„Ich bin ab­so­lut ge­gen frei­en Ein­tritt“

Claus Pey­mann liest im Kün­zel­sau­er Mu­se­um Würth aus „Mei­ne Prei­se“von Tho­mas Bern­hard. Er stellt die Ko­mik in Bern­hards Text her­aus und plau­dert ger­ne auch über sich selbst.

Haller Tagblatt - - MENSCHEN - Von Mo­ni­ka Ever­ling

Bloß kein Mit­leid! Das wä­re furcht­bar!

Claus Pey­mann ist schon zu Leb­zei­ten ei­ne Le­gen­de und er lässt we­nig Zwei­fel dar­an, dass er das rich­tig und an­ge­mes­sen fin­det. Man kann ihm nicht vor­wer­fen, dass er sein Licht un­ter den Schef­fel stel­len wür­de. Im Ge­gen­teil: Sei­ne Le­sung im Mu­se­um Würth lässt er en­den mit ei­nem Brief, den er just an die­sem Tag vom Würth-Li­te­ra­tur­preis­trä­ger 2018, Chris­toph Rans­mayr, er­hal­ten hat. Rans­mayr schreibt, er wol­le im­mer ger­ne wis­sen, „wo Sie

(Pey­mann) gera­de leuch­ten“. Am ver­gan­ge­nen Frei­tag al­so leuch­tet Pey­mann in Kün­zels­auGais­bach. Noch be­vor der gro­ße Thea­ter­mann die Büh­ne be­tritt, be­ginnt er zu plau­dern. Beim Ver­such, ein Ofen­ge­mü­se zu­stan­de zu brin­gen, als sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin Jut­ta Fer­bers im Grö­ne­mey­er-Kon­zert war, sei er ge­stol­pert, be­grün­det er, wes­halb er am Stock und am Arm eben­die­ser Jut­ta Fer­bers in den Saal hum­pelt. Das Ofen­ge­mü­se ha­be er im Fal­len noch ret­ten kön­nen, aber der Fuß sei wohl ver­staucht oder so. Das sei jetzt halt das Si­g­net ei­nes 82-Jäh­ri­gen. Dann möch­te er wis­sen, ob je­mand im Saal äl­ter ist als er: Drei Be­su­cher mel­den sich.

Pey­mann plau­dert wei­ter, kommt von „die­sem wun­der­schö­nen klei­nen Ort“, der fast schon ein Pa­ra­dies sei, auf den frei­en Ein­tritt zu die­ser Ver­an­stal­tung: „Ich bin ab­so­lut ge­gen frei­en Ein­tritt!“Was man nicht be­zah­len müs­se, wer­de auch nicht wert­ge­schätzt, meint er. Er lässt sich aber mil­der stim­men, als aus dem Pu­bli­kum Wi­der­spruch kommt, und lobt das groß­zü­gi­ge Mä­ze­na­ten­tum der Würth-Grup­pe – wo­bei er be­tont: „Ich ha­be es nicht nö­tig, zu pous­sie­ren.“

Vie­le der be­deu­ten­den Schrift­stel­ler un­se­rer Zeit nennt Pey­mann sei­ne Freun­de. Er zählt ein paar auf: Pe­ter Tur­ri­ni, El­frie­de Jelinek, „mit Pe­ter Hand­ke zer­strit­ten, dann wie­der be­freun­det“und vor al­lem Tho­mas Bern­hard, „der be­deu­tends­te Ro­man­cier und Dra­ma­ti­ker im deutsch­spra­chi­gen Raum“.

Des­sen Buch „Mei­ne Prei­se“steht an die­sem Abend im Mit­tel­punkt. Nach­dem Pey­mann o‘en­bar un­ter Schmer­zen („Bloß kein Mit­leid! Das wä­re furcht­bar!“) die Stu­fen zur Büh­ne er­klom­men hat, liest er Aus­zü­ge, in de­nen Bern­hard be­schreibt, wie er auf li­te­ra­ri­sche Aus­zeich­nun­gen re­agiert hat: meis­tens mit Ekel und Hab­sucht. Bern­hard, der be­kannt ist für Pro­vo­ka­tio­nen, läs­tert über al­les und je­den: „Al­les war vol­ler Schweiß und Wür­de“, heißt es da, oder: „Im Kunst­se­nat sit­zen lau­ter ka­tho­li­sche und na­tio­na­lis­ti­sche Ar­sch­lö­cher und ein paar Ali­bi-Ju­den.“Der Li­te­ra­tur­be­trieb und des­sen Prot­ago­nis­ten sind ihm zu­wi­der. Aber das Preis­geld lockt: „Ich bin geld­gie­rig. Ich bin cha­rak­ter­los. Ich bin selbst ein Schwein.“

Der Au­tor war o‘en­bar sehr oft in Fi­nanz­nö­ten. So muss­te er we­gen ei­ner Krank­heit Geld vor­stre­cken, um „in ei­ner To­des­sta­ti­on auf­ge­nom­men zu wer­den“, die er dann aber doch le­bend ver­las­sen konn­te. Oder er woll­te sich ein Ge­höft kau­fen, in dem er dann bis zu sei­nem To­de leb­te. So über­wand er im­mer wie­der sei­ne Ab­scheu und ließ sich eh­ren. Bern­hards Be­schrei­bun­gen ent­beh­ren nicht der Ko­mik und Pey­mann weiß die­se in sei­nem Vor­trag auch gut her­aus­zu­stel­len.

Man hat den Ein­druck, dass Pey­mann Bern­hard in vie­lem zu­stimmt. Die Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den war eng: Pey­mann hat 14 Stü­cke von Bern­hard ur­auf­ge­führt. Aber da, wo er sich sel­ber in der Schuss­li­nie sieht, näm­lich als es um die 1968er-Stu­den­ten­be­we­gung geht, zeigt sich der Re­gis­seur doch ge­tro‘en: Mit die­ser Pas­sa­ge ha­be er lan­ge ge­ha­dert, gibt er zu, „aber viel­leicht hat Bern­hard recht“.

An an­de­rer Stel­le lässt Pey­mann eben­falls ein­flie­ßen, dass er sich an­ge­spro­chen fühlt: An­ton Wild­gans wer­de ver­ehrt, weil er mal Burg­thea­ter-In­ten­dant war, liest Pey­mann vor. Dann merkt er an: „Wie ich.“

Es fällt dem Thea­ter­mann leicht, sein Pu­bli­kum im Al­maWürth-Saal zu fes­seln. Jut­ta Fer­bers hat das Büh­nen­bild mit Pla­ka­ten ge­scha‘en, auf de­nen die Na­men von Li­te­ra­tur­prei­sen zu le­sen sind, und sie wirkt auch mit klei­nen Ein­wür­fen mit. Die et­wa 200 Zu­hö­rer im zwar im Vor­feld aus­ge­buch­ten, aber am Ver­an­stal­tungs­abend doch nicht voll be­setz­ten Al­ma-Würth-Saal spen­den be­geis­ter­ten Bei­fall für die Re­gie-Le­gen­de – und er­hal­ten den Brief des „in be­geis­ter­ter Dank­bar­keit“schrei­ben­den Chris­toph Rans­mayr als Zu­ga­be.

Foto: Würth/Ufuk Ars­lan

Claus Pey­mann liest im Kün­zel­sau­er Mu­se­um Würth aus Tho­mas Bern­hards „Mei­ne Prei­se“. Im Hin­ter­grund hän­gen Pla­ka­te mit den Ti­teln ei­ni­ger Li­te­ra­tur­prei­se, die Bern­hard er­hal­ten hat.

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