fra­gen bis zum Wahl­tag hal­ten, wenn nicht gar aus­bau­en, um dann mit der FDP oder der SPD re­gie­ren zu kön­nen. Bei­de Par­tei­en ste­hen laut Um­fra­ge der­zeit bei 8 Pro­zent.

Den An­spruch, die CDU dau­er­haft als füh­ren­de Par­tei im Süd­wes­ten ab­lö­sen zu wol­len, un­ter­streicht Grü­nen-Lan­des­che­fin San­dra Det­zer. „Wir sind Ori­en­tie­rungs­par­tei für ganz Ba­den­Würt­tem­berg“, sagt sie, und gibt dem Ko­ali­ti­ons­part­ner nach kri­ti­schen An­mer­kun­gen aus der Uni­on zum Al­ter von Kret­sch­mann, der im Wahl­jahr 73 wird, noch ei­ne mit: „So­lan­ge un­ser Spit­zen­kan­di­dat jün­ger ist als eu­re Ide­en, seht ihr alt aus.“Det­zer und ihr Co-Vor­sit­zen­der Oli­ver Hil­den­brand wer­den von den De­le­gier­ten mit sehr gu­ten Er­geb­nis­sen für wei­te­re zwei Jah­re im Amt be­stä­tigt. Da­ge­gen scha¡t es Land­tags­frak­ti­ons­chef Andre­as Schwarz, wenn auch knapp, nicht mehr in den Par­tei­rat. Ur­säch­lich da­für dürf­te sein, dass er den Wunsch vie­ler neu­er De­le­gier­ter nach ei­nem ra­di­ka­le­ren Sound als Un­ter­händ­ler in Ver­hand­lun­gen mit dem Ko­ali­ti­ons­part­ner CDU nicht so gut be­die­nen kann. Im Par­tei­rat sind die lan­ge do­mi­nie­ren­den Rea­los und der lin­ke Flü­gel nun gleich stark.

In der De­bat­te um den Leit­an­trag zum Kli­ma­schutz spie­gelt sich der Span­nungs­bo­gen wie­der. Ein Ver­tre­ter von Fri­days For Fu­ture, Adri­an Lä­che­le, kri­ti­siert als Gast­red­ner den Text als mut­los: „Wenn das die grü­ne Ant­wort auf die Kli­ma­kri­se ist, dann hat man sie ih­rer Iden­ti­tät be­raubt.“Die Sehn­sucht nach mehr Ra­di­ka­li­tät bricht sich in ei­ner deut­li­chen Ver­schär­fung des Ent­wurfs des Lan­des­vor­stands bei den Zie­len im Ver­kehrs­sek­tor Bahn: Da­nach wol­len die Grü­nen den Au­to­ver­kehr in den In­nen­städ­ten bis 2030 um die Hälf­te re­du­zie­ren. ENBWChef Frank Mas­ti­aux be­stärkt die Grü­nen da­rin, am­bi­tio­nier­te Zie­le zu be­nen­nen. Die Ju­gend for­de­re Tem­po, Mut und Ent­schlos­sen­heit, sagt Mas­ti­aux mit Ver­weis auf die Fri­days-For-Fu­ture-Pro­tes­te. „Die­ses Mo­men­tum gilt es zu nut­zen.“

An an­de­rer Stel­le ent­schär­fen die De­le­gier­ten da­ge­gen mehr­heit­lich die Erst­fas­sung. Ba­den­Würt­tem­berg soll dem­nach nun nicht bis 2040 kli­ma­neu­tral sein, wie zu­nächst vom Lan­des­vor­stand vor­ge­se­hen, son­dern „schnellst­mög­lich“.

Fotos: Se­bas­ti­an Goll­now/dpa

„Oh­ne Fri­days for Fu­ture hät­te ich nicht so aufs Blech ge­hau­en“, sagt Win­fried Kret­sch­mann.

Blei­ben bei­de Lan­des­chefs der Grü­nen: Oli­ver Hil­den­brand und San­dra Det­zer. Ge­gen­kan­di­da­ten gab es kei­ne.

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