„Der Tsu­na­mi kommt noch“ Tho­mas Cook

In Tou­ris­mus-Re­gio­nen geht nach der Plei­te die Angst we­gen of­fe­ner Rech­nun­gen und lee­rer Ho­tel­bet­ten um.

Haller Tagblatt - - WIRTSCHAFT - Von Mar­tin Dahms und Gerd Höh­ler

Mög­li­cher­wei­se ma­chen die Ho­tels in die­sem Jahr nur frü­her zu. Spre­cher Deut­scher Rei­se­ver­band

Die Frau seufzt. „Ich ha­be drei Kin­der, bin al­lein­er­zie­hend. Was soll aus mir wer­den?“Bis­lang ar­bei­tet die An­ge­stell­te in ei­nem Tho­mas-Cook-Ho­tel in Tor­re­mo­li­nos. Was nach der Tho­mas-Cook-Plei­te mit dem Ho­tel ge­schieht, ist un­si­cher. Spa­ni­en lei­det wie vie­le an­de­re Län­der un­ter dem Aus des äl­tes­ten Rei­se­un­ter­neh­mens der Welt. Mit dem Ver­an­stal­ter wa­ren im ver­gan­ge­nen Jahr 3,6 Mio. der ins­ge­samt 82 Mio. aus­län­di­schen Tou­ris­ten nach Spa­ni­en ge­kom­men.

Be­son­ders hart trišt es die Ka­na­ren und die Ba­lea­ren. Ein Vier­tel ih­res Ge­schäf­tes lief bis­her über Tho­mas Cook. 1,24 Mio. Be­su­cher ha­be das Un­ter­neh­men im ver­gan­ge­nen Jahr auf die Ba­lea­ren ge­bracht, sagt der Tou­ris­mus­mi­nis­ter der Re­gi­on, Ia­go Ne­gue­rue­la. In Pal­ma de Mallor­cas steht au­ßer­dem das spa­ni­sche Haupt­quar­tier des bri­ti­schen Rei­se­ver­an­stal­ters. 700 Ar­beits­plät­ze sind di­rekt in Ge­fahr. Die Ge­werk­schaft UGT schätzt, dass auf den Ba­lea­ren und den Ka­na­ren ins­ge­samt 13 000 Jobs auf dem Spiel ste­hen.

Die Ho­te­liers ban­gen nicht nur um kom­men­de Gäs­te. Die Sum­me un­be­zahl­ter Rech­nun­gen, die Tho­mas Cook hin­ter­las­sen hat, dürf­te weit­aus hö­her aus­fal­len als die zu­nächst ver­an­schlag­ten 200 Mio. €, warn­te der Prä­si­dent der Ho­tel- und Tou­ris­tik­ver­ei­ni­gung des Lan­des, Juan Mo­las, des­sen Ver­band rund 15 000 Un­ter­neh­men der Bran­che in Spa­ni­en ver­tritt. Et­wa 500 Ho­tels dürf­ten we­gen der Plei­te dicht­ma­chen. Die­se Zahl möch­te ein Spre­cher des Deut­schen Rei­se­ver­bands (DRV) nicht kom­men­tie­ren. Mel­dun­gen aus dem Aus­land müss­ten mit Vor­sicht be­trach­tet wer­den, warnt er. Mög­li­cher­wei­se mach­ten Ho­tels in die­sem Jahr nur frü­her zu.

Stark be­trošen ist auch der grie­chi­sche Frem­den­ver­kehr. Tou­ris­mus­ver­bän­de ge­hen da­von aus, dass die In­sol­venz des Rei­se­kon­zerns den Tou­ris­mus­sek­tor bis zu 500 Mio. € kos­ten könn­te. Es sei für die Wirt­schaft „der stärks­te Schlag seit der Fi­nanz­kri­se“, schrieb die Wirt­schafts­zei­tung „Naf­tem­po­ri­ki“.

Die Bran­che steht vor rie­si­gen Ein­bu­ßen. Die meis­ten Ho­te­liers, die Tho­mas-Cook-Kun­den be­her­ber­gen, sind seit Mit­te Ju­ni nicht mehr be­zahlt wor­den. Der Ver­band Se­te be­zišert den Scha­den auf 300 bis 500 Mio. €. Und die Sum­me könn­te noch stei­gen: Of­fen ist, ob die Ho­te­liers die be­reits für 2020 an Tho­mas Cook ver­mie­te­ten Kon­tin­gen­te an­der­wei­tig los­wer­den kön­nen.

2018 brach­te der Kon­zern et­wa je­den zehn­ten der 30 Mio. aus­län­di­schen Ur­lau­ber ins Land. Schwer­punk­te wa­ren die In­seln Rho­dos, Kos, Kor­fu, Zakynt­hos und Kre­ta. Dort hat­ten 70 Pro­zent

al­ler Ho­tels Ver­trä­ge mit Tho­mas Cook, be­rich­tet Micha­lis Vlat­kos, der Prä­si­dent des kre­ti­schen Tou­ris­mus­ver­ban­des: „Der Tsu­na­mi kommt erst noch.“

Auf Tho­mas Cook ent­fie­len in der Tür­kei et­wa 8 Pro­zent der bri­ti­schen und 10 Pro­zent der deut­schen Ur­lau­ber. Je­nen Ho­te­liers, die nach der Plei­te jetzt auf un­be­zahl­ten Rech­nun­gen sit­zen und des­we­gen in fi­nan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten ge­ra­ten, will die tür­ki­sche Re­gie­rung mit Über­brü­ckungs­kre­di­ten hel­fen.

Be­trošen sind aber auch an­de­re Län­der. In Tu­ne­si­en sind nach Angaben des Ho­tel­ver­ban­des FTH et­wa 100 Ho­tels in Ham­ma­met und auf Djer­ba be­trošen. 40 die­ser Ho­tels sei­en aus­schließ­lich Part­ner des in­sol­ven­ten Rei­se­kon­zerns. Tu­ne­si­en hat sich ge­ra­de von den Ter­ror­an­schlä­gen vor vier Jah­ren er­holt. Nun gibt ošene Rech­nun­gen von 70 Mio. € bei tu­ne­si­schen Ho­tels.

In Ägyp­ten müs­sen bis April 2020 Re­ser­vie­run­gen für 25 000 Rei­sen­de stor­niert wer­den. Auch in Gam­bia mit 200 000 Tou­ris­ten von Tho­mas Cook wer­den ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen be­fürch­tet. Nach Zy­pern woll­te der Ver­an­stal­ter in die­sem Jahr 456 000 Ur­lau­ber brin­gen. Vie­le Ho­tels hat­ten 70 bis 80 Pro­zent ih­rer Bet­ten für Tho­mas-Cook-Gäs­te re­ser­viert.

Der DRV geht da­von aus, dass Rei­se­ver­an­stal­ter die Lü­cke fül­len wer­den. Kon­kur­ren­ten wie DER Tou­ris­tik, Bran­chen-Pri­mus Tui und vie­le der 2300 Mit­tel­ständ­ler dürf­ten von der Tho­mas-Cook-Plei­te pro­fi­tie­ren. Die Rei­se­lust blei­be groß, sind sich Ex­per­ten si­cher. (mit afp/vt)

Fo­to: ©CHUYKO SERGEY/Shut­ter­stock.com

Wie es hier wohl kün ig aus­sieht? In Zy­pern gibt es Ho­tels, die bis­her bis zu 80 Pro­zent ih­rer Bet­ten mit Tho­mas-Cook-Rei­sen­den füll­ten. Bis an­de­re Ver­an­stal­ter die Lü­cken schlie­ßen, dür en die Strän­de et­was lee­rer wer­den.

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