Die Apo­ka­lyp­se hin­term Deich

„Deutsch­stun­de“zählt zu den wich­tigs­ten deut­schen Nach­kriegs­Ro­ma­nen. Jetzt kommt der Stoff erst­mals ins Ki­no.

Haller Tagblatt - - KINO -

Bett­wä­sche im Wind. Ne­ben kaum ei­nem die­ser düs­te­ren Häu­ser hin­term Deich feh­len flat­tern­de La­ken, we­hen­der wei­ßer Sto”. Die­se Bil­der ste­hen in Christian Sch­wo­chows Ver­fil­mung von „Deutsch­stun­de“für ei­nen gro­tes­ken Ge­gen­satz. Denn hier im Nor­den, am Ran­de des Wat­ten­meers, könn­te es so fried­lich sein. Doch der Krieg dringt bis hier­hin vor. Da­für sor­gen die Men­schen in den Häu­sern mit ih­rer Pflicht­er­fül­lung für das ei­gent­lich so fer­ne Ber­lin.

Die gleich­na­mi­ge Vor­la­ge von Sieg­fried Lenz (1926-2014) ist ne­ben der „Blech­trom­mel“von Gün­ter Grass wohl ei­ner der wich­tigs­ten Ro­ma­ne aus der deut­schen Nach­kriegs­zeit. Das Buch mach­te Lenz in­ter­na­tio­nal be­kannt, wur­de nach dem Er­schei­nen 1968 in zwan­zig Spra­chen über­setzt und 2,2 Mil­lio­nen Mal ver­kauft. Für vie­le Schü­ler im Wes­ten war es Pflicht­lek­tü­re im Deutsch­un­ter­richt.

Re­gis­seur Sch­wo­chow ver­dich­tet den Sto” auf das Schick­sal ei­nes Jun­gen zwi­schen zwei ge­gen­sätz­li­chen Va­ter­fi­gu­ren. Sig­gi Jep­sen (Tom Gro­nau) blickt aus ei­ner Ju­gend­straf­an­stalt zu­rück auf sei­ne Zeit als Kind (Le­vi Ei­sen­blät­ter) mit sei­nem Va­ter (Ulrich Noe­then), ei­nem pflicht­ver­ses­se­nen Dorf­po­li­zis­ten, der ei­nen „brauch­ba­ren Men­schen“aus sei­nem Sohn ma­chen will, was auch heißt: „brauch­ba­re Men­schen müs­sen sich fü­gen“.

Mo­ret­ti als Künst­ler

Ei­nen Hof wei­ter lebt ein be­rühm­ter Künst­ler (Tobias Mo­ret­ti). Die bei­den Män­ner sind seit Kind­heit be­freun­det, der Ma­ler hat dem Po­li­zis­ten da­mals so­gar das Le­ben ge­ret­tet. Doch die Na­zis mö­gen sei­ne Kunst nicht. „Die glau­ben, dass Ma­len ge­fähr­lich ist“, sagt er dem Jun­gen. Der Künst­ler wehrt sich ge­gen ein Mal­ver­bot der Na­zis, das der Po­li­zist über­bringt und dann über­wa­chen muss. Sig­gi wird zwi­schen den Män­nern auf­ge­rie­ben. Er stei­gert sich in den Wahn, die Bil­der auch nach Kriegs­en­de noch vor sei­nem Va­ter si­chern zu müs­sen.

Die En­ge die­ser Welt wird an vie­len Stel­len sub­til im Film über­setzt. So weist das Kin­der­zim­mer Sig­gis den glei­chen Grund­riss auf wie die Ar­rest­zel­le, in der er Jah­re spä­ter sei­ne Le­bens­ge­schich­te schrei­ben wird. Als Kind hat Sig­gi auch ein Ver­steck in ei­nem ver­las­se­nen Ge­bäu­de. Nie­mand will ihm sa­gen, wo die Be­woh­ner hin sind – an kei­ner Stel­le wird von Ju­den ge­spro­chen. Im Film lässt Sch­wo­chow den spie­len­den Sig­gi ei­nen klei­nen Hin­weis auf das fürch­ter­li­che Schick­sal fin­den: „Es gibt ei­ne klei­ne gel­be Schei­be, die für mich wie ein Za­cken aus dem Da­vid­stern ist.“

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