Haller Tagblatt

Wohlstand, ohne zu plündern

Bei einem Hochtechno­logie-Kongress im Carmen-Würth-Forum spricht Manfred Wittenstei­n aus Igersheim über Fortschrit­t, den die Industrie 4.0 ermöglicht, über Trends und Kooperatio­nen.

- Von Jürgen Stegmaier

Veränderun­g, Wandel, Kooperatio­n – darüber sprach Dr. Manfred Wittenstei­n gestern beim Hightech Summit im Carmen-Würth-Forum. Das Unternehme­n Wittenstei­n hat seinen Sitz in Igersheim. Spezialisi­ert ist der Betrieb auf elektromec­hanische Antriebs systeme. Das Unternehme­n erwirtscha­ftete zuletzt mit

3000 Mitarbeite­n einen Umsatz in Höhe von 436 Millionen Euro.

Das Familienun­ternehmen fertigte einst Doppel kettenstic­h maschinen zur Herstellun­g von Handschuhe­n. Als Manfred Wittenstei­n 1979 in das Unternehme­n seines Vaters eintrat, forcierte er die Entwicklun­g von Planeten getrieben. Handschuhe waren aus der Mode gekommen, ihre Fertigung erschien nicht mehr lukrativ.

In den zurücklieg­enden Jahren fanden die Produkte aus Igersheim hohe Anerkennun­g. Wittenstei­n wurde mit dem Hermes Award (2016) ausgezeich­net, mit dem Deutschen Zukunftspr­eis (2018) sowie mit der Dieselmeda­ille (2019). Herr Wittenstei­n, geht die Digitalisi­erung einfach immer weiter oder kann sie daran scheitern, dass sie den Menschen unheimlich wird? Manfred Wittenstei­n:

Das ist mit jeder Technologi­e so, und gerade bei der Digitalisi­erung müssen wir unheimlich aufpassen, dass wir nicht von einer Utopie verfallen in eine in die Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang. Wir sollten uns unter Digitalisi­erung mehr vorstellen können als eine negative Zukunft. Die Digitalisi­erung schašt es – und das glaube ich zutiefst –, die wirklichen Menschheit­sprobleme zu lösen und für viele Wohlstand zu generieren, ohne dass wir den Planeten plündern. Das muss unsere Aufgabe sein als Unternehme­n und Wissenscha­ft. Unser Wissensfun­dus wächst und wächst. Wir müssen diesen einbringen können und damit arbeiten. Wir müssen aber die Mitarbeite­r und die Bevölkerun­g mitnehmen, damit sich die Menschen vorstellen können, dass die Digitalisi­erung in eine gute Zukunft führt und nicht in eine, vor der wir uns fürchten müssen. Es sollte kein falsches Bild von dem zeichnen, was da entsteht. Wir müssen unsere Vernunft nutzen. Diese hat uns in den vergangene­n vier oder fünf Jahrhunder­ten ja wirklich nach vorn gebracht. Die Digitalisi­erung läu im nicht sichtbaren Bereich ab. Gibt es ein Rezept, dies dennoch verständli­ch darzustell­en? Genau, Digitalisi­erung ist nicht sichtbar. Man muss zunächst einmal kompetent werden. Ich nenne das Orientieru­ngswissen. Und man muss die Menschen in der Gestaltung mitwirken lassen. Dann schašen wir Akzeptanz. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass die im Silicon Valley uns sagen, wie wir zu leben haben, und wir dagegen keinen Einfluss darauf hätten. Sie betonen die Bedeutung von Kooperatio­n. Sollten Unternehme­n auch mit ihren Konkurrent­en kooperiere­n? Ich will damit sagen, dass die eingespiel­ten und erfolgreic­hen Wertschöpf­ungsstrukt­uren aufgebroch­en werden müssen. Es gibt neue Partner, die mit neuen Ideen etwas bringen können. Payper-Use kann ein Thema bei Maschinen werden. Das ist heute nicht so ohne Weiteres möglich, doch in der Medienwelt zum Beispiel gibt es das schon. Wenn wir solche Modelle realisiere­n wollen, müssen wir mit ganz anderen Partnern zusammenar­beiten. Um Maschinenr­essourcen richtig zu nutzen, muss man möglicherw­eise mit Geodaten und Bankdaten arbeiten, um ein Matching hinzubekom­men. Das ist für mich Kooperatio­n der Zukunft, über den bestehende­n Tellerrand hinaus. Wird die Wirtscha in der Region ihre Stärke behalten? In der Summe, ja. Aber es wird sich für jedes Unternehme­n einzeln entscheide­n. Der große Vorteil unserer mittelstän­disch strukturie­rten Wirtschaft in der Region ist, dass ein Glied stärker wird für den Fall, dass ein anderes Glied schwächelt. Das ist ein positiver Grundproze­ss: Man verliert etwas, aber in der Summe gewinnen wir. Davon bin ich überzeugt. Wenn wir eine einseitige Struktur hätten mit nur einem starken Unternehme­n – dann gute Nacht. Aber wir haben viele Akteure, die sich vernetzen. Und das verschašt uns eine Stabilität – bei aller Veränderun­g. Mit wem ist Ihr Unternehme­n in der Region stark vernetzt? Wir sind natürlich mit Würth vernetzt. Wir tauschen uns aus mit EBM-Papst, Bartec und anderen. Natürlich findet das nicht auf allen Ebenen statt, doch es gibt sehr viele kleine Vernetzung­en. Manchmal ist das nur auf Ebene der Mitarbeite­r. In der vergangene­n Zeit der Hochkonjun­ktur war jeder so mit sich beschäftig­t, da konnte man auf der obersten Ebene nicht zusammenko­mmen, weil einfach keiner Zeit hatte. Aber das wird sich ändern.

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Foto: just Manfred Wittenstei­n (rechts) bereitet sich im Carmen-Würth-Forum auf seinen Vortrag vor. Neben ihm sitzt Manfred Spaltenber­ger, Vorstand des Deutschen Instituts für Er ndungswese­n.

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