Kol­laps in der Wüs­te

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Leit­ar­ti­kel Ro­land Mül­ler zur Leicht­ath­le­tik-WM in Ka­tar leit­ar­ti­[email protected]

Die WM ist nur ein Sym­ptom für die Kor­rum­pie­rung des Sports durch Geld und au­to­ri­tä­re Re­gimes.

Ist von den po­si­ti­ven ge­sell­schaft­li­chen Wir­kun­gen des Sports und sei­ner Groß­ver­an­stal­tun­gen die Re­de, heißt es oft: Er über­win­de Gren­zen, brin­ge die Men­schen zu­sam­men, schaše fried­li­che, be­geis­tern­de Fes­te der Völ­ker­ver­stän­di­gung. Die Leicht­ath­le­tik-WM in Ka­tar, die an die­sem Wo­che­n­en­de zu En­de geht, ist nichts da­von. Das ab­sur­de Event im Wüs­ten­staat tritt all die­se Ide­en mit Fü­ßen – und zeigt scho­nungs­los, in wel­che ge­fähr­li­che Rich­tung sich der Spit­zen­sport be­wegt.

Dass die Wett­kämp­fe, die Höchst­leis­tun­gen der Ath­le­ten, die es ja trotz al­lem gibt, von den Be­gleit­um­stän­den „über­schat­tet“wür­den, ist ei­ne noch ver­harm­lo­sen­de Um­schrei­bung.

Schon die Ver­ga­be in das su­per­rei­che Emi­rat ist von schwe­ren Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fen be­las­tet, die Er­mitt­lun­gen lau­fen noch. Men­schen­recht­ler kri­ti­sie­ren, dass die Sport­stät­ten von Gas­t­ar­bei­tern un­ter Be­din­gun­gen auf­ge­baut wer­den, die sich na­he an der Zwangs­ar­beit be­we­gen. Wenn dann rei­hen­wei­se Sport­ler in der Hit­ze kol­la­bie­ren, Wett­kämp­fe zur Geis­ter­stun­de und vor lee­ren Rän­gen aus­ge­tra­gen wer­den und die Ein­hei­mi­schen lie­ber Ka­mel­ren­nen gu­cken, wird das Spor­tE­vent end­gül­tig zur Far­ce. Mit­ten in der glo­ba­len Kli­ma­de­bat­te ein gan­zes Sta­di­on mit ei­ner Rie­sen-An­la­ge auf 25 Grad her­un­ter­zu­küh­len, zeigt die Ab­sur­di­tät, ein sol­ches Event in der Wüs­te ab­zu­hal­ten.

Doch lei­der ist die­se Leicht­ath­le­tik-WM nur ein be­son­ders au­gen­fäl­li­ges Sym­ptom für die schlei­chen­de Kor­rum­pie­rung des Sports, der sich vom gro­ßen Geld und der Gel­tungs­sucht au­to­ri­tä­rer Herr­scher und Re­gime schlicht kau­fen lässt. Die Scheichs in Ka­tar tun sich hier­bei be­son­ders her­vor, ha­ben auch schon Welt­meis­ter­schaf­ten für Hand­ball, Rad­sport und Schwimmen zu sich ge­holt – und pum­pen ih­re Öl-Mil­li­ar­den in den fran­zö­si­schen Haupt­stadt-Club Pa­ris Saint-Ger­main. Dass auch die Fuß­ball-WM 2022 in Ka­tar statt­fin­den wird, ist der bis­her größ­te Tri­umph des Re­gimes, das den Sport zur Auf­bes­se­rung sei­nes Images nutzt. Das gro­ße Ziel heißt je­doch Olym­pia – und bis­her sind kaum An­zei­chen er­kenn­bar, dass die Sport­ver­bän­de der Ver­lo­ckung spru­deln­der Öl-Mil­li­ar­den wi­der­ste­hen kön­nen.

Ge­wiss: Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fe und frag­wür­di­ge Ver­an­stal­tun­gen gab es im­mer wie­der. Auch die olym­pi­schen Spie­le in Chi­na, die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaf­ten in Bra­si­li­en und Russ­land zum Bei­spiel wa­ren um­strit­te­ne Image-Wer­bung für au­to­ri­tä­re Re­gime oder lös­ten öko­lo­gi­sche und so­zia­le Ver­wer­fun­gen in den Gast­ge­ber­län­dern aus. Doch wur­de in die­sen Fäl­len die Kri­tik von an­de­ren Bil­dern über­deckt, so­bald es los­ging: Fröh­li­che Gast­ge­ber, be­geis­ter­te Zu­schau­er und die Ma­gie des Sports lie­ßen die Schat­ten­sei­ten schnell zur Ne­ben­sa­che wer­den. In Ka­tar ist die­se Form des Selbst­be­trugs nicht mög­lich, kann kei­ne ge­sell­schaft­li­che Po­si­tiv-Stim­mung von der schnö­den Wahr­heit ab­len­ken: Dass der viel be­schwo­re­ne Geist des Sports hier von Geld und Macht per­ver­tiert wird. Man könn­te die lei­se Hošnung he­gen, dass es ein heil­sa­mer Schock ist, ei­ne Leh­re für die Zu­kunft. Doch dann wä­re man wohl ziem­lich na­iv.

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