Schö­ner Schei­tern

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK -

Der Wil­le zur Macht kann in­zwi­schen o ener und wo­mög­lich spie­le­ri­scher aus­ge­lebt wer­den.

Die bun­te Welt der Star­tups war noch nicht er­fun­den, als Sa­mu­el Be­ckett nie­der­schrieb, was spä­ter dann zu de­ren fröh­li­chem Leit­spruch wer­den soll­ten: „Try again. Fail again. Fail bet­ter.“Wie­der ver­su­chen, wie­der schei­tern, bes­ser schei­tern. Nun war der iri­sche Schrift­stel­ler nicht ge­ra­de als Op­ti­mist be­kannt und sein Drei­satz be­stimmt nicht als Mut­mach-Man­tra für bär­ti­ge Grün­der ge­dacht, was sich schon am Ti­tel des da­zu­ge­hö­ri­gen Pro­sa­bands ab­le­sen lässt. Der heißt näm­lich: „Aufs Schlimms­te zu.“

Un­ge­ach­tet sol­cher li­te­ra­ri­scher Fein­hei­ten aber schüt­telt das Schei­tern nun auch in der Po­li­tik all­mäh­lich sei­nen un­schö­nen Bei­klang ab. Nie­der­la­gen wer­den – vor al­lem von jün­ge­ren Po­li­ti­kern – nicht mehr pa­nisch ver­mie­den oder scham­voll ver­schwie­gen, son­dern zum Baustein der wei­te­ren Kar­rie­re um­ge­stal­tet. Und sie­he da, es funk­tio­niert.

Jens Spahn bei­spiels­wei­se stürz­te sich in das Ren­nen um den CDU-Par­tei­vor­sitz, ob­wohl dies von An­fang an als Du­ell zwi­schen An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er und Fried­rich Merz an­ge­legt war. Er zog auch nicht zu­rück, als ihm dies drin­gend, zur Ver­mei­dung ei­ner Nie­der­la­ge, na­he­ge­legt wur­de. Und sam­mel­te am En­de mit sei­nem drit­ten Platz so vie­le Plus­punk­te, dass die­se in­zwi­schen ei­ne so­li­de Grund­la­ge für mög­li­che Kanz­ler­kan­di­da­tur-Am­bi­tio­nen bil­den.

Der Eu­ro­pa­po­li­ti­ker Man­fred Weber wie­der­um brauch­te nur ei­nen Som­mer, um sich ers­tens ei­nen Bart wach­sen zu las­sen und zwei­tens den Ver­lust der bei­na­he schon si­che­ren EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent­schaft zu ver­dau­en. Jetzt mischt der CSU-Mann wie­der als re­spek­tier­ter Frak­ti­ons­chef in Eu­ro­pa mit, dürf­te in zwei­ein­halb Jah­ren Prä­si­dent des EU-Par­la­ments wer­den und – wer weiß – in fünf Jah­ren wo­mög­lich doch noch Kom­mis­si­ons­chef. Auch Cem Öz­de­mir schaœte es zwar nicht wie ge­wünscht an die Spit­ze der Grü­nen im Bundestag, sei­ne Kan­di­da­tur hat aber ent­ge­gen al­ler War­nun­gen we­der die Frak­ti­on noch sein An­se­hen zer­legt. Ist Ver­lie­ren al­so tat­säch­lich das neue Ge­win­nen in der Po­li­tik?

In­ter­es­sant ist je­den­falls, dass der Wil­le zur Macht in­zwi­schen oœener und wo­mög­lich spie­le­ri­scher aus­ge­lebt wer­den kann. Wer ei­nen Top­job in der Po­li­tik an­strebt, darf sich da­zu be­ken­nen und sich so­gar da­für an­stren­gen, oh­ne Ab­scheu aus­zu­lö­sen. Es sei denn na­tür­lich, die­je­ni­ge heißt Ur­su­la von der Ley­en. Die CDU-Po­li­ti­ke­rin hat mit ih­rem un­ver­hoh­le­nen Ehr­geiz stets zu­ver­läs­sig Sym­pa­thi­en ver­spielt. EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin wur­de sie nur, weil sie es eben nicht un­be­dingt wer­den woll­te.

Was heißt das nun für die SPD und ih­ren Wett­kampf um die Spit­ze? Hei­te­re Ver­lie­rer hat es zu­letzt nicht vie­le ge­ge­ben. Mar­tin Schulz führt ein Le­ben als Hin­ter­bänk­ler, Andrea Nah­les ist ver­schwun­den und Sig­mar Ga­b­ri­el pro­fi­liert sich als no­to­ri­scher Bes­ser­wis­ser. Oœen­bar lie­ßen we­der die Um­stän­de noch die Per­sön­lich­kei­ten ei­nen ent­spann­ten Um­gang mit den Miss­er­fol­gen zu. Ge­nau der ist aber nö­tig, um wie­der er­folg­reich sein zu kön­nen.

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