Na­po­li statt Bo­lo­gne­se

Der Re­gen­wald brennt, die Kli­ma­er­wär­mung schrei­tet vor­an. Was un­ser Es­sen da­mit zu tun hat und wie wir un­se­ren CO2-Ab­druck ver­än­dern kön­nen.

Haller Tagblatt - - WIRTSCHAFT - Von Simone Dür­muth

Le­bens­mit­tel zu ver­dam­men macht kei­nen Sinn. Susanne Ro­linksi In­sti­tut für Kli­ma­fol­gen­for­schung

Ein Tel­ler Spa­ghet­ti mit To­ma­ten­so­ße ver­ur­sacht et­wa 390 Gramm CO2. Gibt man auf die Nu­deln aber ei­ne Bo­lo­gne­se-So­ße aus Rind­und Schwei­ne­hack, sind es be­reits knapp 1,8 Ki­lo­gramm CO2. Das zu­min­dest ver­rät die App „Kli­matel­ler“, die Gas­tro­no­men hel­fen soll, ih­re Spei­se­kar­ten nach Kli­ma­ge­sichts­punk­ten zu ge­stal­ten. Das Pro­jekt wird als Teil der Na­tio­na­len Kli­ma­schutz­in­itia­ti­ve aus Mit­teln des Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­ums ge­för­dert.

Ziel soll sein den CO2-Fuß­ab­druck der Er­näh­rung zu ver­rin­gern. Denn un­se­re Ess­ge­wohn­hei­ten sind al­les an­de­re als um­welt­freund­lich. Sie tra­gen stark zur welt­wei­ten Ent­wal­dung bei: 80 Pro­zent der jähr­lich ge­ro­de­ten Wäl­der fal­len dem An­bau von Nah­rungs­mit­teln wie So­ja, Palm­öl und Ka­kao zum Op­fer. Ein gro­ßer Teil des Flä­chen­ver­lus­tes wird durch un­se­ren Fleisch­kon­sum und den da­mit ein­her­ge­hen­den An­bau von Fut­ter­mit­teln aus­ge­löst. Ein Drit­tel der be­nö­tig­ten Flä­chen für den Le­bens­mit­tel­an­bau für den Deut­schen Ver­brau­cher liegt au­ßer­halb von Deutsch­land und mehr als die Hälf­te da­von in Süd­ame­ri­ka, be­rich­tet der WWF.

Auch Susanne Ro­lin­ski vom Pots­dam In­sti­tut für Kli­ma­fol­gen­for­schung (PIK) macht tie­ri­sche Le­bens­mit­tel als ei­nen der wich­tigs­ten Fak­to­ren aus, wenn es um den Ein­fluss von Er­näh­rung auf das Kli­ma geht. Zum Ve­ga­ner müs­se aber kei­ner wer­den. „Wür­den wir den An­teil tie­ri­scher Pro­duk­te an un­se­rer Er­näh­rung auf die Hälf­te re­du­zie­ren, hät­te das im­men­se Aus­wir­kun­gen“, so die For­sche­rin. Der­zeit nimmt je­der Deut­sche im Schnitt im Jahr et­wa 60 Ki­lo­gramm Fleisch zu sich, die Deut­sche Ge­sell­schaft für Er­näh­rung (DGE) emp­fiehlt 30 Ki­lo. Al­lein die­se Ein­schrän­kung könn­te viel für das Kli­ma tun.

Aber auch an­de­re tie­ri­sche Pro­duk­te wie Kä­se, Eier und Milch schla­gen auf dem CO2-Kon­to der Ver­brau­cher kräf­tig zu Bu­che. Schlimms­ter Kli­ma­sün­der, aufs Ki­lo ge­rech­net, ist die But­ter. Sie kommt nach Be­rech­nun­gen des Sach­ver­stän­di­gen­rats für Um­welt­fra­gen auf 24 Ki­lo CO2 je Ki­lo­gramm, Rind­fleisch im Schnitt auf 13 Ki­lo und Kä­se auf 8,5 Ki­lo. Im­mer mit ein­be­zo­gen sind Ver­ar­bei­tung, Küh­lung und Trans­port.

Auch Ve­ge­ta­ri­er kön­nen al­so durch­aus an ih­rer Er­näh­rung dre­hen, um dem Kli­ma we­ni­ger zu scha­den. Rind­fleisch und Milch­pro­duk­te schnei­den so schlecht ab, da für die Hal­tung von Rin­dern deut­lich mehr Land be­nö­tigt wird als bei­spiels­wei­se für Schwei­ne oder Ge­flü­gel.

Dass ins­be­son­de­re Rind­fleisch so vie­le Treib­haus­ga­se ver­ur­sacht, liegt auch da­ran, dass Rin­der Wie­der­käu­er sind – und bei der Ver­dau­ung Methan pro­du­zie­ren. Das Gas wirkt 23-mal stär­ker auf das Kli­ma als CO2. Hin­zu kommt der Ver­brauch von Land so­wie Dün­ge- und Fut­ter­mit­tel. Und bei Rind­fleisch aus Ar­gen­ti­ni­en auch noch der Trans­port­weg nach Deutsch­land. Rund 300 000 Ton­nen Rind­fleisch wur­den im ver­gan­ge­nen Jahr nach Deutsch­land im­por­tiert.

Das ist auch ein Grund, war­um das Ar­gu­ment „Aber für So­ja­pro­duk­te wird auch Re­gen­wald ab­ge­holzt“, nicht ver­fängt. Es stimmt zwar: Auch das So­ja, das zur Her­stel­lung von To­fu ver­wen­det wird, wird auf ge­ro­de­ten Ama­zo­nas-Flä­chen an­ge­baut. Viel mehr lan­det al­ler­dings in den Fut­ter­trö­gen der Tie­re. Um ge­nau zu sein: Um ein le­cke­res 200-Gram­mSteak zu er­hal­ten, müs­sen an­dert­halb bis zwei Ki­lo So­ja an das Rind ver­füt­tert wer­den.

Wer nicht auf Fleisch ver­zich­ten möch­te, kann auf Ge­flü­gel um­stei­gen. Doch auch hier soll­te man mög­lichst auf Im­port­wa­re ver­zich­ten. „Bra­si­li­en ist welt­weit der dritt­größ­te Ex­por­teur für Ge­flü­gel­fleisch“, be­rich­tet Ro­lin­ski. Durch den Trans­port per Flug­zeug müs­sen et­wa 5 Ki­lo­gramm CO2 auf das Pro­dukt hin­zu­ge­rech­net wer­den.

Ein­zel­ne Nah­rungs­mit­tel kom­plett strei­chen will Ro­lin­ski aber nicht: „Der Mensch ist ein Al­le­ses­ser, wes­halb die Über­hö­hung oder Ver­dam­mung ein­zel­ner Nah­rungs­mit­tel kei­nen Sinn macht.“So ging es zum Bei­spiel der Avo­ca­do: Einst we­gen ge­sun­der Fet­te ge­prie­sen, steht sie heu­te we­gen des gro­ßen Was­ser­ver­brauchs in der Kri­tik. „Was­ser­nut­zung kann nicht un­be­grenzt aus­ge­wei­tet wer­den, da auch die Be­völ­ke­rung ei­nen ge­wis­sen Be­darf hat“, er­klärt Ro­lin­ski.

Sai­so­nal und re­gio­nal ein­kau­fen

Klas­si­sche Bei­spie­le für Le­bens­mit­tel, die un­ter ex­trem ho­hem Was­ser­ein­satz pro­du­ziert wer­den, der der Na­tur und den Ein­hei­mi­schen scha­det, sind Pa­pri­ka aus Spa­ni­en, Fei­gen aus der Tür­kei und Erd­bee­ren aus Ma­rok­ko. Es gilt al­so – im Sin­ne des Was­ser­ver­brauchs und der Trans­port­kos­ten – mög­lichst sai­so­nal und re­gio­nal ein­zu­kau­fen.

Zu­gu­ter­letzt ist die Ver­schwen­dung von Le­bens­mit­teln ei­ne wich­ti­ge Stell­schrau­be: Auf dem Feld, beim Trans­port und in der hei­mi­schen Kü­che ge­hen welt­weit 25 bis 30 Pro­zent der pro­du­zier­ten Le­bens­mit­tel ver­lo­ren. In deut­schen Haus­hal­ten wird je­des ach­te Le­bens­mit­tel weg­ge­wor­fen. Pro Per­son sind das zwei voll­ge­pack­te Ein­kaufs­wa­gen mit ei­nem Wa­ren­wert von mehr als 200 €: et­wa 82 Ki­lo­gramm.

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