Airb­nb er­obert auch das Land

Das Ho­me­sha­re-Kon­zept hat sich in Groß­städ­ten eta­bliert. Doch auch im Um­land steigt die Zahl der Un­ter­künf­te.

Haller Tagblatt - - WIRTSCHAFT - Von Ve­re­na Kö­ger

Das wun­der­schö­ne Spree­wald­haus di­rekt am Fließ ist ein­ge­bet­tet in ei­ne grü­ne Oa­se“, schreibt Ste­fan im Mai 2019. „Ein tol­ler Ort zum Ent­span­nen“, be­wer­tet Flo­ri­an im No­vem­ber 2018. Von was die bei­den schwär­men? Ste­fan und Flo­ri­an wa­ren Gast in Fran­zis­ka Mydlaks Un­ter­kunft in Burg, ei­ner rund 4200-Ein­woh­ner-Ge­mein­de im bran­den­bur­gi­schen Spree­wald. Die 42-Jäh­ri­ge, die selbst in Cott­bus wohnt, hat das Haus an ih­rem Zweit­wohn­sitz sa­niert und bie­tet die­ses seit 2016 übers In­ter­net an. „Von März bis Ok­to­ber ist das Haus aus­ge­bucht“, sagt die Event­pla­ne­rin. Die Hälf­te ih­rer Gäs­te bu­chen über Airb­nb, welt­weit größ­ter Markt­platz für pri­va­te Bu­chun­gen und Ver­mie­tun­gen.

In Deutsch­land ist die Zahl der Airb­nb-Un­ter­künf­te in­ner­halb von vier Jah­ren von 26 000 auf 150 000 ge­stie­gen. In Groß­städ­ten wie Ber­lin, Mün­chen und Stutt­gart hat sich die Platt­form längst eta­bliert. Nun ei­fern tou­ris­tisch ge­präg­te Klein­städ­te und länd­li­che Ge­bie­te hin­ter­her. Pri­vat­an­bie­ter wit­tern ei­nen Ne­ben­ver­dienst und er­rei­chen auch aus­län­di­sche Gäs­te. Das lo­ka­le Gast­ge­wer­be be­klagt sich über ver­zerr­te Wett­be­werbs­be­din­gun­gen.

„Wir wach­sen auf der gan­zen Welt, auch au­ßer­halb der gro­ßen Städ­te“, sagt ei­ne Airb­nb-Spre­che­rin. Pri­vat­per­so­nen sa­nie­ren vor al­lem in länd­li­chen Re­gio­nen zum Bei­spiel ein al­tes Guts­haus, um es dann zu ver­mie­ten. Die klas­si­schen Ho­me­sha­rer, al­so die­je­ni­gen, die ihr Zu­hau­se an­bie­ten, wäh­rend sie selbst ver­rei­sen, sind – so die Spre­che­rin – meist dort ver­tre­ten, wo es nur we­ni­ge Ho­tels gibt.

Im Spree­wald ste­hen rund 230 Be­her­ber­gungs­be­trie­be. Knapp 100 Mar­kie­run­gen tau­chen bei der Such­an­fra­ge „Airb­nb im Spree­wald“auf. „Hier in der Ge­gend ver­mie­ten fast al­le“, sagt Mydlak. Zu­nächst be­warb sie ihr Haus auf ei­ner ei­ge­nen Web­site und ei­ner Platt­form. Erst seit sie Gast­ge­be­rin bei Airb­nb ist, kom­men auch aus­län­di­sche Gäs­te aus der Schweiz, En­g­land und den Nie­der­lan­den zu ihr.

Bun­des­wei­ter Trend

Ein Trend, der sich auch in Schwä­bisch Hall in Ba­den-Würt­tem­berg ab­zeich­net. 70 Airb­nb-Un­ter­künf­te gibt es dort. Ei­ne da­von ge­hört Micha­el Mül­ler (Na­me ge­än­dert). Der 47-Jäh­ri­ge hat eben­falls die Er­fah­rung ge­macht, dass ihn An­fra­gen von aus­län­di­schen Gäs­ten nur über Airb­nb er­rei­chen. Seit 2018 ver­mie­tet der Selbst­stän­di­ge sei­ne Zweit­woh­nung. „Schon beim Start war sie zu 70 Pro­zent aus­ge­las­tet.“Im gan­zen Land­kreis Schwä­bisch Hall gibt es rund 100 Be­her­ber­gungs­be­trie­be. Als Kon­kur­rent des lo­ka­len Gast­ge­wer­bes sieht sich Mül­ler nicht. „Ich ken­ne zwei Ho­te­liers in der Stadt. Ih­re Zah­len sind gut. Sie über­le­gen so­gar auf­zu­sto­cken.“

Ar­min Mei­ser, Vor­sit­zen­der des Deut­schen Ho­tel- und Gast­stät­ten­ver­ban­des (De­ho­ga) für den Kreis Schwä­bisch Hall, be­stä­tigt: „Die Über­nach­tungs­zah­len sind kon­ti­nu­ier­lich stei­gend.“Das gel­te für ganz Deutsch­land. Der Tou­ris­mus­ver­band nennt 2018 das „neun­te Re­kord­jahr in Fol­ge“.

Den­noch be­mer­ken die re­gio­na­len De­ho­ga-Ver­bän­de, dass das Airb­nb-An­ge­bot auf dem Land steigt. Die Ho­te­liers be­to­nen, dass sie an der Platt­form an sich nichts aus­zu­set­zen ha­ben. Zum ei­nen be­le­be Kon­kur­renz das Ge­schäft. Zum an­de­ren nut­zen sie auch Ho­tel- und Pen­si­ons­be­sit­zer. „Airb­nb ist für die tra­di­tio­nel­len Be­trie­be ein wei­te­rer Ka­nal, um neue Ziel­grup­pen zu er­rei­chen“, sagt die Airb­nbSpre­che­rin.

Die Kri­tik des Ho­tel­ver­ban­des be­zieht sich auf den ver­zerr­ten Wett­be­werb, der ent­ste­he, weil Ho­me­sha­rer und Ho­tel­le­rie nicht den­sel­ben Auf­la­gen un­ter­wor­fen sind: „Es kann nicht sein, dass Ho­tels mit im­mer kos­ten­in­ten­si­ve­ren Auf­la­gen zu Brand­schutz, Hy­gie­ne, Si­cher­heit oder Bar­rie­re­frei­heit über­zo­gen wer­den, wäh­rend sich in de­ren Schat­ten ein da­von völ­lig un­be­tei­lig­ter Markt der Pri­vat­ver­mie­tung zum Kon­kur­ren­ten auf­schwin­gen kann“, sagt Mar­kus Lu­the, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Ho­tel­ver­ban­des Deutsch­land. Die For­de­rung: Für Ver­mie­ter, die ih­re An­ge­bo­te über Ho­me­sha­ring-Platt­for­men ver­mark­ten, sol­len in Be­zug auf Steu­er­pflich­ten, Auf­la­gen und Kon­trol­len

glei­che Re­geln gel­ten wie für das klas­si­sche Gast­ge­wer­be. Denn we­gen der un­ter­schied­li­chen Auf­la­gen kön­nen Airb­nb-Gast­ge­ber ih­re Un­ter­künf­te güns­ti­ger an­bie­ten. Dar­un­ter lei­den laut Ho­tel­ver­band Ba­denWürt­tem­berg vor al­lem die klei­nen Pen­sio­nen und Gast­hö­fe mit ver­gleich­bar ein­fa­chem Stan­dard. Die­se Be­trie­be le­ben vor al­lem da­von, dass dort Hand­wer­ker und Mon­teu­re über­nach­ten. Ent­schei­den sich die Ar­bei­ter für die güns­ti­ge­ren An­ge­bo­te der Pri­vat­an­bie­ter, sinkt die oh­ne­hin schon geringe Aus­las­tung.

Olaf Lü­cke, Haupt­ge­schäfts­füh­rer der De­ho­ga Bran­den­burg, sieht die La­ge nicht ganz so kri­tisch. „Hier be­fin­det sich Ho­me­sha­ring noch am An­fang.“Lü­cke schließt aber nicht aus, dass die pri­vat ver­mie­te­ten Un­ter­künf­te in Zu­kunft an Re­le­vanz zu­neh­men. „In Fe­ri­en­ge­bie­ten wie dem Spree­wald ist Airb­nb jetzt schon ein Mit­be­wer­ber.“

Fran­zis­ka Mydlak und Micha­el Mül­ler sind über­zeugt, dass Airb­nb auch auf dem Land ei­ne Zu­kunft hat. „Es gibt ei­nen Markt für Leu­te, die lie­ber pri­vat in ei­ner Woh­nung woh­nen wol­len als im Ho­tel“, sagt Mül­ler. Und Fran­zis­ka Mydlak fügt noch hin­zu: „Ich su­che selbst nur Un­ter­künf­te auf dem Land und wer­de im­mer fün­dig.“

Es gibt ei­nen Markt für Leu­te, die lie­ber pri­vat woh­nen wol­len als im Ho­tel. Micha­el Mül­ler Airb­nb-Ver­mie­ter (Na­me ge­än­dert)

Fo­to: ©PRILL/ Shut­ter­stock.com

Schwä­bisch Hall. Hier gibt es 70 Airb­nb-Un­ter­küne.

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