Die neu­en Kö­ni­ge

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Ste­fan Ke­gel zum Er­folg ei­nes frag­wür­di­gen Po­li­ti­ker­ty­pus leitartike­[email protected]

Ih­nen spielt in die Hän­de, dass Kom­pro­mis­se als Un­fä­hig­keit der Po­li­tik be­ur­teilt wer­den.

Was ist mit den gro­ßen De­mo­kra­ti­en los? Nicht nur in den USA, auch in Groß­bri­tan­ni­en sind Po­li­ti­ker ans Ru­der ge­kom­men, die von der De­mo­kra­tie ein eher pro­ble­ma­ti­sches Ver­ständ­nis ha­ben. Die jüngs­ten Bei­spie­le ste­hen sinn­bild­lich da­für. Der ei­ne nutzt sein Amt, um bei sei­nem ukrai­ni­schen Amts­kol­le­gen per­sön­li­che Vor­tei­le für sich und sei­nen Wahl­kampf her­aus­zu­schla­gen. Der an­de­re schickt in der seit Jahr­zehn­ten wich­tigs­ten his­to­ri­schen Pha­se sei­nes Lan­des mal eben das Par­la­ment nach Hau­se. Wie ab­so­lu­tis­ti­sche Kö­ni­ge, die sich nicht um Re­geln sche­ren müs­sen. Und es stellt sich die Fra­ge: Er­le­ben wir ei­nen Wan­del der De­mo­kra­tie? Ist sie in Ge­fahr?

Bei al­lem Dra­ma, das mit dem Ge­ba­ren der bei­den ver­bun­den ist, muss man zu­nächst fest­hal­ten: Die de­mo­kra­ti­schen Kon­troll­me­cha­nis­men für die Re­gie­rung – das Par­la­ment und die Ge­rich­te – funk­tio­nie­ren in den USA wie auch in Groß­bri­tan­ni­en. In Washington ist die op­po­si­tio­nel­le De­mo­kra­ti­sche Par­tei da­bei, ein Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren ge­gen Prä­si­dent Do­nald Trump vor­zu­be­rei­ten. Und auch die Ge­rich­te ha­ben be­reits meh­re­re von sei­nen Vor­stö­ßen ge­stoppt, wenn sie ge­gen das Recht ver­stie­ßen. Ge­nau­so hat das Par­la­ment in Lon­don Bo­ris John­son bei sei­nem Br­ex­it-Kurs in die Schran­ken ge­wie­sen, und der Obers­te Ge­richts­hof hat die von ihm ver­füg­te Par­la­ments-Zwangs­pau­se für un­gül­tig er­klärt. Die Ge­set­zes­ver­äch­ter an der Spit­ze bei­der Staa­ten kön­nen al­so – im Ge­gen­satz zu aus­ge­wie­se­nen Au­to­kra­ten der Mar­ke Pu­tin, Er­do­gan und Xi – nicht un­ge­stört ih­re Rän­ke schmie­den.

Das be­deu­tet nicht, dass von ih­nen kei­ne Ge­fahr für die De­mo­kra­tie aus­geht. Win­di­ge Gestal­ten wie Trump und John­son gab es im­mer schon. Der Un­ter­schied zu heu­te ist: Lan­ge Zeit ka­men sie für obers­te Macht­po­si­tio­nen in der Re­gel nicht in Fra­ge. Die­ses ge­sell­schaft­li­che Ein­ver­neh­men brö­ckelt. Ge­ra­de weil er Pro­ble­me auf ein­fa­che Wei­se zu lö­sen ver­spricht und bra­chi­al Kl­ar­text re­det, gilt die­ser Po­li­ti­ker­ty­pus heu­te vie­len als wähl­bar, un­ab­hän­gig da­von, wie er zur De­mo­kra­tie steht. Vor al­lem er­füllt er zwei Er­war­tun­gen: Er ist un­ter­halt­sam, und er ins­ze­niert sich als ein­sa­mer Held, der sei­ne Zie­le ge­gen al­le Wi­der­stän­de durch­setzt – ein Bild, das die Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie nach­hal­tig in die Köp­fe ge­mei­ßelt hat.

Ih­nen spielt in die Hän­de, dass po­li­ti­sche Kom­pro­mis­se zu­neh­mend als Un­fä­hig­keit der Po­li­tik be­ur­teilt wer­den, Pro­ble­me zü­gig und nach­hal­tig zu lö­sen. Hier set­zen Po­pu­lis­ten wie Trump und John­son an, in­dem sie den Kon­sens, der mög­lichst al­le ein­be­zie­hen soll, ver­ächt­lich ma­chen. Und mit ih­nen die de­mo­kra­ti­schen In­sti­tu­tio­nen, die ih­re Län­der jahr­hun­der­te­lang sta­bil ge­hal­ten ha­ben. Das ist der Punkt, an dem es brenz­lig wird. So­bald die han­deln­den Per­so­nen die­sund jen­seits des At­lan­tiks näm­lich brei­te Tei­le der Be­völ­ke­rung mit ih­rer Ver­ach­tung des Kom­pro­mis­ses an­ste­cken und mit brei­ter Bil­li­gung Kon­troll­me­cha­nis­men aus­zu­höh­len ver­mö­gen, ge­rät die De­mo­kra­tie in die Sack­gas­se. Und die Bahn ist frei für die neu­en Kö­ni­ge.

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