„Der Fir­nis ist sehr brü­chig“

Der Schau­spie­ler Ul­rich Noe­then über Chris­ti­an Sch­wo­chows Neu­ver­fil­mung des Ro­mans „Deutsch­stun­de“von Sieg­fried Lenz.

Haller Tagblatt - - FEUILLETON - Von Die­ter Oß­wald

Nach dem Ro­man von Sieg­fried Lenz hat Chris­ti­an Sch­wo­chow nun „Deutsch­stun­de“neu ver­filmt. Ul­rich Noe­then spielt dar­in den au­to­ri­tä­ren Land­po­li­zis­ten Jens Ole Jep­sen, der sei­nem lang­jäh­ri­gen Freund Max Lud­wig Nan­sen das Mal­ver­bot der Na­zis über­bringt. Herr Noe­then, wo se­hen Sie die Ak­tua­li­tät der „Deutsch­stun­de“für heu­te? Ul­rich Noe­then:

In der Zeit­lo­sig­keit sei­nes Sto‰es. Die „Deutsch­stun­de“han­delt von Pflicht­be­wusst­sein und zwar in ei­ner per­ver­tier­ten Form, die da­zu führt, dass per­sön­li­che und ge­sell­schaft­li­che Be­zie­hun­gen zer­rüt­tet, ver­gif­tet und zer­stört wer­den. Das ge­schieht als Fol­ge von fa­schis­ti­schen, ras­sis­ti­schen Zu­stän­den. Die Par­al­le­len zur heu­ti­gen Zeit mag sich je­der selbst er­klä­ren. Ist die­se Ak­tua­li­tät ein ent­schei­den­der Fak­tor für Sie oder ge­nügt Ih­nen der Sto als Klas­si­ker? Ich bin Zeit­zeu­ge und be­kom­me Ent­wick­lun­gen mit. Und ich möch­te mit­hel­fen, die Er­in­ne­rung an Ge­sche­he­nes wach zu hal­ten. Und Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart sinn­voll zu­sam­men­fü­gen. Das emp­fin­de ich als star­ke Auf­ga­ben. Gleich­zei­tig bin ich je­mand, der sei­nen Be­ruf ger­ne aus­üben möch­te. Des­we­gen war es mir sehr wich­tig, er­neut mit Re­gis­seur Chris­ti­an Sch­wo­chow und solch her­vor­ra­gen­den Kol­le­gen zu ar­bei­ten. Das sind ganz ego­is­ti­sche Grün­de, aber dann macht ein Pro­jekt – zu­sätz­lich zur in­ne­ren Be­frie­di­gung – ein­fach auch Spaß. Kön­nen Sie sich noch er­in­nern, als Sie den Ro­man zum ers­ten Mal ge­le­sen ha­ben? Wir hat­ten „Deutsch­stun­de“nicht im Schul­un­ter­richt, aber zu je­ner Zeit ha­be ich den Ro­man ent­deckt. Zu Sieg­fried Lenz kam ich über „So zärt­lich war Su­ley­ken“. Aus die­sem mehr hu­mo­ris­tisch-an­ek­do­ten­haf­ten Sto‰ bin in die „Deutsch­stun­de“ge­rutscht. Span­nend fand ich dort das Lo­kal­ko­lo­rit und die Schil­de­rung der Ty­pen. Die­se li­te­ra­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung ei­nes Ich-Er­zäh­lers mit sei­ner Ver­gan­gen­heit kann­te ich so noch nicht. Wie fühlt man sich, wenn man ei­nen Ty­pen spielt, der auch das ei­ge­ne Kind schlägt? Al­les Schau­spiel-Rou­ti­ne oder nimmt ei­nen das doch ein biss­chen mit? Den Zu­schau­ern geht das ver­mut­lich mehr an die Nie­ren als mir. Für mich ist das zu­nächst ein­fach ei­ne schau­spie­le­ri­sche Auf­ga­be, die es tech­nisch in den Gri‰ zu be­kom­men gilt: Wie macht man das, oh­ne dass ei­ner der Be­tei­lig­ten da­bei zu Scha­den kommt. In­so­fern er­schüt­tert mich so ei­ne Sze­ne beim Spie­len gar nicht so sehr. Aber nach Dreh­schluss ge­hen mir sol­che Sze­nen doch noch nach. Be­nö­ti­gen Sie Schnitt­men­gen mit Ih­ren Fi­gu­ren? Na­tür­lich hat ei­ne Fi­gur im­mer mit mir zu tun und be­rührt mich ir­gend­wie. Wie sie auch mit an­de­ren Men­schen zu tun hat. Ich glau­be, dass Men­schen zu un­glaub­li­chen Din­gen fä­hig sind. Der Fir­nis von Kul­tur, Er­zie­hung und Men­sch­lich­keit ist sehr dünn und brü­chig. Ich fin­de es ei­ne grö­ße­re Her­aus­for­de­rung, Men­schen zu ver­ste­hen als sie zu ver­ur­tei­len. Das heißt nicht, dass ich ihr Han­deln bil­li­ge, aber man soll­te mit ei­nem mensch­li­chen Au­ge auf den Un­men­schen schau­en. Sie ge­ben gern den Durch­schnitt­s­ty­pen vor der Ka­me­ra.

Was macht den Spie­ßer reiz­voll?

In den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren durf­te ich ei­ne Rei­he von ganz star­ken und über­haupt nicht durch­schnitt­li­chen Men­schen spie­len. Und wenn ich Al­ler­welts-Ty­pen spie­len kann, dann um so bes­ser. Ich fin­de es je­den­falls nicht eh­ren­rüh­rig. Und bei der Ver­wen­dung des Be­gri‰es „Spie­ßer“wä­re ich in­zwi­schen sehr vor­sich­tig. Wer im Glas­haus sitzt, soll nicht mit Stei­nen wer­fen! Was se­hen Sie als die wich­tigs­te Qua­li­tät für den Schau­spiel-Be­ruf? Das kann ich nicht be­ant­wor­ten. Ehr­lich ge­sagt bin ich im­mer noch der Mei­nung: Ei­gent­lich weiß ich nicht ge­nau, wie’s geht! Das lässt es für mich span­nend blei­ben. Wenn ich ge­nau wüss­te, wor­auf es an­kommt, dann könn­te ich ver­mut­lich ein­pa­cken. Es gibt ei­ne De­bat­te, mit dem Ma­ler im Ro­man wer­de Emil Nol­de ein Denk­mal ge­setzt, der als über­zeug­ter Na­zi galt. War das auch The­ma bei der Ver‘lmung? Wir hat­ten das im Blick, aber es war für uns kein gro­ßes The­ma. Denn klar war: Lenz hat nicht Nol­de ge­meint und be­schrie­ben, son­dern hat Tei­le aus sei­ner Bio­gra­fie als An­re­gung ge­nom­men. Auch wenn das Bild von Nol­de in wei­ten Krei­sen spä­ter stark von der „Deutsch­stun­de“ge­prägt wur­de, han­delt es sich bei der Fi­gur nicht um Nol­de. Zu­dem er­zäh­len wir die Fi­gur im Film noch ein­mal an­ders als es Lenz im Ro­man tut. Es geht um das Pa­ra­bel­haf­te der Freund­schaft zwei­er Män­ner. Der ei­ne ist ei­nem dik­ta­to­ri­schen Un­rechts-Sys­tem ver­pflich­tet, der an­de­re sei­ner Kunst. Und bei­de ver­su­chen den Jun­gen für sich zu in­stru­men­ta­li­sie­ren.

Fo­to: Wil­dBunch/dpa

To­bi­as Mo­ret­ti (links) als Ma­ler Max Lud­wig Nan­sen und Ul­rich Noe­then als Po­li­zist Jens Ole Jep­sen in ei­ner Sze­ne von Chris­ti­an Sch­wo­chows Film „Deutsch­stun­de.“

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