Auf den Spu­ren der Ver­gan­gen­heit

Haller Tagblatt - - MENSCHEN - Von Leo­nie Leis­ter

Nach 50 Jah­ren kehrt John Ol­son zum ers­ten Mal ge­mein­sam mit sei­ner Fa­mi­lie zu­rück nach Schwä­bisch Hall. Der US-Ame­ri­ka­ner war von 1969 bis 1971 in den Do­lan Bar­racks sta­tio­niert. Wir ha­ben Schwä­bisch Hall ein­fach nur ge­nos­sen. John Ol­son Ve­te­ran

Als Ka­thryn und ich er­fuh­ren, dass ich in Deutsch­land sta­tio­niert wer­den soll­te, wa­ren wir en­thu­si­as­tisch. Es be­deu­te­te, dass ich nicht mehr zu­rück nach Viet­nam muss­te“, er­zählt John Ol­son die­ser Ta­ge in Hall. Nach ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert ist der ehe­ma­li­ge US-Sol­dat das ers­te Mal wie­der in der Ko­cher­stadt.

1969 wird er für zwei Jah­re in den Do­lan Bar­racks sta­tio­niert. Sei­ne Frau kann mit­kom­men. Die bei­den hei­ra­ten be­reits 1968, be­vor er von der US-Ar­mee nach Viet­nam ge­schickt wird.

In der Ka­ser­ne in Hall ist Ol­son für das „Sa­fe­ty and Stan­dar­di­za­t­i­on Det­ach­ment“zu­stän­dig. Dar­un­ter fal­len un­ter an­de­rem Auf­ga­ben wie die Flug­si­cher­heit, die Luft­ver­kehrs­kon­trol­le und die Qua­li­täts­si­che­rung des Flug­plat­zes. Über­dies macht er neue ame­ri­ka­ni­sche He­li­ko­pter­pi­lo­ten mit dem deut­schen Flug­ver­kehr ver­traut. „Es ge­fiel uns gut hier. Wir hat­ten ei­ne mö­blier­te Woh­nung im drit­ten Stock und ei­nen schö­nen Blick auf die Fel­der. Und wir hat­ten so­gar ei­nen Pool“, er­in­nert sich Ka­thryn Ol­son an ih­re Un­ter­kunft in Hes­sen­tal.

Ganz oh­ne Kul­tur­schock

Hall ge­fiel ih­nen auf An­hieb. Ka­thryn und John Ol­son wuch­sen bei­de im US-Bun­des­staat New Me­xi­co auf. „John ist in Las Cru­ces, ich bin in Santa Fe groß ge­wor­den. Bei­de Städ­te wa­ren in den 70er-Jah­ren et­wa so groß wie Schwä­bisch Hall“, sagt Ka­thryn. Den Ol­sons sei es nicht schwer­ge­fal­len, sich an die deut­sche Kul­tur zu ge­wöh­nen. New Me­xi­co sei sehr bunt, vie­le Kul­tu­ren tre¤en dort auf­ein­an­der. „Wir muss­ten ler­nen, wie man Fleisch beim Metzger kauft oder wie man sonst mit den Men­schen um­geht. Aber das war nicht schlimm für uns. An­sons­ten ha­ben wir Schwä­bisch Hall ein­fach nur ge­nos­sen. Die Men­schen hier wa­ren sehr nett zu uns“, sagt John Ol­son la­chend.

Aber er war da­mals als 23-Jäh­ri­ger auch sehr ein­ge­spannt: Im Zu­ge der „Ref­or­ger“-Groß­ma­nö­ver schickt die NA­TO im­mer wie­der US-Trup­pen nach Deutsch­land. Sol­da­ten müs­sen zu die­ser Zeit in stän­di­ger Alarm­be­reit­schaft sein. Ne­ben Johns re­gu­lä­rer Ar­beit küm­mert er sich um die neu an­ge­kom­me­nen Sol­da­ten. „Die Zeit war sehr an­stren­gend. Die US-Ar­mee war in Deutsch­land sehr un­ter­be­setzt, weil 500 000 Sol­da­ten in Viet­nam im Krieg wa­ren. Wir ar­bei­te­ten al­le sehr hart“, er­in­nert er sich.

Sei­ne Frau Ka­thryn da­ge­gen un­ter­nimmt in der Zeit in Deutsch­land vie­le Ta­ges­aus­flü­ge. Es gibt in den Bar­racks ei­ne Rei­se­agen­tin, die klei­ne Tou­ren und Ur­lau­be or­ga­ni­siert. Ge­mein­sam mit an­de­ren Ehe­frau­en fährt Ka­thryn Ol­son nach Stutt­gart, Ro­then­burg oder Hei­del­berg, be­sucht die Frei­licht­spie­le, kocht, backt, näht, fo­to­gra­fiert. Ih­re El­tern kom­men zwei Mal zu Be­such nach Hall. Wenn John ein­mal frei hat, geht er ger­ne mit auf Rei­sen.

Har­te Um­ge­wöh­nung in den USA

Den bei­den ge­fällt es so gut im Ko­cher­tal, dass sie so­gar über­le­gen, für im­mer in Hall zu blei­ben. „Ich hat­te hier so­gar ei­nen gu­ten Job in Aus­sicht. Am En­de ent­schie­den wir uns da­ge­gen. Ich hat­te noch kei­nen Col­le­ge-Ab­schluss, weil ich von der US-Ar­mee nach Viet­nam ge­schickt wor­den war. Ich woll­te stu­die­ren und mei­ne Fa­mi­lie wie­der­se­hen“, er­klärt John.

Drei Mo­na­te nach­dem das Paar in die USA zu­rück­kehrt, wird ih­re Toch­ter Gwyneth ge­bo­ren. Die ers­te Zeit in den Staa­ten be­schrei­ben die Ol­sons als Kon­trast­pro­gramm zu Hall. John sei tags­über aufs Col­le­ge ge­gan­gen, nachts ha­be er ge­ar­bei­tet, um das Le­ben der jun­gen Fa­mi­lie zu fi­nan­zie­ren. „Es war ei­ne hek­ti­sche und stres­si­ge Zeit“, sagt er.

Fa­mi­lie freut sich aufs Es­sen

Nach 50 Jah­ren kehrt Ol­son nun mit sei­ner Frau und sei­ner Toch­ter zum ers­ten Mal nach Schwä­bisch Hall zu­rück. „Wir er­in­nern uns oft an die Zeit hier. Ich ha­be noch vie­le An­denken an Hall, zum Bei­spiel Ge­mäl­de, Fo­to­gra­fi­en und Mö­bel. So­gar Christ­baum­ku­geln ha­be ich von da­mals noch“, er­zählt Ka­thryn mit ei­nem Lä­cheln. „Wir wa­ren neu­gie­rig, was aus Schwä­bisch Hall ge­wor­den ist. Und mir war wich­tig, dass auch Gwyneth die Stadt ken­nen­lernt. Es ist hier noch schö­ner als frü­her“, meint John.

Nach sei­ner Pen­sio­nie­rung hat das Ehe­paar ge­nug Zeit, um zu rei­sen. Ih­re Zie­le sind da­bei Viet­nam, Schott­land, Wa­les, Frank­reich und jetzt eben auch Schwä­bisch Hall. Be­son­ders freu­en sie sich bei ih­rem Trip auf das deut­sche Es­sen und die Mu­se­en. Ei­ne Fahrt in den Sol­park, wo die Do­lan Bar­racks einst stan­den, ist na­tür­lich auch ge­plant. Auch wenn von ih­nen nicht mehr viel üb­rig ist. „Deutsch­land hat heu­te ei­ne star­ke Wirt­schaft. In den 70er-Jah­ren war das Land noch im Auf­bau und muss­te sich sei­ne Po­si­ti­on erst er­ar­bei­ten. Trotz­dem merk­te man, dass Deutsch­land ein rei­ches Land wer­den wür­de“, fin­det Ol­son. Er ha­be in der da­ma­li­gen Zeit häu­fig Män­ner ge­se­hen, die sich ei­nen Mer­ce­des kauf­ten und ihn fi­nan­zier­ten, in­dem sie ihn als Ta­xi be­nutz­ten. „Es war der Wahn­sinn. Bis heu­te ha­be ich nie mehr so spar­sa­me und hart ar­bei­ten­de Men­schen ge­se­hen wie die Schwa­ben“, lacht Ol­son.

Fo­to: leo

Nach ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert ist er wie­der hier: John Ol­son mit sei­ner Frau Ka­thryn (links) und sei­ner Toch­ter Gwyneth.

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