Va­rie­té der ro­bus­ten Art

Seit 150 Jah­ren auf der Wiesn: Der Schau­stel­ler-Be­trieb „Beim Schichtl“lockt auch im Ju­bi­lä­ums­jahr am lau­fen­den Band Neu­gie­ri­ge in sein klei­nes Thea­ter.

Haller Tagblatt - - BLICK IN DIE WELT - Von Patrick Guy­ton

Schnel­ler, lau­ter, teu­rer – Ok­to­ber­fest? Die Münch­ner Wiesn, die gera­de zum 186. Mal statt­fin­det, wird von vie­len ge­liebt für ih­re rausch­haf­ten Bier­zelt-Mas­sen­fei­ern und die im­mer gi­gan­to­ma­ni­sche­ren Fahr­ge­schäf­te – und von man­chen da­für ge­hasst. Doch es gibt wei­ter­hin auch an­de­re Schau­stel­ler, klei­ne, lei­se­re, die aber ei­ne lan­ge Ge­schich­te ha­ben.

Ein sol­cher ist Man­fred Schau­er vom Va­rie­té „Beim Schichtl“, be­kannt auch als Ent­haup­tungs­Va­rie­té. Doch da­von spä­ter. 150 Jah­re gibt es das Thea­ter schon auf dem Ok­to­ber­fest, „Beim Schichtl“ist da­mit der über­haupt zweit­äl­tes­te Be­trieb nach der Schot­ten­ha­mel-Fest­hal­le.

Zeit al­so für die Stadt Mün­chen und den Schau­stel­ler-Ver­ein, den Schichtl zu wür­di­gen, der mit sei­ner Trup­pe auf der Wiesn je­den Tag am lau­fen­den Band 20 bis 30 Vor­stel­lun­gen gibt, je­de dau­ert et­wa ei­ne Vier­tel­stun­de. Lei­ter Man­fred Schau­er, der sich „Prin­zi­pal“nennt, hat auch bei der Ju­bi­lä­ums­fei­er ei­nen Spruch nach dem an­de­ren drauf, der La­cher her­vor­bringt.

Die Fra­ge, auf was er am meis­ten stolz ist, be­ant­wor­tet der 68-Jäh­ri­ge mit: „Auf die Zu­kunft.“Er meint: „Schau­er macht lus­tig.“In ei­nem In­ter­view sagt er, wie er zum „Schichtl“ge­kom­men sei: „Zu Fuß, weil mit dem Au­to kann man nicht hin­fah­ren.“Und in sei­nem Le­bens­lauf wird ge­schrie­ben, er sei „Sohn sei­ner El­tern“.

Das Thea­ter, ei­ne Bret­ter­bu­de mit Holz­die­len und ro­ten Vor­hän­gen, sieht nicht mehr ganz neu aus. Die Büh­ne ist zwei auf vier Me­ter klein, der Raum ins­ge­samt über­schau­bar. Beim Emp­fang platzt er mit 200 Be­su­chern aus der Stadt- und Wiesn-So­cie­ty aus al­len Näh­ten.

Man duzt sich hier, zur Be­die­nung, na­tür­lich im fe­schen Dirndl, wird ge­sagt: „Dan­ke dir, Schat­zi.“Mün­chens Ober­bür­ger­meis­ter Die­ter Rei­ter (SPD) ist eben­so an­we­send wie Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) und die Ka­ba­ret­tis­tin Lui­se Kin­se­her (Ma­ma Ba­va­ria). Das Schichtl-Va­rie­té, das nur von elf Leu­ten in­klu­si­ve Kas­sie­re­rin be­trie­ben wird, ist vor al­lem Kla­mauk mit Mu­sik, haupt­säch­lich den „Queen“-Klas­si­kern.

Als Fi­gu­ren gibt es et­wa die di­cke Ro­si oder Rin­go, den Hen­ker und Mann für al­les, so­wie ei­ne Bauch­red­ne­rin. Das Va­rie­té wird von der Stadt Mün­chen, dem Wiesn-Ver­an­stal­ter, als „Zau­be­rei, Pup­pen­spiel und Ku­rio­si­tä­ten“an­ge­prie­sen.

Wie sehr sich das Ok­to­ber­fest ver­än­dert hat, zeigt ei­ne Zahl: Als „Beim Schichtl“1869 be­gann, gab es noch stol­ze 50 Thea­ter auf der Wiesn. Schau­er be­treibt das Ge­schäft nun schon seit 34 Jah­ren als Be­sit­zer und Chef des Va­rie­tés. Ins­ge­samt hat­te das Haus in 150 Jah­ren nur vier In­ha­ber, be­gin­nend mit Micha­el Au­gust Schichtl, der einst „Ex­tra-Ga­la­vor­stel­lun­gen mit noch nie da­ge­we­se­nen Sen­sa­tio­nen“an­ge­prie­sen hat­te. Sei­ne di­rek­ten Nach­kom­men be­trei­ben die Schichtl-Stif­tung, die sich um un­ver­schul­det in Not ge­ra­te­ne Künst­ler und Schau­stel­ler küm­mert. An die 10 000 Zu­schau­er hat Schau­er je­des Jahr wäh­rend der Wiesn, es gibt um die 400 Vor­stel­lun­gen. Und da­mit auch 400 Hin­rich­tun­gen. Das ist die mor­bi­de wir­ken­de Haupt­at­trak­ti­on seit 150 Jah­ren, Schau­er sag­te kürz­lich: „Ich bin ge­spannt, wann es mal heißt: Ei­ne Hin­rich­tung ist nicht ko­misch.“

Am En­de je­der der knapp vier­tel­stün­di­gen Show steht – qua­si als Hö­he­punkt – die „Ent­haup­tung ei­ner le­ben­den Per­son auf o«ener hell er­leuch­te­ter Büh­ne mit­tels Guil­lo­ti­ne“. Das Fall­beil – „50 Pfund schwer und scharf wie ein Ra­sier­mes­ser“– ha­be der Schichtl-Grün­der aus Frank­reich be­zo­gen, sagt Schau­er.

„Ent­haup­tung“als Hö­he­punkt

Wäh­rend die Me­lo­die aus „Spiel mir das Lied vom Tod“läuft, wird Ri­ta aus dem Pu­bli­kum aus­ge­wählt, ei­ne Frau mitt­le­ren Al­ters. „Weg mit dem Kohl­ra­bi“, sagt der Hen­ker und zieht ihr ei­ne schwar­ze Müt­ze über den Kopf. Ri­ta muss sich in ei­ne Kis­te le­gen, das Fall­beil saust her­ab, der Hen­ker hebt den Kopf mit der Müt­ze em­por. Nach der Ver­an­stal­tung sagt Ri­ta drau­ßen: „In der Kis­te war es ganz schön eng und sti­ckig.“

Bret­ter­bu­de mit Holz­die­len und ro­ten Vor­hän­gen.

Beim Schichtl (Man­fred Schau­er) zeigt sich ger­ne die Wiesn-So­cie­ty – hier Ka­ba­ret­tis­tin Lui­se Kin­se­her.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.