„Kei­ner fährt mit Ver­gnü­gen je­den Tag ei­ne lan­ge Stre­cke“

Haller Tagblatt - - LESERFORUM -

Zum The­ma Pend­ler­pau­scha­le

Am letz­ten Sams­tag ha­ben wir in ei­nem Leserbrief in die­ser Zei­tung er­fah­ren, dass man für 100 Ki­lo­me­ter mit dem Au­to 5 Eu­ro von der Steu­er ab­zie­hen kann. Und noch viel bes­ser: Man soll da­mit so­gar noch viel Geld ver­die­nen kön­nen und zum Au­to­fah­ren mo­ti­viert wer­den.

Mei­nes Erach­tens ist das Un­sinn. Ich per­sön­lich ken­ne nie­man­den, der mit Ver­gnü­gen je­den Tag ei­ne lan­ge Stre­cke mit dem Au­to zur Ar­beit und zu­rück fährt. Da bleibt viel Zeit und Kraft auf der Stra­ße. Und wenn sich die­se Men­schen bei län­ge­ren Stre­cken für das Au­to ent­schei­den statt für ö£ent­li­che Ver­kehrs­mit­tel, dann hat das durch­aus sei­ne Grün­de. Aber ich will mich jetzt mal auf das Fi­nan­zi­el­le kon­zen­trie­ren.

Ers­tens gibt es die Pend­ler­pau­scha­le nur für die ein­fa­che Ent­fer­nung zur Ar­beit. Und die Er­hö­hung von 0,05 Eu­ro gilt erst ab dem 21ten Ki­lo­me­ter. Um in den Ge­nuss von 5 Eu­ro Zu­schlag zu kom­men, muss man al­so 120 Ki­lo­me­ter von der Ar­beit ent­fernt sei­nen Wohn­sitz ha­ben. Hin und zu­rück muss der Pend­ler so­mit pro Tag 240 Ki­lo­me­ter zu­rück­le­gen, da­mit er 5 Eu­ro mehr gel­tend ma­chen kann.

Zwei­tens kön­nen die 5 Eu­ro Er­hö­hung der Pend­ler­pau­scha­le de­fi­ni­tiv nicht von der Steu­er ab­ge­zo­gen wer­den, son­dern bie­ten le­dig­lich die Mög­lich­keit, das zu ver­steu­ern­de Ein­kom­men um die­sen Be­trag zur ver­rin­gern.

Drit­tens er­gibt das bei ei­nem Grenz­steu­er­satz von 20 Pro­zent ge­ra­de ein­mal 1 Eu­ro. Auf den ge­fah­re­nen Ki­lo­me­ter um­ge­rech­net sind das dann 0,00416 Eu­ro. Wem das zu vie­le Nul­len sind: das ist noch nicht ein­mal ein hal­ber Cent. Wer ein ei­ge­nes Au­to fi­nan­ziert, wird mir si­cher­lich zu­stim­men, dass sich mit die­sem Er­trag kein Zwei­t­au­to für den Part­ner fi­nan­zie­ren lässt.

Vier­tens ist man mit ei­nem Steu­er­satz von 20 Pro­zent kein Groß­ver­die­ner. Für die Rück­zah­lung von Steu­ern aus der Pend­ler­pau­scha­le gilt der Grenz­steu­er­satz. Das ist der Steu­er­satz, zu dem der letz­te Eu­ro ver­steu­ert wird.

Bür­ger auf­het­zen

Um das Gan­ze bes­ser zu ver­ste­hen, brin­ge ich ein Bei­spiel: Ein Ar­beit­neh­mer hat ein Brut­to­ein­kom­men von ca. 12 000 Eu­ro pro Jahr und zahlt da­mit im Schnitt 4 Pro­zent Steu­ern. Wenn er nun ei­ne Ge­halts­er­hö­hung von 100 Eu­ro er­hält, dann ver­steu­ert er die­se 100 Eu­ro mehr nicht mit die­sen 4 Pro­zent son­dern mit 21 Pro­zent und so­mit mit 21 Eu­ro. Und um­ge­kehrt ist das ge­nau­so.

Wenn je­mand mit die­sem Ein­kom­men ei­nen Be­trag bei der Ein­kom­men­steu­er­er­klä­rung gel­tend macht, dann kom­men auch wie­der die 21 Pro­zent zum Tra­gen. So­mit kom­men auch Men­schen mit ei­nem re­la­tiv ge­rin­gen Ein­kom­men in den Ge­nuss der Steu­er­er­spar­nis aus der Pend­ler­pau­scha­le.

Fünf­tens gibt es seit 2001 die glei­chen Pau­schal­sät­ze pro Ent­fer­nungs­ki­lo­me­ter auch für Bahn­fah­rer, Bus­fah­rer, Rad­fah­rer und Fuß­gän­ger. Mit ei­nem Wort al­so: für al­le Ar­beit­neh­mer. Dass dies man­chem nicht be­kannt ist, macht ja nichts. Selbst un­se­re Volks­ver­tre­ter von den Grü­nen (zum Bei­spiel Ro­bert Ha­beck), ha­ben da­von kei­ne Ah­nung. Aber Haupt­sa­che, sie dür­fen mit ab­stim­men und die Bür­ger ge­gen­ein­an­der auf­het­zen. Do­ro­thee Schuch Mi­chel­bach/Bilz

Foto: dpa

Vie­le Men­schen le­gen gro­ße Stre­cken mit dem Au­to zu­rück, um zur Ar­beit zu kom­men.

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