So­zi­al­leis­tun­gen nur für ei­ge­ne Bür­ger

Edith Amt­hor er­zählt im Häl­lisch-Frän­ki­schen Mu­se­um über Tho­mas Schwei­cker. Der Stadt­schrei­ber hat­te von Ge­burt an kei­ne Ar­me und schrieb mit dem Fuß.

Haller Tagblatt - - SCHWÄBISCH HALL - Von Trau­gott Ha­scher

In der Stadt Hall ist Tho­mas Schwei­cker im­mer noch prä­sent: Es gibt den Schwei­cker­weg und lan­ge gab es die Tho­mas-Schwei­cker-Haupt­schu­le (in­zwi­schen in der Ge­mein­schafts­schu­le auf­ge­gan­gen). Für die Le­bens­ge­schich­te des Stadt­schrei­bers Tho­mas Schwei­cker in­ter­es­siert sich die­ser Ta­ge rund ein Dut­zend Bür­ger. Stadt­füh­re­rin Edith Amt­hor führt die­se durchs Häl­lisch-Frän­ki­sche Mu­se­um.

Die Mut­ter soll Schuld sein

Der Bä­cker­sohn Schwei­cker (1541 bis 1602) kommt oh­ne Ar­me auf die Welt. Dass er ei­ne Be­hin­de­rung hat, wird sei­ner Mut­ter zur Last ge­legt. Sie müs­se et­was Un­rech­tes ge­tan ha­ben. Das ist im 16. Jahr­hun­dert weit­ver­brei­te­ter Glau­be, be­rich­tet Amt­hor. Schwei­ckers Kar­rie­re tut dies kei­nen Ab­bruch. Er wird zu ei­nem „pro­mi­nen­ten Fall“. Schwei­cker selbst lässt den Kopf oœen­bar nicht hän­gen: Zwar ist ihm sein Schick­sal als „schwe­res Kreuz“wohl be­wusst, aber er be­trach­tet sich selbst und sein Le­ben als ei­ne „Wohl­tat“.

Zu­nächst be­sucht Schwei­cker die deut­sche Schu­le, dann die Latein­schu­le, in­for­miert Amt­hor. In Hei­del­berg er­lernt er die Ju­ris­te­rei. Ge­bo­ren am Milch­brünn­lein, lebt er spä­ter bei sei­nem Bru­der im Ro­sen­bühl. Die Ein­künf­te als Stadt­schrei­ber – et­wa in der Hö­he ei­nes No­tars – rei­chen nicht aus, um die Auf­wen­dun­gen sei­nes Bru­ders zu be­glei­chen. Die Stadt springt ein, ge­nau­er ge­sagt: das Ho­s­pi­tal. Es zahlt pro Jahr 14 Gul­den an den Bru­der, der zu­gleich Vor­mund sei­nes be­hin­der­ten Bru­ders ist.

1584 kommt es zu ei­nem Kar­rie­re­sprung. Schwei­cker wird noch Hei­del­berg be­or­dert, um dort am Ho­fe des Pfalz­gra­fen sei­ne mit den Fü­ßen ge­mal­ten kal­li­gra­fi­schen Küns­te vor­zu­füh­ren. Die Ho­hei­ten sind so be­ein­druckt, dass dem Schrei­ber das Tra­gen ei­nes Wap­pens ge­währt wird.

Die Be­su­cher der Füh­rung ha­ken nach: Wur­de Schwei­cker vor­ge­führt? War es Voy­eu­ris­mus?

Edith Amt­hor bet­tet die Ge­schich­te des pro­mi­nen­ten Hal­lers ein in die Ge­ge­ben­hei­ten der Stadt. Gleich zu Be­ginn zeigt sie am Stadt­mo­dell im Mu­se­um, wo Milch­brünn­lein und Ro­sen­bühl, wo die Ho­s­pi­tal­nie­der­las­sun­gen, wo Siech- und Ar­men­haus lie­gen. Im­mer wie­der ver­or­tet sie die in­di­vi­du­el­le Ge­schich­te mit der all­ge­mei­nen – et­wa mit ih­ren Aus­füh­run­gen zum Stadt­phy­si­kus (Amts­arzt) oder zum Ho­s­pi­tal.

Das Ho­s­pi­tal sei kein Kran­ken­haus im heu­ti­gen Sinn ge­we­sen. Le­dig­lich Wund­ver­sor­gung war An­ge­le­gen­heit der Pfle­ge. Im Ho­s­pi­tal ha­be es sich mehr um „Auf­sicht“ge­han­delt. Ar­me, Wai­sen oder Pil­ger­rei­sen­de wa­ren dort bei­spiels­wei­se zu Hau­se. So­lan­ge je­mand kör­per­lich in der La­ge war, muss­te er im Ho­s­pi­tal – et­wa auf dem Teu­rers­hof – ar­bei­ten.

Stadt sorgt für ar­me Bür­ger

Schwei­cker selbst leb­te bei sei­nem Bru­der. Der be­kam als Vor­mund die jähr­li­chen Pf­rün­de vom Ho­s­pi­tal aus­be­zahlt. Nur Bür­ger, die das Stadt­recht in Schwä­bisch Hall hat­ten, be­ka­men vom Ho­s­pi­tal die Un­ter­stüt­zung. Die Stadt ha­be für ih­re Bür­ger ge­sorgt – wenn auch auf nied­ri­gem Ni­veau.

In der Mit­te des 16. Jahr­hun­derts leb­ten et­wa 4500 bis 5000 Men­schen in Hall. Die­se Zahl wer­de von den da­mals 800 Steu­er­zah­lern ab­ge­lei­tet, ver­deut­licht Amt­hor. Über die Platz­zah­len im Ho­s­pi­tal ge­be es kei­ne An­ga­ben.

Auch zu den me­di­zi­ni­schen Stan­dards im 16. und 17. Jahr­hun­dert nimmt Amt­hor Be­zug. Sie be­rich­tet vom Schröp­fen und vom Ader­lass – Tä­tig­kei­ten des Be­rufs­stan­des der Bader. Erst spä­ter, im 18. Jahr­hun­dert, ha­be sich der Be­rufs­stand diœeren­ziert: In ei­nen – ten­den­zi­ell ge­se­hen – Me­di­zi­ner und ei­nen Fri­seur, der sich vor al­lem um Pe­rü­cken küm­mer­te.

Im 16. Jahr­hun­dert kann von ei­ner Diœeren­zie­rung von Be­hin­de­run­gen, wie wir sie heu­te ken­nen, nicht die Re­de sein. Es wird von Be­hin­der­ten im All­ge­mei­nen ge­spro­chen. Oder von „Blö­dig­keit“. Je­mand ma­che ein „blö­des Ge­sicht“. Das konn­te auch hei­ßen, dass je­mand taub war oder nicht spre­chen konn­te.

Be­zeich­nend für den Um­gang mit Men­schen mit Be­hin­de­run­gen ist Fol­gen­des: Im 17. Jahr­hun­dert hat man in Hall für die Men­schen ge­be­tet, die an der Ge­sell­schaft nicht teil­ha­ben konn­ten. In Nürn­berg, so Amt­hor, ha­be man fort­an von „Ver­rück­ten in Hall“ge­spro­chen. Das ha­be zum bal­di­gen En­de die­ses Ge­bets­an­lie­gens ge­führt.

Foto: Trau­gott Ha­scher

Edith Amt­hor (rechts mit Un­ter­la­gen in der Hand) be­rich­tet aus dem Le­ben von Tho­mas Schwei­cker.

Ar­beit als Kunst­schrei­ber.

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