Ei­ne klei­ne Welt für sich

Spä­ti, Büd­chen, Trink­hal­le: Die Ki­osk-Kultur ist auch in Stutt­gart von Be­deu­tung. Ne­ben dem An­ge­bot ist vor al­lem der per­sön­li­che Kon­takt wich­tig.

Haller Tagblatt - - STUTTGART UND UMGEBUNG - Von Nad­ja Ot­ter­bach

Ha­kan Tur­hals We­cker klin­gelt je­den Mor­gen um 5 Uhr. Um 6.30 Uhr schließt er sei­nen Ki­osk auf. Für Turhal ist der acht Qua­drat­me­ter gro­ße Glas­kas­ten im Stutt­gar­ter Wes­ten ein Se­gen. Lan­ge hat­te der 39-Jäh­ri­ge nach ei­nem fes­ten Job ge­sucht. Für ei­ne Zeit­ar­beits­fir­ma war er mal hier, mal da. „Das war schwie­rig“, sagt er. Dann bot man ihm und sei­ner Frau Nu­ray an, den Ki­osk an der U-Bahn-Sta­ti­on Vo­gel­sang zu über­neh­men.

Turhal strahlt, wäh­rend er da­von er­zählt. Im­mer wie­der winkt er Pas­san­ten zu, man kennt sich im Vier­tel. Schon als Kind hat­te der aus der Tür­kei stam­men­de zwei­fa­che Va­ter im La­den sei­ner El­tern ge­hol­fen. Seit 2005 lebt er in Deutsch­land. Dass er sich hier vor zwei Jah­ren et­was Ei­ge­nes auf­bau­en konn­te, hät­te er nicht zu träu­men ge­wagt. Er spricht von Schick­sal. „Wir kön­nen da­von le­ben.“

Da­bei hat­te Turhal an­fangs zu kämp­fen. Der Ki­osk sei in kei­nem gu­ten Zu­stand ge­we­sen, her­un­ter­ge­kom­men und schmut­zig, ge­nau wie die da­zu­ge­hö­ri­gen Toi­let­ten. Stamm­kun­den gab es kei­ne. Da­zu kam ein schwe­rer per­sön­li­cher Schick­sals­schlag: Sein da­mals zwei­ein­halb­jäh­ri­ger Sohn er­krank­te an Leuk­ämie. Turhal spen­de­te Kno­chen­mark, der Klei­ne über­leb­te. Heu­te ist al­les gut.

Viel mehr als ein Treff­punkt

Tur­hals Ar­beits­ta­ge sind lang. Bis 20 Uhr steht er werk­tags in sei­nem Büd­chen, ver­kauft Eis und Scho­ko­rie­gel, Ge­trän­ke so­wie Ta­bak­wa­ren. Er nimmt Re­tou­ren-Pa­ke­te an und füllt Gum­mi­tie­re in Tüt­chen. Fast fühlt man sich 30 Jah­re zu­rück­ver­setzt in die­ser kun­ter­bun­ten Welt auf engs­tem Raum. Für Turhal ist der Ki­osk viel mehr als ei­ne Ver­kaufs­stel­le. Er ist ein so­zia­ler Trežpunkt, ein Ort, an dem ge­tratscht und ge­quatscht wird. Er kennt die Le­bens­ge­schich­ten vie­ler. Und er hü­tet sie wie ei­nen Schatz.

Turhal pflegt sei­nen Ki­osk pe­ni­bel. Seit­dem trau­en sich auch Fa­mi­li­en wie­der her, stellt er zu­frie­den fest. Er hat klei­ne Ti­sche auf­ge­stellt, Kis­sen auf die Be­ton­bank ge­legt. Er macht es sich und den Kun­den so schön wie mög­lich, auch wenn stän­dig Au­tos vor­bei­rau­schen und al­le paar Mi­nu­ten ei­ne U-Bahn hält.

Die Ki­osk-Kultur ist in Stutt­gart le­ben­dig, wenn auch nicht ver­gleich­bar mit je­ner in Städ­ten wie Ber­lin oder Hannover. In Stutt­gart sind es ak­tu­ell rund 40 Ki­o­s­ke. Der von Id­ris Aksu et­wa an der Eber­hard­stra­ße. Hier wer­den die Pas­san­ten mit klas­si­scher Mu­sik be­schallt. Zwar gibt Aksu sei­nen Ki­osk nächs­ten Mo­nat in neue Hän­de, doch die Klän­ge sol­len den Fla­nie­ren­den er­hal­ten blei­ben.

Oder das F&K-Büd­le am Ber­li­ner Platz, in dem auch dann noch Licht brennt, wenn an­de­re längst ge­schlos­sen ha­ben. Der Ki­osk von Fe­lix Klenk und Chris­to­pher War­s­tat ist ei­ner der we­ni­gen „Spä­tis“in Stutt­gart, wo man sich an den Wo­che­n­en­den bis Mit­ter­nacht mit Ge­trän­ken und Nütz­li­chem ein­de­cken kann. „Vie­le ver­ab­re­den sich auf ein Bier­chen im Büd­le“, sagt Klenk, der auch ei­nen Club um die Ecke ma­nagt und den Stand­ort ide­al fin­det.

Ei­ne gro­ße Fa­mi­lie

Dass es nicht al­lein das An­ge­bot ist, das die Kun­den lockt, da­von sind Karin John-Schü­ne­mann und ihr Mann Rai­ner über­zeugt. Sie be­trei­ben seit 2006 „Karin‘s Pres­se Ecke“im Stutt­gar­ter Os­ten. Ihr Er­folgs­ge­heim­nis? „Wir sind wie ei­ne gro­ße Fa­mi­lie. Zu uns kann je­der kom­men, der Mil­lio­när und der Hei­mat­lo­se.“Im Ki­osk ist je­der gleich. Es wird ge­duzt, und das Mot­to des Ehe­paa­res lau­tet: „Wer zu uns kommt, geht mit ei­nem Lä­cheln wie­der raus.“Das klas­si­sche To­to-Lotto-Zeit­schrif­ten-Sor­ti­ment ha­ben sie er­wei­tert durch Fahr­kar­ten, Schreib­wa­ren und Ta­schen­bü­cher.

Dass aus ei­nem Kult­ki­osk ei­ne hip­pe Bu­de wer­den kann, be­wei­sen Sa­rah und Yücel Ak­ca­dag an der Ge­rok­stra­ße im Stutt­gar­ter Os­ten. Sie ha­ben im ver­gan­ge­nen Jahr das win­zi­ge Ver­kaufs­häus­chen über­nom­men, es kom­plett re­no­viert und dann fit für die Zu­kunft ge­macht. Im Ki­osk 0711 gibt es Sü­ßes, Kažee und Kalt­ge­trän­ke. Das Kon­zept wird gut an­ge­nom­men. „Al­le zwei Mi­nu­ten kommt ein Kun­de vor­bei“, freut sich das Ehe­paar, das vor dem Büd­chen ei­ne Sitz­ge­le­gen­heit auf­ge­stellt hat. „Wir sind und blei­ben ein Ki­osk, aber mit dem Charme ei­nes klei­nen Ca­fés.“

Foto: Fer­di­nan­do Ian­no­ne

Das Ehe­paar Ha­kan und Nu­ray Turhal ha­ben ih­ren Ki­osk zum so­zia­len Tre punkt im Stutt­gar­ter Wes­ten ge­macht.

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