Die Flücht­lings­kri­se in der Ägä­is spitzt sich wei­ter zu

Mi­gra­ti­on See­ho­fers Rei­se in die Tür­kei und nach Grie­chen­land könn­te teu­er wer­den: Er­do­gan will mehr Geld und droht, Flücht­lin­ge pas­sie­ren zu las­sen. At­hen ächzt schon jetzt un­ter dem Druck.

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK -

At­hen. Es könn­te ei­ne teu­re Rei­se wer­den, die den Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) zu­erst nach An­ka­ra ge­führt hat und nun in At­hen fort­ge­setzt wird. Seit In­kraft­tre­ten des Flücht­lings­de­als mit der Tür­kei vor drei­ein­halb Jah­ren ist die La­ge an­ge­spann­ter denn je. Der tür­ki­sche Staats­chef Re­cep Er­do­gan warnt vor ei­ner „neu­en Mi­gra­ti­ons­be­dro­hung“aus Sy­ri­en und for­dert Fi­nanz­hil­fen. Im 2016 ge­schlos­se­nen Flücht­lings­pakt sag­te die EU der Tür­kei sechs Mil­li­ar­den Eu­ro zu. Dies­mal wird es wohl um zwei­stel­li­ge Mil­li­ar­den­for­de­run­gen ge­hen.

See­ho­fer wird von sei­nem fran­zö­si­schen Amts­kol­le­gen Chris­to­phe Cas­ta­ner und EU-Mi­gra­ti­ons­kom­mis­sar Di­mi­tris Av­ra­mo­pou­los be­glei­tet. Be­son­de­re Ak­tua­li­tät be­kommt die Rei­se der drei Po­li­ti­ker vor dem Hin­ter­grund stark stei­gen­der Flücht­lings­zah­len in der Ägä­is. Stän­dig kom­men Schutz­su­chen­de aus der Tür­kei übers Meer. 10 258 wa­ren es im Sep­tem­ber – fast drei Mal so vie­le wie im Vor­jah­res­mo­nat.

Ex­per­ten glau­ben nicht an Zu­fall. Er­do­gan droht seit Wo­chen, er wer­de „die Tore öœnen“, wenn die EU die Tür­kei bei der Un­ter­brin­gung der Flücht­lin­ge nicht un­ter­stützt. Der Ver­dacht ist, dass Er­do­gan den Schleu­sern freie­re Hand lässt, um sei­nen For­de­run­gen Nach­druck zu ver­lei­hen.

Die Tür­kei be­her­bergt nach ei­ge­nen An­ga­ben rund vier Mil­lio­nen Flücht­lin­ge und Mi­gran­ten. Rund zwei Mil­lio­nen von ih­nen will Er­do­gan in ei­ner ge­plan­ten 400 Ki­lo­me­ter lan­gen und 32 Ki­lo­me­ter brei­ten Schutz­zo­ne im Nor­den Sy­ri­ens an­sie­deln. Ein Me­ga­pro­jekt: Ge­plant ist der Bau von 140 Dör­fern und zehn Städ­ten. Es geht um sehr viel Geld: Für das Vor­ha­ben sind 24 Mil­li­ar­den Eu­ro ver­an­schlagt.

Vor dem Zu­sam­men­bruch

Un­ter­des­sen ste­hen die Struk­tu­ren auf den grie­chi­schen In­seln vor dem völ­li­gen Zu­sam­men­bruch. Die Re­gie­rung will jetzt mehr Men­schen aus den über­füll­ten In­sel­la­gern zum Fest­land brin­gen. Täg­lich kom­men dort jetzt im Schnitt 300 Men­schen aus der Tür­kei an.

Seit lan­gem ap­pel­liert die grie­chi­sche Re­gie­rung an die EU, dem Land ei­nen Teil der Last ab­zu­neh­men und die Asyl­su­chen­den ge­rech­ter zu ver­tei­len. Mit die­ser For­de­rung wer­den See­ho­fer, Cas­ta­ner und Av­ra­mo­pou­los kon­fron­tiert sein, wenn sie Sta­ti­on in At­hen ma­chen. Die Bun­des­re­gie­rung ih­rer­seits for­dert, die Grie­chen müss­ten mehr ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber in die Tür­kei zu­rück­schi­cken, wie es der Flücht­lings­pakt vor­sieht. Seit dem Jahr 2016 wur­den erst rund 1900 Mi­gran­ten zu­rück­ge­schickt. Die seit An­fang Ju­li in At­hen am­tie­ren­de kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung will die Rück­füh­run­gen be­schleu­ni­gen und bis En­de 2020 rund 10 000 Men­schen in die Tür­kei ab­schie­ben.

Fo­to: Richard Drew/dpa

Der Prä­si­dent der Tür­kei, Er­do­gan, zeigt vor den Ver­ein­ten Na­tio­nen ein Fo­to des vor vier Jah­ren er­trun­ke­nen drei­jäh­ri­gen Flücht­lings­jun­gen Alan Kur­di.

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