Ein Si­gnal für die west­li­che Welt?

Noch be­vor die Ama­zo­nas-Syn­ode be­ginnt, gibt es Streit über de­ren Be­deu­tung. Ist sie ein re­gio­na­les Er­eig­nis oder wich­tig für die Welt­kir­che? Das hat Fol­gen für den Pflicht­zö­li­bat.

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von Eli­sa­beth Zoll

Was so un­schein­bar wirkt, birgt das Po­ten­zi­al für ei­nen Um­bruch.

Die Ner­vo­si­tät erz­kon­ser­va­ti­ver Kir­chen­obe­ren ist groß. In Zei­tungs­bei­trä­gen ma­chen der 90jäh­ri­ge Ku­ri­en­kar­di­nal Wal­ter Brand­mül­ler und der von Papst Fran­zis­kus ins Ab­seits ge­stell­te ehe­ma­li­ge Chef der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, Kar­di­nal Ger­hard Lud­wig Mül­ler, Stim­mung ge­gen das be­vor­ste­hen­de Bi­schof­st­reˆen in Rom. Bis zum 27. Ok­to­ber wid­men sich dort Kir­chen­mit­ar­bei­ter aus neun Ama­zo­nas-Län­dern drei Schwer­punk­ten:

• der öko­lo­gi­schen und so­zia­len Si­tua­ti­on der Ur­wäl­der,

• dem Platz der Ur­ein­woh­ner im ka­tho­li­schen Ho­ri­zont,

• und neue For­men der Seel­sor­ge in Ge­bie­ten mit we­ni­gen Pries­tern.

Sie wer­den sich da­mit auch mit der Fra­ge be­fas­sen, wie ih­re Be­son­der­hei­ten in der Welt­kir­che Be­rück­sich­ti­gung fin­den.

Was so un­schein­bar wirkt, birgt das Po­ten­zi­al für ei­nen Um­bruch. Auch in der west­li­chen Welt. Zwar sind die Le­bens­be­din­gun­gen im Ama­zo­nas-Ge­biet mit de­nen Eu­ro­pas nicht zu ver­glei­chen. Doch man­gelt es hier wie dort an le­bens­ge­rech­ten Ant­wor­ten der ka­tho­li­schen Kir­che auf die Fra­gen der Zeit. Mit Ver­weis auf den Gleich­klang in der Welt­kir­che wer­den re­gio­na­le Son­der­we­ge von ho­hen Kir­chen­füh­rern ger­ne aus­ge­bremst. Dis­kus­sio­nen, wie sie jetzt in Deutsch­land mit dem an­ste­hen­den Ge­sprächs­pro­zess zwi­schen Lai­en und Kle­ri­kern auf­bre­chen, wer­den mit Stör­feu­er aus Rom früh­zei­tig tor­pe­diert. Kann da von der Ama­zo­nas-Syn­ode ein Si­gnal aus­ge­hen? Die La­ge in Ama­zo­ni­en, das ei­ne Flä­che be­deckt, die grö­ßer ist als al­le Län­der der EU zu­sam­men, ist ein­zig­ar­tig. Die spär­lich be­wohn­ten, oft­mals Ta­ges­rei­sen aus­ein­an­der lie­gen­den Ge­mein­den kön­nen von Pries­tern nur äu­ßerst sel­ten auf­ge­sucht wer­den. Die Fol­ge: Die in der ka­tho­li­schen Kir­che zen­tra­le Eucha­ris­tie­fei­er kann nur noch ein oder zwei Mal im Jahr ab­ge­hal­ten wer­den. Da­bei be­schied selbst Papst Fran­zis­kus: „Ei­ne Kir­che oh­ne Eucha­ris­tie hat kei­ne Kraft.“

Die Kon­se­quenz wä­re: Zu­las­sungs­be­din­gun­gen zum Pries­ter­amt neu zu über­den­ken. Das sieht zu­min­dest der eme­ri­tier­te Bi­schof Er­win Kräut­ler so, der 35 Jah­re lang die bra­si­lia­ni­sche Diö­ze­se Xin­gu ge­lei­tet hat. Die Eucha­ris­tie­fei­er dür­fe nicht von der Prä­senz ei­nes Pries­ters ab­hän­gen, sagt er. „Die Leu­te ha­ben ein Recht, dass sie sich um den Al­tar ver­sam­meln kön­nen.“

Das geht nicht oh­ne klei­ne Re­vo­lu­ti­on. „Be­währ­te Per­so­nen“müss­ten be­auf­tragt wer­den kön­nen, sa­kra­men­ta­le Di­ens­te zu leis­ten. Kräut­ler denkt da­bei an die Wei­he von ver­hei­ra­te­ten Män­nern, aber auch an die Be­auf­tra­gung von Frau­en. Tat­sa­che sei, dass die rund 800 klei­nen Ge­mein­den in sei­ner Prä­la­tur von Lai­en ge­lei­tet wer­den, zwei Drit­tel da­von von Frau­en. We­nigs­tens das Ja zur Wei­he von Dia­ko­nin­nen er­war­tet sich der ge­bür­ti­ge Vor­arl­ber­ger. Wenn sich die Ama­zo­nas-Syn­ode nicht in die­se Rich­tung be­we­ge, ha­be die Kir­che ei­ne wei­te­re Chan­ce der längst not­wen­di­gen Er­neue­rung ver­tan, sagt Kräut­ler.

Des­halb hoˆen jetzt auch in Deutsch­land nicht we­ni­ge, dass die Ama­zo­nas-Syn­ode Oˆen­heit schaˆt für re­gio­na­le Lö­sun­gen, die selbst zen­tra­le Fra­gen wie das Ehe­ver­bot für Pries­ter und die Fra­ge nach ei­ner Be­tei­li­gung von Frau­en auf Au­gen­hö­he bet­reˆen.

An­ge­sichts sol­cher Er­war­tun­gen klin­geln dem grei­sen, erz­kon­ser­va­ti­ven Kar­di­nal Brand­mül­ler die Oh­ren. Er wit­tert ei­nen „An­griˆ auf den Zö­li­bat“und auf die „Sub­stanz des Ka­tho­li­zis­mus‘. Die Syn­ode selbst wer­tet er als ir­re­füh­rend ab. Nie­mand kön­ne im Ernst glau­ben, dass es bei die­ser wirk­lich um das Schick­sal der Ama­zo­nas­wäl­der und ih­rer Be­woh­ner ge­he. Auch sein Kar­di­nals­kol­le­ge Mül­ler gif­tet: Bei dem Treˆen hand­le es sich um „ei­ne ge­schlos­se­ne Ge­sell­schaft von ab­so­lut Gleich­ge­sinn­ten“, die ei­ner be­stimm­ten Agen­da fol­ge und ge­gen „ernst­haf­te Ein­wän­de im­mun“sei.

Mül­ler be­zieht sich da­mit auch auf den the­ma­ti­schen Schwer­punkt des Treˆens, den Ver­tre­ter der Ur­ein­woh­ner mit vor­be­rei­tet ha­ben. Die Syn­ode sei ei­ne „Kopf­ge­burt von So­zi­al­ro­man­ti­kern“. Da­mit wer­tet der Kir­chen­mann auch das päpst­li­che Schrei­ben „Lau­da­to si“ab, das sich mit den Fol­gen der rück­sichts­lo­sen Aus­beu­tung von Na­tur für Men­schen be­fasst und das Grund­la­ge des Treˆens ist. Das zweit­größ­te Wald­ge­biet der Er­de ist be­droht, nicht nur durch Brand­ro­dun­gen, wie sie die bra­si­lia­ni­sche Re­gie­rung mas­siv vor­an­treibt. Die Erd­öl, Gas- Edel­me­tall­vor­kom­men we­cken Be­gehr­lich­kei­ten in vie­len Län­dern. Zu­rück­blei­ben zer­stör­te Wald­flä­chen und In­di­ge­ne, de­nen die Le­bens­grund­la­gen ent­zo­gen wer­den. Die für die Kon­fe­renz vor­be­rei­te­ten Ar­beits­pa­pie­re las­sen ver­mu­ten, dass sich die Kir­chen­ver­tre­ter mit ih­rer Kri­tik an Re­gie­ren­den und den von ih­nen be­auf­trag­ten Kon­zer­nen nicht zu­rück­hal­ten wer­den. Bra­si­li­ens rech­ter Prä­si­dent Jair Bol­so­na­ro stellt sich pol­ternd be­reits dar­auf ein.

Fo­to: imago-images

Nicht nur in Bra­si­li­en ist der Be­stand des Ama­zo­nas ge­fähr­det. Brand­ro­dun­gen set­zen dem Re­gen­wald zu. Das be­droht auch die Ur­ein­woh­ner der Re­gi­on.

Fo­to: Apu Go­mes/AFP

Ein Mann vom Stamm der Waia­pi in Bra­si­li­en. Nicht nur um sei­ne Zu­kun geht es bei der Ama­zo­nas-Syn­ode.

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