Der Mensch braucht Be­rüh­rung

Der Phi­lo­soph Wil­helm Schmid spricht auf Ein­la­dung der Buch­hand­lung Osi­an­der vor fast vol­len Rän­gen in der Ho­s­pi­tal­kir­che in Schwä­bisch Hall.

Haller Tagblatt - - MENSCHEN - Von Jo­han­na Hor­la­cher

Ein klei­nes, ja fe­der­leich­tes Büch­lein – in et­wa der Grö­ße ei­nes Smart­pho­nes. Es soll ge­le­gent­lich zu die­sem ei­ne Al­ter­na­ti­ve sein. Ru­he und Nach­denk­lich­keit er­le­ben statt die Flüch­tig­keit des Mo­ments. In An­spie­lung auf iPad und Smart­pho­ne be­schreibt Wil­helm Schmid: „Da strei­cheln wir, da tou­chen wir, da wi­schen wir – so ent­fer­nen sich Men­schen von­ein­an­der und be­fas­sen sich mehr mit ih­ren Ge­rä­ten.“

Sehn­sucht nach Be­geg­nung

Welch star­ke Di­men­si­on die Kraft der Be­rüh­rung hat, er­läu­tert der Phi­lo­soph und be­kann­te Buch­au­tor in sei­nem Vor­trag in der fast voll be­setz­ten Ho­s­pi­tal­kir­che in Hall und stellt sein neu­es­tes Werk vor. Da­bei sieht Wil­helm Schmid ei­ne gro­ße Sehn­sucht nach rea­ler Be­geg­nung, an­statt auf So­ci­al-Me­dia-Platt­for­men. Im Grun­de sei Be­rüh­rung kein The­ma. Für die­je­ni­gen, die sie ha­ben, ist es in Ord­nung. Je­ne, de­nen die Be­rüh­rung fehlt, re­de­ten nicht dar­über.

Wel­che Be­deu­tung Be­rüh­rung für Men­schen hat, sei ihm erst so rich­tig be­wusst ge­wor­den, als er zeit­wei­lig in ei­nem Kran­ken­haus ar­bei­te­te. Bei vie­len Be­geg­nun­gen war die Nä­he und Dis­tanz zwi­schen Men­schen dar­an er­kenn­bar, in wel­chem Ma­ße sie zur Be­rüh­rung be­reit wa­ren. Dar­aus reif­te die Idee in ihm, das Phä­no­men ein­mal ein­ge­hen­der zu be­trach­ten. Dass da­bei ein brei­tes Spek­trum zu Ta­ge ge­för­dert wur­de, er­ör­ter­te der Phi­lo­soph in sei­nem rund ein­stün­di­gen „be­rüh­ren­den Vor­trag“, wie Sil­ja Kel­ler, Lei­te­rin der Buch­hand­lung Osi­an­der in Hall, re­sü­miert.

Be­rüh­run­gen kön­nen Be­zie­hun­gen be­grün­den und be­wah­ren. Sie kön­nen hin­rei­ßen und ge­ra­de­zu über­wäl­ti­gen. Auf der an­de­ren Sei­te ha­ben sie die Macht, Be­zie­hun­gen zu zer­set­zen und schließ­lich zu zer­stö­ren, wenn sie nicht will­kom­men sind oder un­mä­ßig aus­fal­len – oder wenn ihr Aus­blei­ben Ver­bit­te­rung her­vor­ruft. Von der Kraft der hei­len­den Hän­de bei Schmer­zen und der po­si­ti­ven Aus­wir­kung auf das Im­mun­sys­tem so­wie die be­glü­cken­de und be­ru­hi­gen­de Wir­kung ei­ner strei­cheln­den Hand bei Kin­dern be­rich­tet Wil­helm Schmid ein­drucks­voll.

Weit über das Kör­per­li­che hin­aus ge­hen für ihn be­rüh­ren­de Mo­men­te durch Wor­te und Ge­dan­ken oder wenn die See­le von Ge­füh­len be­rührt wird, und er­gänzt: „Mir ge­nügt ein Blick in den nächt­li­chen Him­mel, um mich von der Unend­lich­keit der En­er­gie, die den Kos­mos er­füllt, be­rüh­ren zu las­sen.“Mit lang an­hal­ten­dem Ap­plaus be­dan­ken sich die Zu­hö­rer für die Be­rüh­rung durch sei­ne Wor­te bei Wil­helm Schmid.

Der Phi­lo­soph Wil­helm Schmid in der Ho­s­pi­tal­kir­che.

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