„O Gott! Welch’ ein Au­gen­blick!“

Ulm fei­ert sein vor 50 Jah­ren neu ge­bau­tes Thea­ter mit Beet­ho­vens „Fi­de­lio“. Dietrich Hils­dorf in­sze­niert.

Haller Tagblatt - - FEUILLETON -

Ein Ge­mäu­er, in dem him­mel­hoch der Schim­mel sitzt. Zer­schlis­se­ne Ta­pe­ten, ver­ros­te­te Lei­tun­gen. Al­les bö­se her­un­ter­ge­kom­men. Und das bei ei­ner fest­li­chen Pre­mie­re aus An­lass des Ju­bi­lä­ums „50 Jah­re Thea­ter­neu­bau an der Ol­ga­stra­ße“! Schö­ne Po­in­te. Kei­ne Sor­ge je­den­falls, das Thea­ter Ulm be­fin­det sich in ei­nem aus­ge­zeich­ne­ten Zu­stand, und was es kann, zeigt es in über­re­gio­na­ler Klas­se mit die­sem „Fi­de­lio“zum Sai­son­auf­takt.

An dem herr­lich rea­lis­ti­schen Büh­nen­raum, den Die­ter Rich­ter so auf­wän­dig ge­baut hat, kann man sich gar nicht satt se­hen. Es ist ei­ne Art Vor­höl­le, hier lebt Roc­co, der Ker­ker­meis­ter. Es ist ei­ne un­hei­li­ge Welt, aber auch ei­ne klei­ne, spie­ßi­ge. „Sze­nen aus dem bür­ger­li­chen Hel­den­le­ben oder Der ganz all­täg­li­che Wahn­sinn des Bie­der­mei­er“, nennt Dietrich Hils­dorf sei­ne „Fi­de­lio“Ver­si­on iro­nisch.

Fi­de­lio-Ver­si­on? Das be­kann­te Pro­blem ist, dass Beet­ho­vens viel­fach um­ge­ar­bei­te­te Oper als nett herz­li­che Ko­mö­die be­ginnt, aber als Hym­ne auf die Frei­heit mit ei­ner mo­ra­li­schen Wucht en­det. Hils­dorf nun zeigt ei­ne wir­kungs­vol­le „Ul­mer Fas­sung“mit Rück­gri›en auf die Ur-„Leo­no­re“und an­de­ren Über­ra­schun­gen. Was schon bei der Wahl der Ou­ver­tü­re be­ginnt: Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Ti­mo Hand­schuh di­ri­giert fu­ri­os die „Leo­no­re Nr. 3“, die al­le Stim­mun­gen der Oper aus­leuch­tet, bis zum Trom­pe­ten­si­gnal, dem Fa­nal der Frei­heit. Es war an die­sem Pre­mie­ren­abend schnell klar, dass Hils­dorf, die nach 34 Jah­ren zu­rück­ge­kehr­te Ul­mer Re­gie-Le­gen­de, vie­les in­sze­nie­ren und be­haup­ten kann, aber nichts ge­gen die Macht der Mu­sik.

Wie durch­kom­po­niert

Im Ge­gen­teil: Hils­dorf selbst strich al­le Dia­lo­ge. Der „Fi­de­lio“als ei­ne wie durch­kom­po­nier­te Oper mit Mo­men­ten re­flek­tie­ren­der Stil­le da­zwi­schen. Pau­sen­los über­zeu­gend mit ei­nem tol­len En­sem­ble. Um den dra­ma­tur­gi­schen Bruch im „Fi­de­lio“und ein pla­ka­tiv po­li­tisch ins heu­te ge­zo­ge­nes Fi­na­le zu ver­mei­den, woll­te Hils­dorf auf das Lust­spiel­haf­te set­zen, als ob’s ei­ne Oper von Lort­zing wä­re. Sor­ry, es bleibt na­tur­ge­mäß un­ver­gleich­lich Beet­ho­ven. Denn Hils­dorf über­tri›t sich mit be­ste­chen­der Per­so­nen­füh­rung selbst. Es ist ein Schau­spiel, das je­de Fi­gur groß und ernst nimmt und zu­wei­len eher ins shake­speare­haft Tra­gi­ko­mi­sche vor­dringt.

Her­aus­ra­gend die süd­afri­ka­ni­sche So­pra­nis­tin Eri­ca Elo› als Leo­no­re: kei­ne He­roi­ne, son­dern ei­ne tief ver­letz­te, wie stau­nend ins Ge­sche­hen ge­wor­fe­ne Frau im ver­blü›end au­then­ti­schen Jüng­lings­out­fit. Hoch­dra­ma­tisch, aber ju­gend­lich ly­risch be­seelt. Sehr be­rüh­rend. „O Gott! Welch’ ein Au­gen­blick!“

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