Was das Ge­sicht der Er­de er­zählt

Haller Tagblatt - - ANZEIGEN - Von Richard Fär­ber

ir fah­ren die Schanz hin­auf und noch ein Stück­chen wei­ter in Rich­tung Jag­haus bis zum Was­ser­hoch­be­häl­ter. Von hier aus hat man ei­nen schö­nen Blick auf Forns­bach und den Wald­see. Die L 1066 quert auf dem Pass die geo­lo­gi­sche Gren­ze zwi­schen dem Land­kreis Schwä­bisch Hall und dem Rems-Murr-Kreis und frü­her floss hier auch die Murr vor­bei und gen Sü­den zur Ur­brenz und wei­ter ins nord­al­pi­ne Vor­land- oder Mo­las­se­be­cken, wo heu­te die be­reits ziem­lich aus­ge­raub­te Do­nau strömt.

„Frü­her“heißt: vor Zig­mil­lio­nen Jah­ren, als es noch kei­ne „Ge­hirn­tie­re“gab; und ein ver­mut­lich eben­falls men­schen­lo­ses „spä­ter“gibt’s na­tür­lich auch. Dann könn­ten ein Rinn­sal na­mens Mah­dbach und ei­ni­ge wei­te­re Bäch­lein den Schanz­sat­tel in Grund und Bo­den ge­nagt und sich die hö­her lie­gen­de Rot ge­gri•en ha­ben. Sie wird dann die Fließ­rich­tung än­dern: Statt nach Os­ten zum Ko­cher geht’s nach Wes­ten in die Rems. Und wenn ih­re Kraft aus­reicht, dann schleckt und knab­bert sie wei­ter in ih­rem al­ten Tal und holt sich nach wei­te­ren Äo­nen auch noch den Ko­cher bei Un­ter­rot und wo heu­te Hall liegt, wird’s et­was tro­cke­ner.

W37 Mil­li­ar­den Mess­punk­te

Theo Si­mon guckt ein we­nig un­glück­lich: Se­ri­ös ist die­se In­ter­pre­ta­ti­on eher nicht. Al­ler­dings ist der aus Lau­fen am Ko­cher stam­men­de und in Fich­ten­berg le­ben­de eme­ri­tier­te Geo­lo­gie­pro­fes­sor sel­ber schuld. Er ist mit sei­nem gleich­falls eme­ri­tier­ten Geo­lo­gen­kol­le­gen Prof. Dr. Hart­mut Sey­fried, der Geo­lo­gin Dr. Ele­na Be­cken­bach und dem Phy­si­ker Dr. Thomas Mül­ler Au­tor des Bu­ches „Der Süd­wes­ten im di­gi­ta­len Ge­län­de­mo­dell: Wie Li­dar-Da­ten un­se­re Sicht auf die Welt ver­än­dern“. Mit sei­ner Mi­schung aus se­riö­ser Wis­sen­schaft­lich­keit und gut ge­laun­ter Schnodd­rig­keit dürf­te die­ses Werk recht ein­ma­lig sein – der Ton ist aber auch ein we­nig an­ste­ckend. Über­aus lehr­reich ist das Buch na­tür­lich auch und, weil es Ver­gleich­ba­res bis­lang nicht gibt, auch bei­spiel­haft: ein Stan­dard­werk, das Maß­stä­be setzt.

Ein di­gi­ta­les Ge­län­de­mo­dell zeigt die nack­te Geo­lo­gie. Zu­grun­de lie­gen Ge­län­de­punk­te, die per La­ser­scan aus der Luft ge­won­nen wer­den – Li­dar ist die Ab­kür­zung von „light de­tec­tion and ran­ging“. In Ba­den-Würt­tem­berg war das Mess­flug­zeug in den Jah­ren 2000 bis 2005 un­ter­wegs und sam­mel­te rund 37 Mil­li­ar­den Mess­punk­te, das ent­spricht et­wa ei­nem Mess­punkt pro Qua­drat­me­ter. Hansjörg Schön­herr, da­mals Prä­si­dent des Lan­des­am­tes für Geo­in­for­ma­ti­on und Die Bil­der im Buch zei­gen Mo­del­le, kei­ne Ab­bil­dun­gen wohl­ge­merkt: Die Da­ten wer­den in­ter­po­liert, vom Punkt zur Flä­che hoch­ge­rech­net, was auch zu win­zi­gen Un­ge­nau­ig­kei­ten füh­ren kann. Auf­merk­sa­me Le­ser wer­den auf Ge­bäu­de ver­wei­sen und die Blät­ter­dä­cher der Wäl­der. Aber auch hier er­rei­chen die Li­dar­strah­len den Bo­den, et­was sel­te­ner viel­leicht in dich­ten Na­del­wäl­dern oder an stei­len Hän­gen, für ein me­ter­ge­nau­es Re­lief aber reicht das, und sicht­bar wird es durch „Ter­rainView“, ei­ne Soft­ware, die Thomas Mül­ler am Vi­sua­li­sie­rungs­in­sti­tut der Uni­ver­si­tät Stutt­gart ent­wi­ckelt hat, weil es bis da­hin kei­ne Soft­ware ge­ge­ben hat­te, die mit die­sen Da­ten­men­gen klar­ge­kom­men wä­re.

Die Spur der Fluss­pi­ra­ten

Zu se­hen sind Mo­ment­auf­nah­men, zu­min­dest nach geo­lo­gi­schen Maß­stä­ben: ein Erd­ge­sicht mit Run­zeln, Fal­ten, Nar­ben und Sch­rün­den – be­zie­hungs­wei­se: Grä­ben, Fä­chern und Be­cken, Ver­wer­fun­gen, Schicht­stu­fen, Tal­netz­wer­ken, „hän­gen­den Tä­lern“, Zeu­gen­ber­gen und Vul­kan­rui­nen. Für Geo­lo­gen ist die­ses Ge­sicht, in das sich die Ver­gan­gen­heit tief ein­ge­gra­ben hat, ei­ne be­geis­tern­de Lek­tü­re: Im di­gi­ta­len Ge­län­de­mo­dell er­zählt die Er­de von sich selbst, vom fort­wäh­ren­den Schie­ben, Sto­ßen und Sche­ren tief un­ter der Ober­flä­che, von Span­nun­gen, Brü­chen und Klüf­ten, die Form und Aus­se­hen von Land­schaf­ten be­stim­men.

Was der Mah­dbach mit der Rot an­zu­stel­len im Be­gri• ist, be­zeich­nen die Au­to­ren üb­ri­gens als „Fluss­pi­ra­te­rie“. Der lau­ni­sche Be­gri• macht die geo­lo­gi­schen Zeit­läu­fe recht an­schau­lich. Er be­schreibt das Ver­hält­nis zwi­schen hö­her und tie­fer ge­le­ge­nen Ge­wäs­sern: Nota­be­ne wird von un­ten ge­nagt bis zur „feind­li­chen Über­nah­me“. Die bis­he­ri­gen Um­trie­be die­ser Fluss­pi­ra­ten ha­ben bei­spiels­wei­se Spu­ren an den Ober­läu­fen von Ko­cher und Jagst hin­ter­las­sen: Dort gibt es spitz­wink­li­ge Ein­mün­dun­gen, wor­aus er­sicht­lich wird, dass die­se Flüs­se einst, ehe sie selbst Pi­ra­ten wur­den, brav über die Ur­brenz in die Do­nau ent­wäs­ser­ten.

Auch dem Neckar schlägt die St­un­de

Und das geht auch grad so wei­ter, wie das Ka­pi­tel „Ein Blick in die Zu­kunft zeigt“: Die rhei­ni­schen Zuflüs­se, die Aach und „der hy­per­ak­ti­ve Jungspund“Wutach wer­den der Do­nau das Was­ser ab­gra­ben und auch Bri­gach und Breg wird die St­un­de schla­gen. Dem Neckar üb­ri­gens auch: Ihm droht die feind­li­che Über­nah­me durch die Na­gold, in de­ren Ge­fol­ge schon Würm und Pfinz lau­ern.

Das Buch ist, zu­ge­ge­ben, nicht ein­fach zu ver­ste­hen und vor al­lem nicht in ei­nem Happs ver­dau­lich: Es emp­fiehlt sich, ka­pi­tel­wei­se vor­zu­ge­hen und Kar­ten­ma­te­ri­al be­reit­zu­hal­ten. Wenn es aber ei­nen Preis für gut ge­laun­te Wis­sen­schaft gä­be, dann wä­re „Der Süd­wes­ten im di­gi­ta­len Ge­län­de­mo­dell“der Fa­vo­rit. Denn die Au­to­ren ba­lan­cie­ren ge­konnt zwi­schen sach­li­cher In­for­ma­ti­on, gut ge­laun­ter Bes­ser­wis­se­rei und ei­nem aus­ge­präg­ten Hang zur Ab- und Aus­schwei­fung. Und auch al­ler­lei Dumm­hei­ten, die sich im Lauf der Jah­re zu Ge­wiss­hei­ten ver­fes­tigt ha­ben, wer­den rich­tig­ge­stellt:

Man er­fährt, dass die Lo­ne ur­sprüng­lich Laodl hieß, ehe sie von säch­si­schen Land­ver­mes­sern „ein­ge­säch­selt“wur­de; dass Pforz­heim nicht an der Enz, son­dern an der Na­gold liegt – und dass der Qu­ell­fluss des Neckars die Eschach ist. Kö­nig Wil­helm I. hat al­so Sumpf­was­ser ge­trun­ken, als er sich im Jahr 1822 ei­ne Kost­pro­be aus der oªzi­el­len Neck­ar­quel­le im Schwen­nin­ger Moos rei­chen ließ: „Ob Ihro Ma­jes­tät da­nach die Loch­schnäd­de­re be­kam und un­päss­lich wur­de, ist nicht über­lie­fert“, läs­tert’s im Buch.

An­fang des Jahr­tau­sends wur­de das Land Ba­den-Würt­tem­berg mit La­ser­strah­len aus der Luft ver­mes­sen. Mit ei­nem Vi­sua­li­sie­rungs­pro­gramm konn­ten die nack­ten Da­ten zu fas­zi­nie­ren­den Bil­dern ge­formt wer­den. Sie zei­gen das Land, wie man es bis­her nicht ge­se­hen hat.

„Hat ganz schön ge­rum­pelt!“

Die Li­dar-Da­ten die­nen frei­lich nicht nur der Darstel­lung der Lan­des­geo­lo­gie, son­dern auch der For­schung. Über die Auf­nah­men ka­men Sey­fried und Si­mon ei­ner jun­gen Ver­wer­fung auf die Spur. Es han­delt sich um ei­ne schnur­ge­ra­de Ge­län­de­kan­te an der Süd­flan­ke der Gr­a­be­ner Rin­ne im Drei­eck Ell­tin­gen, Dur­lach, Karls­ru­he, die sie die „Rüppur­rer Stö­rung“nen­nen. Ei­ne tek­to­ni­sche Ur­sa­che wur­de be­reits ver­mu­tet, nun sind sich die bei­den Geo­lo­gen si­cher, dass die Ur­sa­che ein Erd­be­ben war. „Das hat ganz schön ge­rum­pelt“, sagt Si­mon.

Zu­rück auf der Schanz. Wir ste­hen et­was ober­halb des Sat­tels un­ter­halb des Har­ners­ber­ges. Si­mon weist va­ge nach Süd­os­ten: Wo sich heu­te ei­ne Ho­ch­ebe­ne be­fin­det, floss einst, al­ler­dings viel tie­fer, die Murr gen Sü­den. Zu se­hen ist – nichts, und man kann es sich auch nicht vor­stel­len. Der Blick aber hat sich durch die Lek­tü­re der letz­ten Ta­ge tat­säch­lich ver­än­dert: Man schaut an­ders auf die Land­schaft, man spürt die Zeit und es er­fasst ei­nen ei­ne ganz un­ge­wohn­te Be­schei­den­heit: Was sind wir doch klein.

In­fo Hart­mut Sey­fried, Theo Si­mon, Ele­na Be­cken­bach und Thomas Mül­ler: „Der Süd­wes­ten im di­gi­ta­len Ge­län­de­mo­dell. Wie Li­dar-Da­ten un­se­re Sicht auf die Welt ver­än­dern“. Son­der­bän­de der Ge­sell­schaft für Na­tur­kun­de in Würt­tem­berg e.V., Band 4. Schmidt-Ver­lag, Neu­stadt an der Aisch. 434 Sei­ten, ISBN: 978-3-87707-161-8, 34,90 Eu­ro.

Fo­to: Richard Fär­ber

der Schanz: Die An­hö­he hin­ter ihm war einst ein Fluss­tal.

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