In ei­ge­ner Sa­che nicht re­form­fä­hig

Sie steht seit Jah­ren ganz oben auf der To-Do-Lis­te: Die Re­form des Wahl­rechts. Die Uni­on blo­ckiert, ob­wohl die Zeit drängt.

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von El­len Ha­sen­kamp und Die­ter Kel­ler

Re­form – das Wort dürf­te zu den meist­ge­brauch­ten im Bun­des­tag ge­hö­ren. Re­for­miert wird über­all: beim Kli­ma­schutz, bei der Bun­des­wehr und der Heb­am­men­aus­bil­dung. Doch wie ist es ei­gent­lich um die Re­form­fä­hig­keit des Par­la­ments in ei­ge­ner Sa­che be­stellt? Ein Über­blick:

Wahl­recht

Kurz vor Os­tern muss­te Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) das Schei­tern ein­ge­ste­hen. Die von ihm ge­führ­te Ar­beits­grup­pe hat­te sich nicht auf ei­ne Re­form des Wahl­rechts ei­ni­gen kön­nen. Die Uni­ons­frak­ti­on woll­te nicht, was Schäu­b­le vor­schlug, und al­le an­de­ren woll­ten über­haupt was an­de­res. Wor­um geht es? Durch das kom­pli­zier­te Zu­sam­men­spiel von Wahl­recht, Wah­l­er­geb­nis­sen, Über­hang- und Aus­gleichs­man­da­ten hat der Bun­des­tag in­zwi­schen über 100 Ab­ge­ord­ne­te mehr als die vor­ge­se­he­nen 598. Schon jetzt plat­zen die Bun­des­tags-Ge­bäu­de aus al­len Näh­ten, erst­mals sind mehr als ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro Ge­samt­kos­ten für das Par­la­ment vor­ge­se­hen.

Ab­seits der ֙ent­lich­keit wird der­zeit an ei­nem neu­en Lö­sungs­ver­such ge­feilt, dies­mal ist das Chef­sa­che. Der Druck steigt: Mehr als 100 Staats­recht­ler for­der­ten in ei­nem O™enen Brief „in Sor­ge um das An­se­hen der De­mo­kra­tie“, die Re­form des Bun­des­wahl­ge­set­zes end­lich in An­gri™ zu neh­men. Auch der FDP-Ex­per­te Ste­fan Rup­pert mahnt: „Der Bun­des­tag muss drin­gend klei­ner wer­den. Das gilt nicht nur aus Kos­ten­grün­den, son­dern auch, weil sonst kei­ne e¡zien­te Ar­beit mög­lich ist.“Die Fra­ge ist nur: Wie? Grü­nen-Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­re­rin Brit­ta Ha­ßel­mann gibt sich zu­ver­sicht­lich: „Die Chan­ce für ei­ne Wahl­rechts­re­form ist vor­han­den.“Sie und Rup­pert sind sich ei­nig, dass es oh­ne ei­ne „Ver­rin­ge­rung der Wahl­krei­se“nicht ge­hen wer­de.

So oder so ähn­lich se­hen es auch die an­de­ren Frak­tio­nen – bis auf CDU und CSU. Denn sie pro­fi­tie­ren mit ih­ren vie­len di­rekt ge­won­ne­nen Man­da­ten am meis­ten vom bis­he­ri­gen Sys­tem. „Wir müs­sen ei­ne Lö­sung jen­seits der Wahl­kreis­re­du­zie­rung fin­den“, for­dert denn auch de­ren Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­rer Micha­el Gros­se-Brö­mer. Bleibt es bei der Front­stel­lung, ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass die SPD ge­mein­sa­me Sa­che mit der Op­po­si­ti­on macht. Der frü­he­re Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert mahn­te in die­ser Zei­tung: „Die Le­bens­er­fah­rung zeigt, dass ent­we­der vor­han­de­ne Mehr­hei­ten o™en­sicht­li­che Pro­ble­me lö­sen oder sich die o™en­sicht­li­chen Pro­ble­me ei­ne Mehr­heit su­chen.“

Al­ters­ver­sor­gung

Im Kreuz­feu­er der Kri­tik ste­hen die Ab­ge­ord­ne­ten auch für ih­re Al­ters­ver­sor­gung. Pro Jahr der Mit­glied­schaft im Bun­des­tag be­kom­men sie 2,5 Pro­zent der ak­tu­el­len „Ab­ge­ord­ne­ten­ent­schä­di­gung“. Schon nach ei­ner vier­jäh­ri­gen Le­gis­la­tur­pe­ri­ode ha­ben sie der­zeit An­spruch auf 1008 Eu­ro. Für ei­ne so ho­he Ren­te müss­te ein durch­schnitt­li­cher Ar­beit­neh­mer rund 31 Jah­re lang Bei­trä­ge zah­len. Zu­dem muss er selbst die Hälf­te bei­steu­ern. Ab­ge­ord­ne­te da­ge­gen tra­gen nichts zu ih­rer Al­ters­ver­sor­gung bei, sie geht voll auf Kos­ten des Steu­er­zah­lers. Und es gibt auch kei­ne Rück­la­gen da­für. Seit ei­ner Re­form 2008 winkt die Al­ters­ver­sor­gung be­reits nach ei­nem Jahr im Bun­des­tag; vor­her wa­ren min­des­tens acht Jah­re er­for­der­lich. Der Höchst­be­trag liegt seit­her bei 67,5 Pro­zent der Ab­ge­ord­ne­ten­ent­schä­di­gung, ak­tu­ell sind das 6806 Eu­ro im Mo­nat. So viel be­kommt aber nur, wer min­des­tens 27 Jah­re im Par­la­ment sitzt.

Un­ter an­de­rem der Bund der Steu­er­zah­ler kri­ti­siert, die Par­la­men­ta­ri­er er­reich­ten die ma­xi­ma­le Al­ters­ver­sor­gung schon nach ei­nem „hal­ben Ar­beits­le­ben“. Än­de­run­gen wur­den im­mer wie­der dis­ku­tiert, aber nie rea­li­siert.

Ar­beits­ab­läu­fe

„Sit­zungs­en­de: 01.35 Uhr“. So stand es erst ver­gan­ge­ne Wo­che wie­der auf der Ta­ges­ord­nung des Bun­des­tags. De­bat­ten bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den sind im deut­schen Par­la­ment kei­ne Sel­ten­heit. Das be­las­tet nicht nur die gut be­zahl­ten Ab­ge­ord­ne­ten, son­dern auch Mit­ar­bei­ter, Saal­die­ner und Ste­no­gra­fen. „Es gibt ei­nen er­kenn­ba­ren Be­darf nach ei­ner Stra™ung des Ablaufs“, sagt der Par­la­ments­ge­schäfts­füh­rer der CSU-Lan­des­grup­pe, Ste­fan Mül­ler. Er und sei­ne Ge­schäfts­füh­rer-Kol­le­gen sit­zen des­we­gen be­reits re­gel­mä­ßig zu­sam­men.

Doch ei­ne Lö­sung zu fin­den, ist nicht leicht. Denn mit AfD und FDP hat der Bun­des­tag in die­ser Le­gis­la­tur­pe­ri­ode gleich zwei Frak­tio­nen mehr als zu­vor – und da­mit mehr Re­de­be­darf. Aus Krei­sen der SPD-Frak­ti­on heißt es bei­spiels­wei­se nur, al­le Op­tio­nen wür­den ge­prüft.

Hin­ter­grund für die Zu­rück­hal­tung ist auch die AfD. Sie be­müht sich re­gel­mä­ßig, ih­re un­ter­stell­te Un­fä­hig­keit des Bun­des­tags nach­zu­wei­sen. Ins­be­son­de­re in Rand­zei­ten wird dann ein Ham­mel­sprung be­an­tragt: Ist we­ni­ger als die Hälf­te der Ab­ge­ord­ne­ten an­we­send, ist der Bun­des­tag nicht be­schluss­fä­hig. Die SPD-Frak­ti­on hat da­her be­reits ei­ne Art Ruf­be­reit­schaft ein­ge­rich­tet. Und Par­la­ments­ge­schäfts­füh­rer Cars­ten Schnei­der er­mahn­te sei­ne Kol­le­gen ein­dring­lich, si­cher­zu­stel­len, dass sie auch Don­ners­tag­nacht oder Frei­tags­pät­nach­mit­tag noch „kurz­fris­tig im Plenum“er­schei­nen kön­nen.

Fo­to: Macdougall/afp

Dau­er­bau­stel­le Bun­des­tag, wie hier der Plenar­saal im Som­mer. Mit sich selbst be­fas­sen sich die Ab­ge­ord­ne­ten höchst un­gern.

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