Die träu­men­den Glä­ser

Das Foy­er des Lan­des­mu­se­ums wird um­ge­baut. Des­halb wur­den 700 Glä­ser in Si­cher­heit ge­bracht. Sie schlum­mern nun auf Kis­sen ge­bet­tet im Kel­ler.

Haller Tagblatt - - STUTTGART UND UMGEBUNG - Von Ma­thi­as Hu­ckert

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selbst­ge­näh­te Kis­sen wur­den mit Po­ly­sty­rol­schaum-Kü­gel­chen ge­füllt. Die Glä­ser wur­den auf ih­nen ge­bet­tet und „schlum­mern“nun in den Vi­tri­nen im Kel­ler des Mu­se­ums.

ehut­sam dreht Ca­ri­na Hau­er den Glas­po­kal. Sie trägt dün­ne Hand­schu­he. Un­ter ei­ner Lam­pe be­gut­ach­tet die Stu­den­tin der Staat­li­chen Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te das „à la Fa­çon de Ve­ni­se“. Der Na­me die­ses Stücks aus dem spä­ten 17. Jahr­hun­dert täuscht: Nicht aus der ita­lie­ni­schen La­gu­nen­stadt stammt das Glas­ge­fäß, son­dern aus den Nie­der­lan­den. Dort wur­de es vor mehr als 350 Jah­ren in der Tra­di­ti­on der ve­ne­zia­ni­schen Glas­ma­cher her­ge­stellt – und hat heu­te ei­nen Platz in der Glas­samm­lung des Lan­des­mu­se­ums in Stutt­gart ge­fun­den.

Nach­dem Hau­er das so­ge­nann­te Flü­gel­glas mit ei­nem Ge­misch aus Et­ha­nol und de­stil­lier­tem Was­ser ge­rei­nigt hat, wird der Be­häl­ter weich ge­bet­tet: auf ei­nem Kis­sen. So geht es der­zeit al­len 700 Aus­stel­lungs­stü­cken, die die Stutt­gar­ter Fa­mi­lie Er­nes­to Wolf ge­sam­melt hat. Vor­sich­tig auf Kis­sen um­ge­la­gert, macht es den Ein­druck, als kön­ne man im Kel­ler des Al­ten Schlos­ses Glä­sern aus 4000 Jah­ren Mensch­heits­ge­schich­te beim Träu­men zu­se­hen.

Von der bron­ze­zeit­li­chen Per­le bis zur Prunk-Va­se aus dem 19. Jahr­hun­dert: Al­le zer­brech­li­chen Glä­ser müs­sen seit April ge­schützt wer­den. Zu tun hat das mit den Bau­maß­nah­men im Foy­er des Schlos­ses, das bis 2020 zur Kul­tur­lob­by um­ge­baut wird. We­gen der stän­di­gen Er­schüt­te­run­gen von oben muss­te sich das für die Glas­samm­lung ver­ant­wort­li­che

BTeam ei­ne Lö­sung ein­fal­len las­sen: „Wir wa­ren auf der Su­che nach ei­ner un­kom­pli­zier­ten Mög­lich­keit, die Samm­lung zu schüt­zen“, er­zählt Re­stau­ra­to­rin As­trid Woll­mann.

Wie sie er­klärt, ha­be man zu­nächst drei ver­schie­de­ne Füll­ma­te­ria­li­en für die Kis­sen ge­tes­tet: Ei­nes war schlicht zu teu­er, bei ei­nem an­de­ren hat sich her­aus­ge­stellt, dass die elek­tro­sta­ti­sche Auf­la­dung zu groß war. Ge­ei­nigt hat­te sich das Team aus zwei Re­stau­ra­to­rin­nen und mehr als 150 Be­tei­lig­ten dann auf ei­ne Fül­lung aus Po­ly­sty­rol­schaum-Kü­gel­chen. Die­se sind re­cy­cle­bar und fan­den Platz in 150 selbst­ge­näh­ten Kis­sen aus Po­ly­thy­len-Vlies. Das Ma­te­ri­al durch­lief zu­nächst ei­nen Test, da­mit aus­ge­schlos­sen wer­den konn­te, ob die Kis­sen und ihr Füll­ma­te­ri­al Ga­se aus­düns­ten, die den Glä­sern scha­den könn­ten.

Die Glä­ser „schlafen“aber nicht wäh­rend des ge­sam­ten Foy­er-Um­baus. So­wohl die Vi­tri­nen als auch die Aus­stel­lungs­stü­cke selbst wer­den ge­rei­nigt. Das hat sich we­gen der Prä­ven­ti­ons­maß­nah­me an­ge­bo­ten, wie Kat­ha­ri­na Küs­ter-Hei­se er­klärt: „Wir dach­ten uns: Wenn wir die Stü­cke schon her­aus­neh­men müs­sen, dann kön­nen wir das gera­de mit­ein­an­der ver­bin­den.“Die um­fang­rei­chen Maß­nah­men ge­gen den Bau­lärm zeig­ten Wir­kung – und auch wäh­rend der Rei­ni­gung der Glä­ser ist bis­her kein Scha­den ent­stan­den.

Noch bis zum 26. No­vem­ber ha­ben die Glä­ser Zeit zum Träu­men. Dann wer­den sie wie­der auf­ge­weckt und die Aus­stel­lung im Mu­se­um ist wie­der eröšnet.

Fo­to: Ma­thi­as Hu­ckert

Die Zeit wäh­rend des Um­baus wird ge­nutzt, um die Aus­stel­lungs­stü­cke zu rei­ni­gen.

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