Gei­ler Abend mit dem Bud­dy

Dir­ty Har­ry kehrt zu­rück. Fol­ge 1: Wie Ha­rald Schmidt im Stutt­gar­ter Staats­thea­ter zu neu­em For­mat fin­det.

Haller Tagblatt - - FEUILLETON - Von Wil­helm Trie­bold

Bür­ger­lich ist das neue hip.

Na klar ha­ben wir ihn ver­misst. Deutsch­lands be­lieb­tes­ter Früh­rent­ner hat mit sei­nem La­te-Night-Ab­schied vor fünf Jah­ren die­se ent­setz­li­che Lü­cke hin­ter­las­sen, die al­le Wel­kes und Böh­mer­manns die­ser Welt nicht fül­len. Seit­her taucht der große Ha­rald Schmidt zwar im­mer mal wie­der auf, sei’s un­ter Flo­ri­an Sil­be­rei­sens Kom­man­do als Kreuz­fahrt­schi§er­le oder mit re­gel­mä­ßi­ger Vi­deo­wort­mel­dung auf Spie­gel on­line. Aber sein ei­gent­li­ches Ter­rain, die leicht­hän­di­ge Ger­ma­ni­sie­rung der an­gel­säch­si­schen Stan­dup-Come­dy, schien der Alt­meis­ter end­gül­tig preis­ge­ge­ben zu ha­ben.

Ge­le­gent­lich frön­te Schmidt al­ler­dings sei­ner al­ten Ju­gend­lie­be, dem Thea­ter. Ge­nau­er: dem Stutt­gar­ter Thea­ter. Dort, wo er aus­ge­bil­det wur­de, er­ga­ben sich nun Strumpf­ho­sen­rol­len (im „Ham­let“) oder ein „Si­de­kick“, wie er wohl sa­gen wür­de, als Haus­hof­meis­ter in der Richar­dS­trauss-Oper „Ari­ad­ne auf Na­xos“. Und jetzt eben ei­ne per In­ten­dan­ten-Hand­schlag be­sie­gel­te Fol­ge von sechs Schmidt-So­los auf der Stutt­gar­ter Staats­thea­ter­büh­ne, die sich ans vor­ma­li­ge La­te-Night-For­mat an­leh­nen, aber doch so früh be­gin­nen, dass die Leu­te noch den letz­ten S-Bahn-An­schluss Rich­tung Bem­pf­lin­gen krie­gen. Er sei, so be­grüß­te Schmidt das Pu­bli­kum bei der Pre­mie­re im Schau­spiel­haus, heu­te „Ihr Bau­stel­len-Bud­dy und Hap­pi­ness-Con­sul­ter“, und er ver­sprach für ei­ne star­ke St­un­de „ei­nen als Dia­log ge­tarn­ten Fron­tal­un­ter­richt der härts­ten Sor­te“.

Na­tür­lich hielt er Wort: Schmidts Hu­mor­ver­ständ­nis ist bil­dun­gungs­bür­ger­lich durch­drun­gen, man soll­te sich schon ein biss­chen aus­ken­nen in der Welt, um sich hier zu­recht­zu­fin­den. Zwar muss man nicht au­to­ma­tisch wis­sen, was Pa­la­ti­sie­rung be­deu­tet oder was ihm IPCC-Re­port steht. Das er­klärt ei­nem dann schon der lau­ni­ge En­ter­tai­ner dort oben im Büh­nen­bild von Hor­vaths „Ita­lie­ni­scher Nacht“. Und zwar so, dass man es kaum wie­der ver­gisst. „Wenn Sie Leu­te mit­neh­men“, ruft Schmidt, „ist es Ih­nen wurst, wo­hin.“

Stan­dup-Come­dy ist zum ei­nen vor­ge­täusch­te Spon­ta­nei­tät und geis­tes­ge­gen­wär­ti­ge Gag­fä­hig­keit. Dass da­hin­ter har­te Ar­beit steckt, dar­an lässt Schmidt das Pu­bli­kum kurz teil­ha­ben. Zum an­de­ren ist sie aber auch ein Po­in­ten­schleu­der­gang mit ho­her Dreh­zahl. Das Pu­bli­kum kommt dann kaum nach mit La­chern, selbst wenn die­ser Re­flex nicht be­son­ders nach­hallt. So blieb auch der ers­te „Echt-Schmidt“Pro­be­lauf ei­ne lus­ti­ge An­ge­le­gen­heit für den Mo­ment, iro­nisch aus­ge­kon­tert vom ver­sier­ten Al­lein­un­ter­hal­ter: „Hor­vath moch­te nicht Par­odie, Sa­ti­re und Dia­lekt, heißt es – wä­re das heu­te ein gei­ler Abend für ihn!“

Fol­ge eins der Comedyseri­e „Echt Schmidt“wur­de im Un­ter­ti­tel als „ein bun­ter Abend für Ab­ge­häng­te“eti­ket­tiert. Ein po­li­ti­scher, gar zor­nig auf die Zu­stän­de bli­cken­der En­ter­tai­ner ist Ha­rald Schmidt aber so gut wie nie. Ei­ne ge­wis­se Al­ters­mil­de ist ihm kaum ab­zu­spre­chen. Sei­ne Dia­gno­sen be­schrän­ken sich eher auf harm­lo­se­re Ein­sich­ten wie: „Bür­ger­lich ist das neue hip“. Und nur ein­mal könn­te man ihn bös ver­ste­hen, wenn er meint: „Mei­ne Ge­ne­ra­ti­on denkt Ken­ne­dy vom En­de her!“

Wie frü­her in der Ha­ral­dSchmidt-Show schneit auch dies­mal zum gu­ten Schluss ein Stu­dio­gast her­ein. Der Stutt­gar­ter Staats­ka­pell­meis­ter Cor­ne­li­us Meis­ter ist ein vi­ves Kerl­chen, das her­vor­ra­gend mit­spielt und dem an­de­ren Meis­ter bei­na­he die Show stiehlt. Er stellt da­bei sein ab­so­lu­tes Ge­hör un­ter Be­weis – auch für Po­in­ten. Und mischt mun­ter mit in der di­dak­ti­schen Lehr­stun­de des Hu­mor­päd­ago­gen Schmidt, et­wa in­dem er die stau­nens­wer­te Wir­kung des Tris­tan-Ak­kords er­klärt – genau: je­nen (laut Schmidt) „fünf St­un­den Pil­cher mit Mu­sik“.

Die bei­den Bud­dies ken­nen sich aus der oben er­wähn­ten Strauss-Oper, und der Di­ri­gent ver­rät treu­her­zig, dass für die Haus­hof­meis­ter-Rol­le gleich zwei Kan­di­da­ten in der en­ge­ren Wahl stan­den: Schmidt und Win­fried Kret­sch­mann. „Wir wa­ren ein­stim­mig für Sie!“

Am En­de darf Schmidt als Pe­da­las­sis­tent am Kon­zert­flü­gel des Mu­sik-Meis­ters ran. Au­ßer­dem tanzt er zwi­schen­durch ein paar Tak­te, und er singt ganz er­grei­fend play­back zu Fritz Wun­der­lichs „Dein ist mein gan­zes Herz“. Ja, Dir­ty Har­ry: Dein ist un­ser gan­zes Herz!

Fo­to: Björn Klein

Ha­rald Schmidt und der Stutt­gar­ter Staats­ka­pell­meis­ter Cor­ne­li­us Meis­ter, der in Schmidts Show sein ab­so­lu­tes Ge­hör – auch für Po­in­ten – un­ter Be­weis stell­te.

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