Asi­en als Müll­kip­pe Eu­ro­pas

Die chi­ne­si­sche Re­gie­rung hat im ver­gan­ge­nen Jahr ein Im­port­ver­bot ver­hängt. Trotz­dem geht noch im­mer ein gro­ßer Teil un­se­res Ab­falls ins Aus­land – oder wird mit ho­hem Schad­stoff­aus­stoß ver­brannt.

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von Si­mon Si­man

Das deut­sche Re­cy­cling­s­ys­tem steht auf dem Prüf­stand. Wie­der mal. Im­mer noch wird weit­aus mehr Plas­tik ver­brannt als wie­der­ver­wer­tet. Mil­lio­nen Ton­nen lan­den im Aus­land und zäh­len da­mit als re­cy­celt, ob­wohl dies nicht kon­trol­liert wird. Der Deut­sche Land­kreis­tag hat des­halb ein so­for­ti­ges Ex­port­ver­bot für Plas­tik­müll ge­for­dert. Was pas­siert mit dem Plas­tik­müll?

Wie viel wird re­cy­celt? 6,15 Mil­lio­nen Ton­nen Plas­tik­müll, sind laut Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um (BMU) 2017 weg­ge­wor­fen wor­den. Zwei Drit­tel da­von kom­men aus der In­dus­trie, ein Drit­tel aus den Haus­hal­ten. Die o’ziel­le Re­cy­cling­quo­te liegt bei 46 Pro­zent. Der Rest wur­de zur Ener­gie­ge­win­nung – bei­spiels­wei­se in Ze­ment­wer­ken – ver­brannt: was mit ho­hem Schad­s­to˜aus­stoß und Ge­fah­ren für Mensch und Um­welt ver­bun­den ist.

War­um kann nicht je­des Plas­tik re­cy­celt wer­den? Sor­tier­an­la­gen kön­nen Ver­pa­ckun­gen nur grob von­ein­an­der tren­nen, sagt Nor­bert Völl, Pres­se­spre­cher der Mar­ke Grü­ner Punkt. Pro­ble­me be­rei­ten vor al­lem so­ge­nann­te Mul­ti­lay­er-Ma­te­ria­li­en, bei de­nen Her­stel­ler ver­schie­de­ne Kunst­sto˜e mit­ein­an­der ver­ar­bei­ten. Die­se müs­sen zu­erst che­misch von­ein­an­der ge­trennt wer­den. Erst am En­de die­ses Pro­zes­ses bleibt das so­ge­nann­te Re­zy­klat zu­rück, mit dem neue Kunst­sto˜pro­duk­te her­ge­stellt wer­den.

Wie viel wird tat­säch­lich wie­der­ver­wer­tet? 1,9 Mil­lio­nen Ton­nen Re­zy­klat sind laut Um­welt­mi­nis­te­ri­um 2017 in Deutsch­land ent­stan­den. In Re­la­ti­on zu der Müll­men­ge sind dies et­wa 30 Pro­zent – im Ge­gen­satz zu den 46 Pro­zent der Re­cy­cling­quo­te. Laut Bund für Um­welt und Na­tur­schutz Deutsch­land (BUND) und der Hein­rich-Böll-Stif­tung wer­den so­gar nur 16 Pro­zent wie­der­ver­wer­tet. Von den 1,9 Mil­lio­nen Ton­nen her­ge­stell­ter Re­zy­kla­te wur­den laut BMU et­wa 140 000 Ton­nen ex­por­tiert. Die rest­li­chen 1,76 Mil­lio­nen Ton­nen ma­chen da­mit grob 12 Pro­zent in der Wie­der­ver­ar­bei­tung von et­wa 14,4 Mil­lio­nen Ton­nen neu­em Plas­tik aus.

Wie viel wird ex­por­tiert?

Nach Zah­len des Um­welt­bun­des­am­tes (UBA) ex­por­tiert Deutsch­land pro Jahr mehr als ei­ne Mil­li­on Ton­nen Plas­tik­müll. Seit 2016 gin­gen mehr als drei­ein­halb Mil­lio­nen Ton­nen Plas­tik ins Aus­land. Wie viel da­von aus dem Gel­ben Sack stammt, ist un­be­kannt. Der über­wäl­ti­gen­de Teil stam­me je­doch aus der In­dus­trie. Wo­hin wird ex­por­tiert? Bis März 2018 war Chi­na noch die Müll­kip­pe der Welt – auch für Deutsch­land. „Et­wa 400 Dol­lar pro Ton­ne ha­ben die Chi­ne­sen da­mals da­für be­zahlt. Dar­aus wur­den dann un­ter an­de­rem Fleece-Pul­lis oder gel­be Sä­cke her­ge­stellt, die wir wie­der­um aus Chi­na ge­kauft ha­ben“, sagt Völl.

Dann schloss Chi­na sei­ne Gren­zen für Kunst­sto˜ab­fäl­le. Seit­dem geht der deut­sche Müll über­wie­gend nach Ma­lay­sia, In­do­ne­si­en und In­di­en. Al­lei­ne in die­se Län­der ex­por­tier­te Deutsch­land im ver­gan­ge­nen Jahr laut vor­läu­fi­ger Statistik des Um­welt­bun­des­am­tes mehr als 260 000 Ton­nen Müll – rund die Hälf­te da­von nach Ma­lay­sia. In­ner­halb der EU sind die Niederland­e mit 120 000 Ton­nen der größ­te Ab­neh­mer. Wie wird kon­trol­liert? Für die Über­wa­chung der Re­cy­cling­quo­ten ist die Zen­tra­le Stel­le Ver­pa­ckungs­re­gis­ter in Osnabrück zu­stän­dig. Von der dor­ti­gen Vor­stands­vor­sit­zen­den Gun­da Ra­chut heißt es, dass Kunst­sto˜e nur an zer­ti­fi­zier­te An­la­gen ge­bracht wer­den, de­ren Ver­ar­bei­tung re­gel­mä­ßig über­prüft wer­de. Das gel­te zwar für al­le An­la­gen, Kon­trol­len au­ßer­halb der EU fän­den je­doch „fast nicht statt“, sagt Ra­chut. Ober­halb die­ser Min­dest­quo­te wer­den Plas­ti­k­ab­fäl­le laut Ra­chut en­er­ge­tisch ver­brannt – und zäh­len so als re­cy­celt.

Er­laubt ist der Ex­port nach An­ga­ben des Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­ums nur, wenn der Müll im Zi­el­land auch re­cy­celt wird. Den­noch lan­det Müll aus Deutsch­land auch auf De­po­ni­en in Ma­lay­sia, wie Re­cher­chen der Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on Gre­en­peace zei­gen. „Wir ex­por­tie­ren in Län­der, von de­nen wir wis­sen, dass das Ent­sor­gungs­sys­tem dort nicht aus­ge­reift ist“, sagt Kay Ru­ge, Um­welt­de­zer­nent und stell­ver­tre­ten­der Ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Land­kreis­tags. Wie mit dem Müll in den Ex­port-Län­dern um­ge­gan­gen wird, kön­ne nicht si­cher ge­sagt wer­den.

Gibt es in­ter­na­tio­na­le Re­geln?

Das Bas­ler Über­ein­kom­men re­gelt seit dem Jahr 1995 den welt­wei­ten Um­gang mit ge­fähr­li­chen Ab­fäl­len. Mit­te Mai die­ses Jah­res ei­nig­ten sich die 187 Ver­trags­staa­ten in Genf ein­stim­mig dar­auf, den Ex­port schlecht re­cy­cel­ba­rer Ab­fäl­le aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on in Ent­wick­lungs­län­der ab 2021 kom­plett zu ver­bie­ten.

Et­wa 400 Dol­lar pro Ton­ne ha­ben die Chi­ne­sen da­mals da­für be­zahlt.

Foto: Ta­tan Syu ana/AP/dpa

Ein in­do­ne­si­sche Ar­bei­te­rin sor­tiert in ei­ner Sam­mel­stel­le Plas­tik aschen per Hand.

Achmad Ibra­him/AP/dpa Foto:

Ein Con­tai­ner wird ab­ge­schlos­sen und zu­rück­ge­schickt.

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