Im Na­men der Bie­ne

Ab so­fort schwär­men die Un­ter­schrif­ten­samm­ler aus: Das Ar­ten­schutz-Volks­be­geh­ren star­tet. Die Initia­ti­ve hat Zeit bis März 2020.

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMS­CHAU - Von Jens Schmitz www.volks­be­geh­ren-ar­ten­schutz.de

Vom heu­ti­gen Di­ens­tag an ha­ben Ba­den-Würt­tem­ber­ger erst­mals in der Lan­des­ge­schich­te die Mög­lich­keit, selbst über ei­nen Ge­setz­ent­wurf zu be­fin­den: Ar­ten­schüt­zer wol­len min­des­tens 770 000 Un­ter­schrif­ten sam­meln, um das Volks­be­geh­ren „Ret­tet die Bie­nen“zum Er­folg zu brin­gen. Doch es gibt auch Furcht vor den Fol­gen. Ein Über­blick zu den wich­tigs­ten Punk­ten.

Wo­rum geht es? Die Initia­ti­ve „pro­Bie­ne“um die bei­den Stutt­gar­ter Be­rufs­im­ker Da­vid Gerst­mei­er und To­bi­as Mil­ten­ber­ger hat ei­nen Ge­setz­ent­wurf vor­ge­legt, um das In­sek­ten- und Ar­ten­ster­ben zu brem­sen. Mitt­ler­wei­le hat sich ein Trä­ger­kreis aus 13 Or­ga­ni­sa­tio­nen ge­bil­det; ins­ge­samt wird das Pro­jekt von mehr als 100 Or­ga­ni­sa­tio­nen un­ter­stützt. Un­ter an­de­rem for­dern sie den Aus­bau der öko­lo­gi­schen Land­wirt­schaft auf 50 Pro­zent bis 2035, die Hal­bie­rung des Pes­ti­zid­ein­sat­zes bis 2025 und ein prin­zi­pi­el­les Ver­bot von Pes­ti­zi­den in Schutz­ge­bie­ten. Streu­obst­wie­sen in Orts­rand­la­ge sol­len bes­ser ge­gen Be­bau­ung ge­schützt wer­den. Das Bünd­nis ver­weist dar­auf, dass 40 Pro­zent der Tier- und Pflan­zen­ar­ten im Land be­droht sind. Zwi­schen­er­geb­nis­se aus dem In­sek­ten­mo­ni­to­ring des Lan­des be­zeich­ne­te das Um­welt­mi­nis­te­ri­um vor we­ni­gen Ta­gen als alar­mie­rend. Am Bo­den­see kam ei­ne Stu­die des Max-Planck-In­sti­tuts für Ver­hal­tens­bio­lo­gie zu dem Schluss: „Das durch den Men­schen ver­ur­sach­te In­sek­tenster­ben wirkt sich mas­siv auf un­se­re Vö­gel aus.“Bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz der Initia­ti­ve am Mon­tag er­gänz­te Na­bu-Lan­des­chef Jo­han­nes Ens­s­le, bei al­len Be­mü­hun­gen sei wei­ter­hin ei­ne Ver­ar­mung der Mi­kro­fau­na in Fließ­ge­wäs­sern durch Pes­ti­zi­de nach­weis­bar.

Der größ­te Streit­punkt. Bis­lang ist der Pes­ti­zid­ein­satz in Schutz­ge­bie­ten grund­sätz­lich er­laubt, das Volks­be­geh­ren will ihn grund­sätz­lich ver­bie­ten. Be­tro£en wä­re laut Lan­des­re­gie­rung et­wa ein Drit­tel der Agrar­flä­che. Win­zer am Kai­ser­stuhl und Obst­bau­ern am Bo­den­see war­nen, dass die Re­ge­lung ih­re Be­rufs­aus­übung un­mög­lich ma­chen wür­de. Die Initia­to­ren des Volks­be­geh­rens be­zeich­nen das als Falsch­in­for­ma­ti­on: Krei­se und Re­gie­rungs­prä­si­di­en könn­ten Pes­ti­zi­de nach ei­ner Prü­fung auch künf­tig zu­las­sen, so­weit sie den Schutz­zweck nicht ge­fähr­den. So steht es im um­strit­te­nen Pa­ra­gra­fen 34 des Ge­setz­ent­wurfs. In­trans­pa­renz der Lan­des­re­gie­rung et­wa bei der O£en­le­gung von Stu­di­en ha­be da­zu ge­führt, dass das Ver­trau­en der Um­welt­sei­te „zer­wirkt“sei, sag­te Ens­s­le. Des­halb will das Be­geh­ren die Be­weis­last nun um­keh­ren. Auf ih­rer Sei­te ha­ben die Initia­to­ren ei­ne Beur­tei­lung des CDU-ge­führ­ten In­nen­mi­nis­te­ri­ums aus dem Au­gust, die un­se­rer Zei­tung vor­liegt: Die Re­ge­lun­gen zum Pes­ti­zid­ver­bot in Land­schafts­schutz­ge­bie­ten sei­en nicht nur zu­mut­bar, son­dern auch er­for­der­lich, heißt es dort. Falls im Ein­zel­fall ei­ne Aus­nah­me nicht mög­lich sei und ein Land­wirt da­durch un­zu­mut­bar be­las­tet wür­de, be­ste­he ei­ne Pflicht zur Ent­schä­di­gung durch das Land.

Wel­che Kri­tik gibt es noch? Un­ter an­de­rem ist um­strit­ten, ob ein Aus­bau des Öko­land­baus auf 50 Pro­zent bis 2035 den Markt zer­stört. Die grün-schwar­ze Ko­ali­ti­on möch­te den An­teil der Bio­land­wirt­schaft bis 2030 auf 30 Pro­zent he­ben, die Grü­nen neu­er­dings auf 40 Pro­zent. Der Lan­des-Ge­schäfts­füh­rer von Deutsch­lands größ­tem Öko-An­bau­ver­band trat im Ju­li dem Ein­druck ent­ge­gen, Bio­land leh­ne das Volks­be­geh­ren ab: Die Or­ga­ni­sa­ti­on set­ze auf ein er­folg­rei­ches Volks­be­geh­ren, wol­le sich da­nach aber für hand­werk­li­che Ver­bes­se­run­gen en­ga­gie­ren.

Ist ein Kom­pro­miss mög­lich?

Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) und CDU-Frak­ti­ons­chef Wolf­gang Rein­hart ha­ben sich für ei­nen Run­den Tisch aus­ge­spro­chen. Es gibt al­ler­dings ak­tu­ell kei­ne Mög­lich­keit, am Ge­setz­ent­wurf et­was zu än­dern: Wenn das Volks­be­geh­ren Er­folg hat, wird er dem Land­tag vor­ge­legt; die­ser muss über ihn ab­stim­men. Wenn er ab­lehnt, kommt es zur Volks­ab­stim­mung, zu der die Re­gie­rung ei­nen ei­ge­nen Kon­kur­renz­ent­wurf bei­steu­ern könn­te. Die Initia­to­ren ho£en aber, dass der Land­tag an­nimmt: Er kön­ne dann, sag­te BUND-Lan­des­ge­schäfts­füh­re­rin Syl­via Pi­lar­s­ky-Grosch, im­mer noch er­gän­zen­de Re­ge­lun­gen tre£en. „pro­Bie­ne“sei o£en für die Idee, ei­nen Run­den Tisch zur Ver­stän­di­gung über die Um­set­zung von Pa­ra­graf 34 zu nut­zen.

Wie wird ge­sam­melt? Für ein er­folg­rei­ches Volks­be­geh­ren braucht es die Un­ter­stüt­zung von je­dem zehn­ten Wahl­be­rech­tig­ten im Süd­wes­ten – das sind min­des­tens 770 000. Zum Auf­takt soll es in grö­ße­ren Städ­ten Stän­de und Ak­tio­nen ge­ben. Gleich­zei­tig kön­nen In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al und das Form­blatt zum Un­ter­schrei­ben on­line her­un­ter­ge­la­den wer­den. Vom 18. Ok­to­ber bis 17. Ja­nu­ar sol­len dann auch in al­len Rat­häu­sern Un­ter­schrif­ten­lis­ten aus­lie­gen. Ins­ge­samt hat das Bünd­nis bis zum 23. März 2020 Zeit, um sein Ziel zu er­rei­chen.

Obst­bau­ern und Win­zer war­nen, ih­re Be­ru­fe sei­en durch die Re­ge­lun­gen be­droht. Zum Auf­takt wer­den an Stän­den in grö­ße­ren Städ­ten Stim­men ge­sam­melt.

Foto: Frank Rum­pen­horst/dpa

Nach dem Pol­len­sam­meln ie­gen die Bie­nen in ih­ren Stock. Ein Volks­be­geh­ren will die In­sek­ten schüt­zen.

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