Vor­fahrt für die Fak­ten

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMS­CHAU - sg/ust/dpa

In sei­nem neu­en Buch plä­diert der Tü­bin­ger OB Bo­ris Pal­mer für ei­ne Po­li­tik, die sich an Tat­sa­chen ori­en­tiert. Ge­gen Lü­gen und Hy­per­mo­ral hel­fe nur ei­ne „neue Auf­klä­rung“.

Bo­ris Pal­mer (Grü­ne) hat ein neu­es Buch ge­schrie­ben – al­lein das ruft bei vie­len sei­ner Par­tei­kol­le­gen ge­nerv­tes Stöh­nen her­vor. Ei­gent­lich ist der 47-Jäh­ri­ge doch „nur“OB von Tü­bin­gen. Doch mit sei­nen The­sen bringt er im­mer wie­der Tei­le der Par­tei ge­gen sich auf – und sich selbst bun­des­weit ins Ge­spräch.

Ob das auch mit sei­nem neu­en Werk „Erst die Fak­ten, dann die Moral“ge­lingt, sei da­hin­ge­stellt. Das Flücht­lings­the­ma, das we­sent­lich zum Bruch zwi­schen Pal­mer und der Par­tei ge­führt hat, ist hier nur ei­nes von vie­len. Es geht ihm dies­mal um Grund­sätz­li­che­res: Es ist ein Plä­doy­er für ei­ne Po­li­tik, die sich an Tat­sa­chen ori­en­tiert – nicht an Stim­mun­gen, Wün­schen oder Moral­vor­stel­lun­gen. „Es ist Zeit für ei­ne neue Auf­klä­rung“, sagt Pal­mer.

Denn im Mo­ment ste­cke die Po­li­tik welt­weit in ei­ner „Tat­sa­chen­kri­se“; an der auch die so­zia­len Me­di­en ei­nen gro­ßen An­teil hät­ten: Ei­ner­seits ope­rier­ten US-Prä­si­dent Do­nald Trump so­wie Rechts­po­pu­lis­ten in Eu­ro­pa mas­siv mit Falsch­be­haup­tun­gen und Des­in­for­ma­ti­on. Im lin­ken Spek­trum hin­ge­gen re­gier­ten oft mo­ra­li­sie­ren­de Über­heb­lich­keit und Ar­ro­ganz, die ei­ne sach­li­che De­bat­te un­mög­lich mach­ten, weil sie ei­nen „mo­ra­li­schen Fil­ter“über die Wirk­lich­keit leg­ten. Die­se Hal­tung ha­be zum Bei­spiel die AfD erst groß ge­macht.

Ra­di­ka­ler Rea­lis­mus

An­ders als bei sei­nem Best­sel­ler „Wir kön­nen nicht al­len hel­fen“von 2017 zur Flücht­lings­po­li­tik geht es im neu­en Buch um vie­le The­men. Pal­mer ent­fal­tet sei­ne ti­tel­ge­ben­de Über­zeu­gung in zehn Ka­pi­teln. Er schreibt über be­zahl­ba­res Woh­nen, Luf­t­rein­hal­tung, Wind­ener­gie, Was­ser­schutz, Si­cher­heits­be­stim­mun­gen, das Si­cher­heits­ge­fühl, AŸen­ver­su­che, Stutt­gart 21, Iden­ti­täts­po­li­tik und die Kli­mal­eug­ner.

Ka­te­go­ri­en wie links und rechts spie­len da­bei kaum ei­ne Rol­le: Pal­mer sieht sich ei­nem ra­di­ka­len Rea­lis­mus ver­pflich­tet. So be­schreibt er et­wa den Man­gel an be­zahl­ba­rem Wohn­raum als Markt­ver­sa­gen, das ei­nen „mas­si­ven staat­li­chen Ein­griŸ“durch Re­gu­lie­rung nö­tig ma­che. Er for­dert Preis­kon­trol­len, ei­ne (be­fris­te­te) Miet­ober­gren­ze und mehr so­zia­len Woh­nungs­bau – The­sen, mit de­nen er auch bei der Link­s­par­tei kan­di­die­ren könn­te.

Im Si­cher­heits-Ka­pi­tel hin­ge­gen ana­ly­siert Pal­mer die Kri­mi­nal­sta­tis­tik sehr ge­nau und ord­net den über­durch­schnitt­li­chen An­teil von Asyl­be­wer­bern bei be­stimm­ten De­lik­ten ein. Zu­gleich be­schreibt er die Ängs­te, die ein­zel­ne Ge­walt­ta­ten vor al­lem an Frau­en aus­ge­löst ha­ben. Die­se müss­ten ernst ge­nom­men wer­den. Der Tü­bin­ger OB er­neu­ert sei­nen Vor­stoß, schwer kri­mi­nell wer­den­de Flücht­lin­ge ab­zu­schie­ben und den Spur­wech­sel zur Staats­bür­ger­schaft für In­te­gra­ti­ons­wil­li­ge zu er­leich­tern.

Im­mer wie­der kommt Pal­mer da­bei auf die Ebe­nen der Lan­des­und Kom­mu­nal­po­li­tik zu­rück. Er singt ein Lob­lied auf die kon­kre­te Po­li­tik vor Ort mit ih­rer Bür­ger­nä­he: „Wir Kom­mu­nal­po­li­ti­ke­rin­nen und Kom­mu­nal­po­li­ti­ker sind für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger je­der­zeit greif­bar, und ein un­ge­lös­tes Pro­blem oder ei­ne nicht prak­ti­ka­ble Idee fal­len ei­nem Bür­ger­meis­ter auf die Fü­ße, so­bald er das Haus ver­lässt.“Schon das Amt zwin­ge da­zu, sich an Fak­ten zu ori­en­tie­ren.

Doch was sind Fak­ten über­haupt, frag­te bei der Vor­stel­lung in Tü­bin­gen ein Zu­hö­rer. Wenn 20 Pro­fes­so­ren zu­sam­men­kä­men, ge­be es doch 40 Meinungen. Auch er ha­be die Wahr­heit nicht ge­pach­tet, ent­geg­ne­te Pal­mer. Er schlie­ße sich dem Pop­per­schen Fal­si­fi­ka­ti­ons­prin­zip an, wo­nach gilt, was noch nicht wi­der­legt wur­de. Aber, so setz­te Pal­mer hin­zu: „Das Al­ler­meis­te, über das wir hier dis­ku­tie­ren, ist sehr gut er­forscht.“So könn­ten die­je­ni­gen, die den Ein­fluss des Men­schen auf den Kli­ma­wan­del nicht se­hen wol­len, durch­aus mit Fak­ten wi­der­legt wer­den. „Un­ser Pro­blem ist aber“, so fuhr er fort, „dass selbst leicht über­prüf­ba­re Fak­ten ge­leug­net wer­den.“

Fo­to: Chris­toph So­eder/dpa

Hält nichts von ideo­lo­gi­schen Scheu­klap­pen: Bo­ris Pal­mer.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.