Spieß­ru­ten­lauf für Frau­en

Die In­for­ma­tio­nen über Mög­lich­kei­ten zum Schwan­ger­schafts­ab­bruch wei­sen im Süd­wes­ten große Lü­cken auf. Die Be­ra­tungs­stel­le Pro Fa­mi­lia for­dert ei­ne Be­stands­auf­nah­me vom Land.

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMS­CHAU - Von Eli­sa­beth Zoll

Ärz­te scheu­en In­for­ma­tio­nen aus Angst vor ra­bia­ten Ab­trei­bungs­geg­nern.

Chris­ti­na ist schwan­ger. Doch ein Kind traut sie sich nicht zu. Ihr Freund hat sie ver­las­sen, und ih­ren Be­ruf mit den vie­len Rei­sen kann sie als Al­lein­er­zie­hen­de nicht aus­üben. Des­halb ent­schließt sie sich für ei­nen Schwan­ger­schafts­ab­bruch. Doch die Lis­te der Bun­des­ärz­te­kam­mer, die Aus­kunft über Ärz­te und Kli­ni­ken ge­ben soll, die solch ei­nen Ein­gri€ vor­neh­men, ist dürf­tig. „Gan­ze sie­ben An­sprech­part­ner sind dort für Ba­den-Würt­tem­berg ver­merkt“, be­klagt Gu­drun Christ, Ge­schäfts­füh­re­rin der Schwan­ge­ren­be­ra­tungs­stel­le Pro Fa­mi­lia in Ba­den-Würt­tem­berg. Als „völ­lig un­taug­li­ches In­stru­ment“be­schreibt sie die Über­sicht, die seit der Neu­re­ge­lung des Pa­ra­gra­phen 219a in die­sem Früh­jahr ne­ben In­for­ma­tio­nen zu den Per­so­nen auch An­ga­ben zur Me­tho­de des Ab­bruchs be­reit­stel­len soll. Die La­ge der Frau­en ha­be sich da­mit nicht ver­bes­sert.

Nach Er­he­bun­gen von Pro Fa­mi­lia neh­men in Ba­den-Würt­tem­berg von 1600 Gy­nä­ko­lo­gen nur noch rund 100 Schwan­ger­schafts­ab­brü­che vor. Man­che in ih­ren Pra­xen, ei­ni­ge in Kli­ni­ken oder Ope­ra­ti­ons­zen­tren. Die Si­tua­ti­on ver­schlech­te­re sich. Grund da­für sei­en der all­ge­mei­ne Ärz­te­man­gel und der Rück­zug vie­ler äl­te­rer Me­di­zi­ner, die oh­ne Rück­sicht auf die ei­ge­ne Kar­rie­re Ein­gri€e vor­ge­nom­men ha­ben.

So gibt es nach An­ga­ben von Pro Fa­mi­lia in 14 der 44 Stadt- und Land­krei­se gar kein An­ge­bot mehr für Frau­en. Das wi­der­spre­che dem Si­cher­stel­lungs­auf­trag, zu dem das Land ver­pflich­tet sei. Christ for­dert von der Lan­des­re­gie­rung ei­ne Be­stands­auf­nah­me der Si­tua­ti­on – und Über­le­gun­gen, wie ei­ne Gr­und­ver­sor­gung von Frau­en in ei­ner Kon­flikt­si­tua­ti­on ge­währ­leis­tet wer­den kann. Nicht sel­ten müss­ten die­se wei­te We­ge auf sich neh­men, um ei­nen Ab­bruch vor­neh­men zu las­sen.

In Deutsch­land ist ein Schwan­ger­schafts­ab­bruch grund­sätz­lich straf­bar. Aus­nah­men gibt es je­doch, wenn sich Frau­en von an­er­kann­ten Stel­len be­ra­ten las­sen und der Ab­bruch in den ers­ten zwölf Wo­chen er­folgt. Mit der Lö­sung soll­te dem Schutz des un­ge­bo­re­nen Le­bens und dem Selbst­be­stim­mungs­recht von Frau­en Rech­nung ge­tra­gen wer­den. Doch der müh­sam er­run­ge­ne Kom­pro­miss hat die Si­tua­ti­on nicht be­frie­det. Das The­ma bleibt hoch auf­ge­la­den. Selbst­er­nann­te Le­bens­schüt­zer ste­hen je­nen un­ver­söhn­lich ge­gen­über, die für ei­ne freie Ent­schei­dung von Frau­en ein­tre­ten.

Vie­le Ärz­te scheu­en sich aus Angst vor ra­bia­ten Ab­trei­bungs­geg­nern, be­kannt zu ge­ben, dass sie Ab­brü­che vor­neh­men. Auf der je­der­mann zu­gäng­li­chen Lis­te der Bun­des­ärz­te­kam­mer möch­ten sie ih­ren Na­men schon gar nicht se­hen. Im­mer wie­der wer­den Me­di­zi­ner be­droht, als „Tö­tungs­spe­zia­list“ge­schmäht, wird der Pra­xis­be­trieb durch Pro­test der Ab­trei­bungs­geg­ner be­hin­dert. Auch die Sor­ge, vor Ge­richt ge­zerrt zu wer­den, bremst die Aus­kunfts­be­reit­schaft. Meh­re­re Me­di­zi­ne­rin­nen wur­den ver­ur­teilt, weil sie auf Home­pages An­ga­ben ge­macht ha­ben, mit wel­chen Me­tho­den sie Ab­brü­che vor­neh­men.

Pro Fa­mi­lia 80 Ta­ge be­la­gert

Auch Be­ra­te­rin­nen von Pro Fa­mi­lia ha­ben Er­fah­run­gen mit „Selbst­be­stim­mungs­geg­nern“, wie Gu­drun Christ selbst­er­nann­te Le­bens­schüt­zer nennt. Die Be­ra­tungs­stel­le Pforz­heim wur­de zwei Mal je 40 Ta­ge be­la­gert. Mit Holz­kreu­zen und ver­stö­ren­den Fo­tos be­wa€ne­te Ak­ti­vis­ten be­läs­tig­ten Frau­en, stör­ten die Ge­sprä­che in den Bü­ro­räu­men mit laut­star­ken Ge­sän­gen oder fo­to­gra­fier­ten Rat­su­chen­de. Für Schwan­ge­re in ei­ner Kri­sen­si­tua­ti­on wur­de der Gang zur Pflicht­be­ra­tung da­mit zum Spieß­ru­ten­lauf. Als „ab­so­lut re­spekt­los“be­zeich­net Gu­drun Christ sol­ches Ver­hal­ten. Die Auf­ga­be von Pro Fa­mi­lia sei, ver­trau­li­che und er­geb­ni­so€ene Be­ra­tung an­zu­bie­ten. Die Ent­schei­dung blei­be je­doch „bei den Frau­en, und das ist rich­tig so.“

Seit dem Früh­jahr hat die Stadt Pforz­heim nun ei­ne Sperr­zo­ne von 150 Me­tern um die Be­ra­tungs­stät­te ver­hängt. Ob die Schutz­zo­ne bleibt, wird der­zeit vor Ge­richt ver­han­delt. Schutz­zo­nen um Be­ra­tungs­stel­len, wie es sie in Ös­ter­reich und Frank­reich gibt, sind in Deutsch­land die Aus­nah­me.

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