Rei­sen ver­än­dert

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Tho­mas Veit­in­ger leitartike­[email protected]

Vie­le Pau­schal­rei­sen tar­nen sich als in­di­vi­du­el­les Er­leb­nis, um bloß al­les rich­tig zu ma­chen.

Es gibt vie­le Vor­ur­tei­le über Pau­schal­tou­ris­ten. Dass sie mit wei­ßen Ten­nis­so­cken in San­da­len und kur­zen Ho­sen durch ita­lie­ni­sche Städ­te schlap­pen oder in All-In­clu­si­ve-Ho­tels voll­ge­häuf­te Tel­ler ste­hen las­sen. Pau­schal­tou­ris­ten sind nicht sehr be­liebt, Pau­schal­rei­sen da­ge­gen sehr: 36 der 70 Mil­li­ar­den Eu­ro, die die Deut­schen 2018 für Ur­laub aus­ga­ben, steck­ten sie in or­ga­ni­sier­te Rei­sen.

Ein En­de des Pau­schal­ur­laubs ist auch nicht ab­seh­bar – und das welt­weit. Rei­sen wird im­mer be­lieb­ter, kei­ne Wirt­schafts­bran­che wächst schnel­ler. Es wird im­mer öf­ter und kür­zer weg­ge­fah­ren. Wie konn­te dann Tho­mas Cook ei­ne Plei­te hin­le­gen und deut­sche In­sti­tu­tio­nen wie Ne­cker­mann mit in den Ab­grund rei­ßen? Die Ant­wort ist ein­fach: Tho­mas

Cook war un­ge­fähr so be­weg­lich wie ein Char­ter-Flie­ger auf ei­nem Se­gel­flug­platz. Rei­sen ver­än­dert sich, der Ver­an­stal­ter muss es auch.

Ob Auto-, Kü­chen- oder Ban­ken-Bran­che: Wer vor dem Preis­druck ka­pi­tu­liert und sich den Kun­den­wün­schen nicht an­passt, hat es schwer. Tat­säch­lich ver­kau­fen Rei­se­ver­an­stal­ter zwar viel, ver­die­nen aber we­nig. Der Druck ist groß. Tho­mas Cook aber brach­te es fer­tig, et­wa den Trend Kreuz­fahrt zu igno­rie­ren. Da­bei nahm die Zahl die­ser Pas­sa­gie­re in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren um 880 Pro­zent zu. Mit Spe­zia­li­sie­rung wird heu­te in der Bran­che Geld ver­dient. Auf den zwei­ten Trend In­di­vi­dua­li­sie­rung durch ein Bau­kas­ten­sys­tem woll­ten die En­g­län­der erst in die­sem Jahr so rich­tig re­agie­ren – zu spät.

Rei­sen ist ei­ne selt­sa­me Mi­schung aus Nah und Fern, aus Neu­em und Ver­trau­ten, Er­ho­lung und Ab­wechs­lung, Si­cher­heit und Über­ra­schung. Ab­gren­zung ist manch­mal wich­tig, der Ur­laub soll Sta­tus, In­tel­lekt und In­ter­es­se an der Welt wi­der­spie­geln. Oft ist aber ein woh­li­ges Wir-Ge­fühl im All-In­clu­si­ve-Ho­tel mit deutsch spre­chen­den Kell­nern ge­fragt. Vie­le Pau­schal­rei­sen tar­nen sich des­halb als In­di­vi­du­al-Er­leb­nis, um al­les rich­tig zu ma­chen. Ei­gent­lich ist so gut wie al­les ent­deckt, den­noch schwär­men Rei­sen­de aus, um sich auf Ins­ta­gram und Face­book mit Fo­tos vor Rui­nen im Re­gen­wald zu prä­sen­tie­ren. Gleich­zei­tig ist die Pau­schal­rei­se ge­ra­de bei 14- bis 29-Jäh­ri­gen be­son­ders be­liebt. Ein Wi­der­spruch? Zu­min­dest har­ter All­tag für die Rei­se­ver­an­stal­ter.

Und es kommt noch viel­fäl­ti­ger. Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­den erst­mals mehr Rei­sen übers In­ter­net als in den Rei­se­bü­ros ab­ge­schlos­sen. Mil­lio­nen Men­schen sit­zen an ih­ren Com­pu­tern und stel­len mit Hil­fe von Such­ma­schi­nen und Ver­gleich­spor­ta­len wie Tri­pad­vi­sor ih­ren Ur­laub zu­sam­men. Ge­heim­tipps wer­den hoch ge­han­delt, sind aber sel­ten ex­klu­siv. Wie sich die neu aus­ge­ru­fe­ne Flug­scham und die Dis­kus­si­on um Nach­hal­tig­keit aus­wir­ken, muss ab­ge­war­tet wer­den.

Mög­li­cher­wei­se kommt es so­gar zu ei­nem Boom der Pau­schal­rei­se, weil durch die Tho­mas-Cook-Plei­te klar wur­de, dass ih­re Rei­sen­den ver­si­chert sind – zu­min­dest theo­re­tisch. Dann dürf­te Tui-Chef Fried­rich Jous­sen vi­el­leicht so­gar sei­nen Wunsch zu­rück­zie­hen: das Wort „Pau­schal­rei­se“gänz­lich aus dem Wort­schatz zu eli­mi­nie­ren.

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