Br­ex­it bringt Fach­kräf­te

Auf der Su­che nach Ex­per­ten ge­hen die Kam­mern un­ge­wöhn­li­che We­ge. Doch auch die Aus­bil­dung muss sich ver­bes­sern, meint Prä­si­dent Woll­sei­fer.

Haller Tagblatt - - WIRTSCHAFT - Von Si­mo­ne Dür­muth

Ich will, dass El­tern wie­der stolz sind, wenn ihr Kind ei­ne Aus­bil­dung macht. Hans Pe­ter Woll­sei­fer ZDH-Prä­si­dent

Br­ex­it ist Mist.“Hans Pe­ter Woll­sei­fer, Prä­si­dent des Zen­tral­ver­bands des Deut­schen Hand­werks, hat ei­ne de­zi­dier­te Mei­nung zu den Ent­wick­lun­gen in Groß­bri­tan­ni­en. Aber ein Gu­tes hat die Un­si­cher­heit jen­seits des Är­mel­ka­nals: Sie könn­te ein Bei­trag zur Lö­sung des Fach­kräf­te­man­gels im deut­schen Hand­werk sein. Denn vie­le der dort le­ben­den Po­len ori­en­tie­ren sich um – auch nach Deutsch­land.

„In En­g­land gibt es kei­ne aus­ge­präg­te Hand­werks­kul­tur“, weiß Woll­sei­fer. Ein Grund, dass seit vie­len Jah­ren vie­le Ost­eu­ro­pä­er, vor al­lem Po­len, in Groß­bri­tan­ni­en im Hand­werk tä­tig sind. Laut dem O“ce of na­tio­nal Sta­tis­tics leb­ten im No­vem­ber 2018 knapp 1 Mio. pol­ni­sche Ein­wan­de­rer in En­g­land, Wa­les, Schott­land und Nord­ir­land. ZumVer­gleich: Aus der ehe­ma­li­gen bri­ti­schen Ko­lo­nie In­di­en stamm­ten 374 000 Mi­gran­ten.

Doch seit dem Br­ex­it-Re­fe­ren­dum im Jahr 2016 ist die Ein­wan­de­rung aus Ost­eu­ro­pa nach Groß­bri­tan­ni­en zu­rück­ge­gan­gen. Und deut­sche Fir­men wer­ben be­reits um die Fach­kräf­te: So schal­te­te die Uni-Kli­nik Düs­sel­dorf zu Be­ginn des Jah­res pol­nisch­spra­chi­ge An­zei­gen in bri­ti­schen Me­di­en, in de­nen sie um Pfle­ge­kräf­te warb. Auch die Hand­werks­kam­mer Köln bie­tet Po­len, die in Groß­bri­tan­ni­en le­ben, ge­zielt Ar­beits­plät­ze in Fir­men an. Laut Woll­sei­fer sei­en die­se o¤en für ei­nen Wech­sel nach Deutsch­land. Da­bei müss­ten hier an­säs­si­ge Be­trie­be kei­ne neue Kon­kur­renz fürch­ten. „Das sind Leu­te, die hier als An­ge­stell­te ar­bei­ten wol­len“, so Woll­sei­fer.

Die An­wer­bung der ost­eu­ro­päi­schen Fach­kräf­te könn­te ein Baustein sein, den Be­wer­ber­man­gel im deut­schen Hand­werk zu lö­sen. Denn laut Bun­des­agen­tur für Ar­beit sind in Deutsch­land rund 160 000 Stel­len un­be­setzt, Woll­sei­fer geht aber von min­des­tens 250 000 aus. „Vie­le Be­trie­be schrei­ben ih­re Stel­len gar nicht mehr aus“, er­klärt er die Di¤erenz. Sie rech­nen ein­fach nicht mit Be­wer­bun­gen.

Aus­bil­dung in Viet­nam

Ein an­de­rer Baustein ist die ge­ziel­te Aus­bil­dung im Aus­land, so­zu­sa­gen der Ex­port des dua­len Sys­tems. In Viet­nam, be­rich­tet Woll­sei­fer, ge­be es ei­ne Be­rufs­schu­le nach deut­schem Vor­bild, an der 44 Leh­rer aus Deutsch­land un­ter­rich­ten. Für die Schü­ler gibt es das An­ge­bot, aber kei­ne Ver­pflich­tung, nach der Aus­bil­dung nach Deutsch­land zu kom­men. Auf Kri­tik, man wer­be so den Län­dern drin­gend be­nö­tig­te Ar­beits­kräf­te ab, kon­tert Woll­sei­fer: „Dort gibt es so vie­le jun­ge Men­schen und kei­ne Ar­beit. Wir neh­men de­nen nichts weg.“

Das wich­tigs­te Pro­jekt ist für den Hand­werks­prä­si­dent aber, mehr Ju­gend­li­che in Deutsch­land in Aus­bil­dung zu brin­gen. Da­für müs­se die Wert­schät­zung für Aus­bil­dungs­be­ru­fe stei­gen. Woll­sei­fer: „Ich will, dass El­tern wie­der stolz sind, wenn ihr Kind ei­ne Aus­bil­dung macht.“

Da­für müs­se auch die Qua­li­tät der Aus­bil­dung stei­gen – und sich die Ar­beits­wei­se man­cher Be­trie­be än­dern. „Be­trie­be, die alt­her­ge­bracht ar­bei­ten, wer­den Pro­ble­me ha­ben.“Di­gi­ta­li­sie­rung kön­ne ei­ne Chan­ce sein. Woll­sei­fer be­rich­tet von ei­ner „voll­di­gi­ta­li­sier­ten Bä­cke­rei“, die er erst neu­lich be­sucht ha­be. „Da sind dann dann nur ei­ner oder zwei nachts da. Nicht die gan­ze Mann­schaft.“So könn­te das Pro­blem mit den un­at­trak­ti­ven Ar­beits­zei­ten ein­ge­dämmt wer­den.

Auch fi­nan­zi­ell for­dert Woll­sei­fer ei­ne Ver­bes­se­rung – wo­mit er aber nicht die An­he­bung der Aus­bil­dungs­ver­gü­tung meint. Viel­mehr geht es ihm dar­um, dass Stu­den­ten vie­le Ver­güns­ti­gun­gen, zum Bei­spiel im ÖPNV, be­kom­men, die Aus­zu­bil­den­den nicht zu­ste­hen. Auch muss der Weg zur Meis­ter­prü­fung zu gro­ßen Tei­len selbst be­zahlt wer­den. In ei­ni­gen Bun­des­län­dern gibt es da­für ei­nen „Meis­ter­bo­nus“von et­wa 1500 € – in Ba­den-Würt­tem­berg al­ler­dings nicht. „Da gibt es ei­ne Ge­rech­tig­keits­lü­cke“, be­klagt Woll­sei­fer.

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