„Kau­fen Sie nur Klei­dung, die Sie wirk­lich brau­chen“

Haller Tagblatt - - SCHWÄBISCH HALL - Von Bea­tri­ce Schnel­le

„Fai­re Mei­le“und „Up­cy­cling Markt“prä­sen­tie­ren im Ho­s­pi­tal­hof vie­les, was dem Kli­ma­schutz dient. Doch das Um­den­ken im All­tag fällt schwer.

ie Welt ein biss­chen bes­ser ma­chen. Das wol­len die vie­len en­ga­gier­ter Hal­ler, die die­ses Jahr die „Fai­re Mei­le“für nach­hal­ti­ges Han­deln und Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit erst­mals mit ei­nem „Up­cy­cling-Markt“kom­bi­nie­ren. Die Lust auf Su­per­markt-Scho­ko­la­de wird ei­nem gründ­lich ver­dor­ben, er­fährt man, wie die In­dus­trie­staa­ten mit der Aus­beu­tung der Ka­kao­bau­ern in Afri­ka, Asi­en und Latein­ame­ri­ka gna­den­los Kas­se ma­chen.

DEs geht auch an­ders

Die So­li­da­ri­sche Land­wirt­schaft Hall wirbt für nach­hal­ti­ge An­bau­me­tho­den, das Un­ter­neh­men Ely­si­an er­mun­tert jun­ge Leu­te zum krea­ti­ven Um­fang mit Na­del und Fa­den. Es gibt Glä­ser aus Wein­fla­schen, Schmuck aus Fahr­rad­schläu­chen, Leuch­ten aus al­ten Au­to­schein­wer­fern, Bie­nen­wachs­tü­cher als Al­ter­na­ti­ve zur Plas­tik­fo­lie, Ta­schen aus ge­brauch­ten Druck­tü­chern.

Den et­wa 800 Be­su­chern prä­sen­tie­ren sich auch Un­ter­neh­men wie die Oi­ko­credit. Die Ge­nos­sen­schafts­bank wur­de vom öku­me­ni­schen Rat der Kir­chen ge­grün­det und ver­gibt aus dem Ka­pi­tal ih­rer An­le­ger güns­ti­ge Dar­le­hen in den glo­ba­len Sü­den, wie die Ent­wick­lungs­län­der heu­te ge­nannt wer­den.

„Wir wol­len zei­gen, wie ein­fach Kli­ma­schutz und Nach­hal­tig­keit sind“, ver­kün­det Ste­fa­no Ros­si, Kli­ma­schutz­be­auf­trag­ter der Stadt Schwä­bisch Hall, bei der Erö…nung am Frei­tag­abend. Wie schwie­rig das The­ma je­doch bleibt, zeigt spä­tes­tens die Po­di­ums­dis­kus­si­on am Sams­tag­nach­mit­tag. Mo­de­ra­to­rin Sandra Holz­herr be­schwört die Zu­hö­rer, No­ti­zen zu ma­chen und lässt Schreib­uten­si­li­en ver­tei­len, die un­ge­nutzt blei­ben. Aus dem psy­cho­lo­gi­schen Fach­ge­biet Kli­ma­kom­mu­ni­ka­ti­on wis­se man, dass Auf­klä­rung und das Be­wusst­sein über die Kli­ma­kri­se nichts am Ver­hal­ten der Be­völ­ke­rung än­de­re, bringt Micha­el Kühl, Na­tur­wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­tät Ulm und Blog-Au­tor, das Pro­blem auf den Punkt. Holz­herr lässt durch­bli­cken, dass sie kon­kre­te Ver­bo­te kli­ma­schäd­li­cher Hand­lungs­wei­sen für das Mit­tel der Wahl hält.

Der alt­ge­dien­te Hal­ler Ka­pi­ta­lis­mus­kri­ti­ker Hans Graef ist be­geis­tert von den Fri­days for Fu­ture: „Zwei Ge­ne­ra­tio­nen oh­ne Er­folg und plötz­lich kommt ei­ne welt­wei­te Ju­gend­be­we­gung, die ver­steht, was die Eli­te nicht ver­steht.“

Be­ne­dict Zott, der in der ak­tu­el­len Hal­ler Fri­days for Fu­ture-Be­we­gung, bei der Grü­nen Ju­gend und im Ju­gend­fo­rum ak­tiv ist, be­tont, er lie­ge mit Graef auf ei­ner Wel­len­län­ge.

Der ein­zi­ge Un­ter­schied: Er se­he die Mög­lich­keit, zu­sam­men mit der „Eli­te“et­was zu be­we­gen. „Wer viel Geld ver­dient, kann auch die Um­welt mehr schä­di­gen, da be­steht ei­ne kla­re Kor­re­la­ti­on“, gibt wie­der­um Kühl zu be­den­ken.

Nichts­sa­gen­de Sie­gel

Rasch rückt das The­ma Tex­ti­li­en in den Mit­tel­punkt. Im Durch­schnitt kau­fe je­der Deut­sche pro Jahr 60 Klei­dungs­stü­cke, weiß Pe­tra Zott — sie ist nicht mit Be­ne­dict Zott ver­wandt – vom Hal­ler Dia­ko­nie­ver­band, die sich als Be­treue­rin des Brenz­läd­les mit den oft in neu­wer­ti­gem Zu­stand ab­ge­leg­ten Kla­mot­ten der Hal­ler bes­tens aus­kennt. Öko-Sie­gel, da sind sich die Po­di­ums­gäs­te ei­nig, sei­en nicht ziel­füh­rend. ‚100 by Öko-Tex‘ be­le­ge zum Bei­spiel nur, dass Tex­ti­len auf Schad­s­to…e ge­prüft sei­en, so Zott. Das La­bel ‚Cot­ton ma­de in Af­ri­ca‘ be­deu­te, dass die ver­wen­de­te Baum­wol­le in Afri­ka an­ge­baut, aber wohl auch dort ver­ar­bei­tet wor­den sei, und zwar un­ter noch üb­le­ren Um­stän­den als in Ban­gla­desh.

Be­su­cher, die sich zu­vor die Fo­to­aus­stel­lung über die Ar­bei­te­rin­nen der Tex­til­fa­bri­ken im glo­ba­len Sü­den an­ge­se­hen ha­ben, wis­sen, wo­von sie spricht. Der von der Bun­des­re­gie­rung neu­er­dings in­iti­ier­te ‚Grü­ne Knopf‘, der für un­ter men­schen­wür­di­gen Be­din­gun­gen öko­lo­gisch nach­hal­tig ge­fer­tig­te Klei­dung ste­hen soll, tau­ge we­nig, da die Pro­duk­ti­ons­ket­ten außerhalb Eu­ro­pas kaum lü­cken­los nach­voll­zieh­bar sei­en, kri­ti­siert Kühl.

Be­gehr­lich­kei­ten nach noch mehr An­ziehsa­chen wer­den am Sams­tag­abend auf dem Cat­walk in der ram­mel­vol­len Ho­s­pi­tal­kir­che ge­weckt. Die schi­cken Stü­cke aus öko­lo­gisch ein­wand­frei­en Sto…en ma­chen es schwer, dem Rat des Ul­mer Pro­fes­sors zu fol­gen: „Kau­fen Sie nur Klei­dung, die Sie wirk­lich brau­chen.“

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