Von Stö­ckel­schu­hen und He­fe­zöp­fen

„Hun­dert will ich mal nicht wer­den“, sag­te einst Ger­trud Fritz. Ist sie aber. Mor­gen fei­ert die Hal­le­rin ih­ren run­den Ge­burts­tag – le­bens­froh, ge­sund und mit ei­ner po­si­ti­ven Grund­ein­stel­lung.

Haller Tagblatt - - MENSCHEN - Von Son­ja Ale­xa Voll­mann

Ger­trud Fritz trägt ei­nen schwar­zen Roll­kra­gen­pull­over, ei­ne schwar­ze Sto ho­se und ei­nen sil­ber­nen Gür­tel – die­ses Out­fit hat sie sich für ih­ren mor­gi­gen 100. Ge­burts­tag aus­ge­sucht. Aber so, oder ähn­lich schick, könn­te man sie an je­dem an­de­ren Tag in ih­rem Haus in der Kreuz­äcker­sied­lung ant­re en. Und da­zu ge­hö­ren Schu­he mit Ab­satz. Ihr Sohn Die­ter är­gert sich dar­über, dass sie den gan­zen Tag so un­ge­sun­de Fuß­be­klei­dung trägt an­statt Pan­to eln an­zu­zie­hen. Die Ab­sät­ze ma­chen sie grö­ßer, al­so zieht sie die ho­hen Schu­he an.

Je­den Mor­gen, wenn sie ge­gen 8 Uhr auf­steht, nach gut zwölf St­un­den Schlaf, sucht die zier­li­che Frau sorg­fäl­tig ih­re Klei­dung aus, fri­siert und schminkt sich. Auch ihr Früh­stück macht sie al­lei­ne: Ka ee und He­fe­zopf mit Erd­beer­mar­me­la­de – ein Muss für die Se­nio­rin.

„Nach zwei Ta­gen ist der Zopf weg. Mei­ne Mut­ter ist ei­ne gute Es­se­rin“, sagt Sohn Die­ter Kapf­ha­mer, der fast je­den Tag bei ihr vor­bei­schaut. Al­ler­dings sieht er auch, dass die Am­seln und Spat­zen in den Vo­gel­häus­chen im Gar­ten das Glück ha­ben, das sü­ße Brot pi­cken zu dür­fen.

Viel hat sich in all der Zeit ge­än­dert.

Ger­trud Fritz ist Hal­lern be­kannt als Sche­ren­schnitt­künst­le­rin. 70 Jah­re lang stell­te sie an ver­schie­de­nen Or­ten aus und ver­kauf­te vie­le ih­rer klei­nen und gro­ßen Wer­ke. Am meis­ten wur­den ih­re „Sie­ben Schwa­ben“ver­kauft, Fi­gu­ren aus ei­nem Mär­chen der Ge­brü­der Grimm. Auch Land­schaftsaqu­a­rel­le und Schrif­ten stell­te die Toch­ter der Le­bens­mit­tel­händ­ler Karl und Em­ma Oß­wald aus der Gel­bin­ger Gas­se her. Dort wuchs Ger­trud Fritz auf, half im Ge­schäft und schrieb mit Schlämm­krei­de die An­ge­bo­te auf die Schau­fens­ter­schei­be. Auch klei­ne Zeich­nun­gen hin­gen dort von dem be­gab­ten Kind. Auf die wur­de der Kunster­zie­her Ot­to Schöp­fer auf­merk­sam, der ihr fort­an Pri­vat­un­ter­richt im Tausch ge­gen Le­bens­mit­tel gab.

1942 hei­ra­te­te das jun­ge Mäd­chen, das zu­vor ein Jahr in Stutt­gart als „Haus­toch­ter“bei ei­ner Fa­mi­lie ar­bei­te­te, den Brau­meis­ter To­ni Kapf­ha­mer. Sie be­ka­men die Söh­ne Rolf und Die­ter. Im Krieg, auf dem Rück­zug aus Russ­land, muss ihr Mann ge­fal­len sein. Zehn Jah­re galt er als ver­misst, dann hat man ihn für tot er­klärt.

1955 hei­ra­te­te Ger­trud Fritz er­neut. Hans Ruth, der als Bank­kauf­mann bei der Ame­ri­can Ex­press Com­pa­ny in Hes­sen­tal ar­bei­te­te, wur­de ihr zwei­ter Ehe­mann. Die Ehe dau­er­te zehn Jah­re. Für die Söh­ne blieb der Opa Va­ter­er­satz.

Le­ben in ei­nem stil­len Haus

Auch als ih­re Mut­ter zum drit­ten Mal hei­ra­tet und zwar ih­re Ju­gend­lie­be Al­bert Fritz. Mit ihm ver­ließ sie Hall und sie leb­ten 17 Jah­re im bay­ri­schen Markt­ober­dorf, weil er dort als In­ge­nieur bei Fendt ar­bei­te­te. Vie­le Bil­der von Land­schaf­ten ent­stan­den in die­ser Zeit. Ei­ni­ge hän­gen heu­te noch in dem Haus. Es ist ein stil­les Haus, in dem seit Jah­ren we­der Ra­dio, noch Mu­sik, noch der Fern­se­her zu hö­ren ist. Wenn die net­te Haus­halts­hil­fe nach dem Mit­tag­es­sen ge­gan­gen ist, ist Zeit für das Lieb­lings­eck­chen. Dann sitzt Ger­trud Fritz in ei­nem Ses­sel, mit De­cke, ne­ben ihr zwei Heiz­kör­per, ruht sich aus und löst Kreuzwortr­ätsel.

„Viel hat sich in all der Zeit ge­än­dert“, sagt die Ju­bi­la­rin nach­denk­lich. So alt, wie sie heu­te wird, hat­te sie nie vor zu wer­den. War­um sie es doch ge­wor­den ist? Wo­mög­lich weil sie ein in­ter­es­sier­ter Mensch ist, die Kunst als ih­re gro­ße Lei­den­schaft hat­te und durch ih­ren an­ge­bo­re­nen Op­ti­mis­mus die Welt ein­fach ein biss­chen bun­ter und leich­ter sieht. „Ich ha­be wohl ei­ne po­si­ti­ve Grund­ein­stel­lung und las­se schlech­te Nach­rich­ten nicht an mich ran“, meint Ger­trud Fritz. Und ihr Sohn fügt hin­zu: „Sie kann leicht ver­ge­ben.“

Wenn sie auch die Zei­tung nicht mehr auf­merk­sam le­sen kann, geht sie doch mit ih­rem Sohn re­gel­mä­ßig die To­des­an­zei­gen durch und stellt trau­rig fest, dass von ih­ren Freun­den und Be­kann­ten nie­mand mehr üb­rig ist. Da­für blei­ben ihr die zwei „schö­nen Söh­ne“, vier En­kel und neun Uren­kel.

Fo­to: Son­ja Ale­xa Voll­mann

Ger­trud Fritz wird am 3. Ok­to­ber 100 Jah­re alt. Mit ih­rer Fa­mi­lie fei­ert sie im Ho­tel Ho­hen­lo­he und zum Es­sen wird es Sau­er­rahm­bra­ten ge­ben. „Ich ge­he ger­ne es­sen“, freut sie sich – so, wie sie sich über vie­les freu­en kann.

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