Das Rät­sel um die „Es­to­nia“

Haller Tagblatt - - BLICK IN DIE WELT - Von Steffen Trumpf

Vor 25 Jah­ren sank die Fäh­re auf ih­rem Weg über die Ost­see. 852 Men­schen ka­men ums Le­ben. Noch im­mer sind vie­le Fra­gen of­fen.

ür An­ders Eriks­son sind die Er­in­ne­run­gen an die schreck­li­che Nacht auf der Ost­see­fäh­re „Es­to­nia“auch nach 25 Jah­ren nicht ver­bli­chen. Der Ar­beits­kol­le­ge mit den bei­den Ti­ckets für die Fahrt, das Sight­see­ing in Tal­linn vor der Rück­rei­se nach Stock­holm. Die plötz­li­chen lau­ten Knal­le auf der Fäh­re nach Mit­ter­nacht. Die dra­ma­ti­schen Mi­nu­ten, in der sich die „Es­to­nia“im­mer mehr zur Sei­te neig­te. Der Sprung ins Was­ser und das stun­den­lan­ge Aus­har­ren auf See, wäh­rend das Schi¤ be­reits gen Mee­res­grund sank. Dann die Ret­tung per Hub­schrau­ber. „Das al­les sitzt tief.“

Auch ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Un­ter­gang er­zählt der 70 Jah­re al­te Schwe­de ei­ne Ge­schich­te, die ei­nem trotz der zeit­li­chen Dis­tanz noch im­mer Trä­nen in die Au­gen treibt. Er und sein Kol­le­ge wa­ren 2 von 989 Men­schen, die am Vor­abend des 28. Sep­tem­bers 1994 mit der „Es­to­nia“in Tal­linn (Est­land) mit Kurs auf Stock­holm in See sta­chen.

In Schwe­den ka­men sie nie­mals an: In der Nacht drang auf hal­ber Stre­cke plötz­lich Was­ser in das Schi¤ ein. Wie es da­zu kam,

Fdar­über wird seit Jah­ren ge­strit­ten. Bei Sturm und auf­ge­wühl­ter See be­kam die „Es­to­nia“Schlag­sei­te und sank schließ­lich in­ner­halb von nur ei­ner St­un­de – und mit ihr hun­der­te Men­schen.

Mas­sen­grab am Mee­res­grund

Die meis­ten Pas­sa­gie­re und Be­sat­zungs­mit­glie­der hat­ten kei­ne Chan­ce. 852 Men­schen star­ben beim größ­ten Schi¤sun­glück der eu­ro­päi­schen Nach­kriegs­ge­schich­te, dar­un­ter fünf Deut­sche. Von 94 To­ten wur­den die Lei­chen ge­bor­gen, mehr als 750 Op­fer lie­gen bis heu­te mit dem Schi¤swrack vor der Süd­küs­te Finn­lands auf dem Grund der Ost­see. Aus der Fäh­re ist ein Mas­sen­grab ge­wor­den. Nur 137 Men­schen über­leb­ten, un­ter ih­nen Eriks­son.

„Um kurz nach zwölf gab es zwei lau­te Knal­le, die sich me­tal­lisch an­ge­hört ha­ben. Ich wä­re fast aus dem Bett ge­fal­len“, sagt Eriks­son. Als er hek­tisch in Hemd, Ho­se und Schu­he schlüpf­te und aus der Ka­bi­ne eil­te, nahm das Un­glück schon sei­nen Lauf: Die „Es­to­nia“kipp­te nach Steu­er­bord.

„Zu­nächst 25, 30 Grad“, sagt Eriks­son. „Da ha­be ich ge­merkt: Ich muss hier raus.“Bei ei­ner Nei­gung von 90 Grad führ­te der Weg nur noch in ei­ne Rich­tung: „Dann gab es kei­nen Aus­weg mehr für mich, als ins Was­ser zu sprin­gen.“Im kal­ten Meer klam­mer­te er sich im Dun­keln an ei­ne um­ge­kipp­te Ret­tungs­in­sel.

Sechs St­un­den spä­ter hol­te ihn ein Ret­ter aus den Flu­ten der Ost­see. Noch heu­te hält Eriks­son Kon­takt zu ihm, auch zum 25. Jah­res­tag wer­den sie sich tre¤en. Am Sams­tag wird der Op­fer mit ei­ner gro­ßen Ze­re­mo­nie in Stock­holm ge­dacht. Kron­prin­zes­sin Vic­to­ria, ihr Mann Prinz Da­ni­el und Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­fan Löf­ven wer­den er­war­tet, spä­ter gibt es ei­nen Got­tes­dienst.

Ab­ge­schlos­sen ha­ben die Über­le­ben­den und Hin­ter­blie­be­nen mit dem Un­glück bis heu­te nicht. „Die wich­tigs­te Fra­ge ist: War­um ist sie ge­sun­ken?“, fragt sich Lenn­art Berg­lund von der Op­fer- und An­ge­hö­ri­gen­stif­tung SEA, der bei dem Un­ter­gang sei­ne Schwie­ger­el­tern ver­lo­ren hat, „die Groß­el­tern mei­ner Kin­der.“Die Trau­er der ers­ten Jah­re sei mitt­ler­wei­le et­was an­de­rem ge­wi­chen, das mit der Re­ak­ti­on der Be­hör­den zu­sam­men­hän­ge. „Heu­te ist es mehr Wut und Ent­täu­schung.“

Wrack­tei­le der „Es­to­nia“wur­den vor der nni­schen In­sel Uto ge­bor­gen.

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