Die ein­sa­me Welt von Fuß­ball­pro­fis

Haller Tagblatt - - FEUILLETON -

Sein ers­ter Ro­man „Nicht wie ihr“bringt To­nio Scha­chin­ger auf die Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses.

Schon beim Le­sen des Klap­pen­tex­tes fällt Ivo als Typ auf, den man am liebs­ten ge­gen die Wand klat­schen wür­de. Ein her­ab­las­sen­der Ego­ist, ein ös­ter­rei­chi­scher Pro­fi­fuß­bal­ler, der 100 000 Eu­ro die Wo­che ver­dient und an­de­re so oft „Hu­ren­sohn“nennt, dass man schnell auf­hört, zu zäh­len. Ivo hat zwei Kin­der und ei­ne Frau mit per­fek­ten Brüs­ten, er fährt ab­wech­selnd Bu­gat­ti und As­ton Mar­tin und trägt am Hand­ge­lenk ei­ne teu­re Mar­ken­uhr.

Doch rasch wird klar, dass der rei­che jun­ge Mann ein Ge­fan­ge­ner ist. Ge­fan­gen in der ver­lo­ge­nen Schein­welt des Pro­fi­fuß­balls, in der al­le nur auf ih­ren ei­ge­nen Vor­teil aus sind. Ivo ist ein ar­mer Wicht, der zu früh zu er­folg­reich war und ir­gend­wann merkt, dass er al­lein ist.

Dem Ös­ter­rei­cher To­nio Scha­chin­ger (Jahr­gang 1992) ist mit „Nicht wie ihr“ein un­ter­halt­sa­mer De­büt­ro­man ge­lun­gen. Er ist flap­sig in der Spra­che und zu­tiefst mensch­lich im The­ma – über ei­nen Ty­pen, dem lang­sam däm­mert, was wirk­lich wich­tig ist.

„Was liebt man denn, wenn man den Fuß­ball liebt?“, fragt sich Ivo. „Dass man auf­hört, der Chef sei­nes ei­ge­nen Le­bens und sei­nes Kör­pers zu sein, dass je­der Voll­trot­tel ei­ne Mei­nung zu ei­nem hat?“Ivo sieht, dass sei­ne Kar­rie­re sta­gniert und be­ginnt, die Falsch­heit der Fuß­ball­welt zu durch­schau­en. Als er 20 war, hat er mit dem bri­ti­schen Top­club FC Ar­senal die Cham­pi­ons Le­ague ge­won­nen. Jetzt, mit 27, hängt er fest beim FC Ever­ton.

Ivo ist un­zu­frie­den - und ein­sam. Nicht ein­mal zu sei­nen al­ten Freun­den fin­det er ei­nen Draht; sei­nem Bru­der kann er schon lang nichts mehr er­zäh­len.

Vor die Kreu­zung ge­stellt

Da­bei woll­te Ivo im­mer ein­fach nur Fuß­ball spie­len. Nur geht es in der Welt der Pro­fis um al­les, nur nicht um Fuß­ball. Al­les ma­chen an­de­re für ihn, so gut wie nichts ent­schei­det er selbst. Für sei­nen Ver­ein ist er ei­ne Ka­pi­tal­an­la­ge. Für 9 Mil­lio­nen Eu­ro ein­ge­kauft, für 45 Mil­lio­nen wol­len sie ihn wei­ter­ver­kau­fen.

Als Ivo den Tod sei­nes Ju­gend­trai­ners rea­li­siert, zu dem er als ein­zi­gen Men­schen auf­ge­schaut hat, sieht er sich vor ei­ne Kreu­zung in sei­nem Le­ben ge­stellt. „Woran hat er die gan­ze Zeit ge­dacht?“, fragt sich Ivo. „An sich hat er ge­dacht, er hat die gan­ze Zeit nur an sich ge­dacht.“Ivo nimmt den Ab­zweig und ent­puppt sich als Mensch – und nicht als Ma­schi­ne. Son­ja Wurt­scheid

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.