Der Ein­fach-wei­ter-Ma­cher

Jens Spahn Ehr­gei­zig ist er, Rück­schlä­ge hält er aus und sein Ziel kennt der 39-jäh­ri­ge Ge­sund­heits­mi­nis­ter auch: Er will da­für sor­gen, dass die Leu­te Ver­trau­en in die Po­li­tik zu­rück­ge­win­nen – und er ei­nes Tages Kanz­ler wird.

Haller Tagblatt - - PORTRÄT - Von Ha­jo Zen­ker und Gui­do Boh­sem

Als der Auf­zug nicht schnell ge­nug kommt, läuft er die Trep­pe hoch. Luft­ho­len geht auch noch, wenn man oben ist. Die Kanz­le­rin sagt, Spahn scha e ei­ne Men­ge weg, und so­gar der Lin­ken-Frak­ti­ons­chef nennt ihn mu­tig.

Plötz­lich wird es dun­kel in der gro­ßen, prall ge­füll­ten Mes­se­hal­le in Müns­ter. Das Mi­kro­fon fällt aus, dann geht zu­min­dest das Not­licht an. Auf der rie­si­gen Büh­ne des Deut­schen Ärz­te­ta­ges re­det ge­ra­de Jens Spahn – und er re­det ein­fach wei­ter. Der 1,92-Me­ter-Ge­sund­heits­mi­nis­ter, hier im Müns­ter­land auf­ge­wach­sen, bleibt hoch­kon­zen­triert. Die Buh­ru­fer ha­ben kei­ne Chan­ce, auch wenn sie es ver­su­chen. Spahn re­det sie nie­der in die­ser ty­pisch schnei­di­gen Spahn-Ton­la­ge. Und dann ist der Strom wie­der da.

Spahn macht wei­ter, auch wenn es zwi­schen­durch mal ei­nen Span­nungs­ab­fall gibt. Rück­schlä­ge hält er aus und nimmt dann wie­der An­lauf. Er hat nie, wirk­lich nie ein Ge­heim­nis aus sei­nen Am­bi­tio­nen ge­macht. Schon in sei­ner Abi-Zei­tung stand als Ziel: Kanz­ler­amt. Er hat an sei­ner Kar­rie­re ge­ar­bei­tet und ist im­mer wie­der mit o‘enem Vi­sier an­ge­tre­ten, für den Kreis­vor­sitz, für den Platz im CDU-Prä­si­di­um, für den Par­tei­vor­sitz. Ins Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um woll­te er schon mit 33, schei­ter­te und scha‘te es dann mit 37. Wer ihm über­trie­be­nen Ehr­geiz vor­wirft, be­kommt zur Ant­wort: „Wer kei­nen Ehr­geiz hat, scha‘t auch kein See­pferd­chen.“Und kommt auch nicht ins Kanz­ler­amt.

Am 3. Ok­to­ber steht der ehr­gei­zi­ge Herr Spahn in Ki­ga­li und nicht in Kiel, wo zeit­gleich die zen­tra­le Fei­er für die Deut­sche Ein­heit statt­fin­det, und hält in der Haupt­stadt Ruan­das ei­ne zen­tra­le Re­de über die Deut­sche Ein­heit. Auf den ers­ten Blick sieht das aus wie ei­ne si­che­re Sa­che, doch in Wahr­heit ist das Ma­nö­ver ris­kant. Denn Tau­sen­de Ki­lo­me­ter von Deutsch­land ent­fernt kann der staats­män­ni­sche An­spruch auch sehr schnell schei­tern und selbst be­gab­te Po­li­ti­ker ein­fach nur pro­vin­zi­ell wir­ken las­sen. Es kommt aber ei­ne ziem­lich gu­te Re­de her­aus, die zwar nichts mit sei­nem Pos­ten als Ge­sund­heits­mi­nis­ter zu tun hat, aber vie­les mit sei­nen Am­bi­tio­nen.

Spahn strickt die dann doch nur ir­gend­wie ähn­li­che Ge­schich­te bei­der Län­der – den Ho­lo­caust an den Ju­den und den Völ­ker­mord an den Tut­si – stein­mei­er­haft-gra­vi­tä­tisch zu ei­nem plau­si­blen Ge­dan­ken­ge­rüst zu­sam­men. Ganz ne­ben­bei scha‘t er es auch noch, ei­ne Art Hand­lungs­an­lei­tung vor­zu­stel­len, wie die par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie in­ter­na­tio­nal aus der Kri­se kom­men könn­te. „Wel­to‘enen Pa­trio­tis­mus“, nennt er das. Es geht dar­um, das Ei­ge­ne zu schät­zen, oh­ne das Frem­de zu­rück­zu­wei­sen. Ge­schich­ten von Ge­mein­sam­kei­ten müss­ten her, plä­diert er, ein neu­es Nar­ra­tiv der Na­ti­on. Was das ge­nau heißt, steht nicht in der Re­de und muss ganz o‘en­kun­dig auch noch aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Das Pu­bli­kum lauscht trotz­dem ge­bannt und be­lohnt ihn mit lan­gem Ap­plaus. Ei­ne deut­sche Di­plo­ma­tin schwärmt noch am nächs­ten Tag. Probt er hier die Kanz­ler­rol­le? „Nein“, be­tont Spahn, aber wenn die ei­ge­ne Na­ti­on feie­re, las­se er es sich auch im Aus­land nicht neh­men, ei­ne Re­de zu hal­ten.

18 Ge­set­ze in 18 Mo­na­ten

Da­rin er­wähnt er üb­ri­gens auch drei Din­ge, die zwin­gend nö­tig sei­en für gu­tes Re­gie­ren: Um für ei­ne flo­rie­ren­de Ge­sell­schaft zu sor­gen, müs­se ein Po­li­ti­ker ers­tens die un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen der Men­schen o‘en an­spre­chen, zwei­tens ih­re kon­kre­ten Pro­ble­me lö­sen und drit­tens ver­läss­lich sein.

Die Zu­hö­rer aus Deutsch­land kön­nen sich den­ken, an wen Spahn da wohl denkt: 18 Ge­set­ze in 18 Mo­na­ten hat der Mi­nis­ter vor­ge­legt, sich mit Ärz­ten, Kas­sen und Kran­ken­haus­ver­tre­tern an­ge­legt, die drän­gen­den Pro­ble­me in der Pfle­ge­ver­si­che­rung an­ge­gan­gen. An­ge­la Mer­kel, zu der er spä­tes­tens seit sei­ner Kri­tik an der Flücht­lings­po­li­tik ein ge­spal­te­nes Ver­hält­nis hat, be­schei­nigt ihm, „ei­nen Bom­ben­job“zu ma­chen. Denn „er scha‘t ei­ne Men­ge weg“.

Auch im Aus­land: Er fährt in den Ko­so­vo, fliegt nach Me­xi­ko, um Pfle­ge­kräf­te an­zu­wer­ben. Er be­sucht die USA und En­de letz­ter Wo­che Afri­ka. Stets sorgt ein mit­ge­reis­ter Fo­to­graf für die Bil­der, je­den Tag er­scheint ein selbst-ge­mach­tes Kurzin­ter­view auf Twit­ter. Auch im Aus­land ist Jens Spahn ei­ne gna­den­lo­se Mar­ke­ting­ma­schi­ne. Vier afri­ka­ni­sche Län­der in vier Ta­gen, 18 Ter­mi­ne – bei Mi­nis­tern, ei­nem Pre­mier­mi­nis­ter, Ebo­la-Über­le­ben­den und Ebo­la-Be­kämp­fern, Start-Up-Grün­dern, Mi­gra­ti­ons­ex­per­ten. Als vor dem Ter­min mit sei­nem äthio­pi­schen Amts­kol­le­gen in Ad­dis Abe­ba der Auf­zug nicht schnell ge­nug kommt, läuft er die Trep­pe hoch. Luft­ho­len geht auch noch, wenn man oben ist.

Seit An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ihm das Amt vor der Na­se weg­schnapp­te, hat Spahn mehr Län­der be­sucht als die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin. Nein, er macht kein Ge­heim­nis aus sei­nen Am­bi­tio­nen. Aber das O‘en­sicht­li­che soll dann doch nicht ganz so o‘en­sicht­lich schei­nen, wes­halb er im­mer un­ter­streicht, das al­les ge­sche­he selbst­ver­ständ­lich im Rah­men sei­nes Res­sort. „Mo­der­ne Ge­sund­heits­po­li­tik kennt kei­ne Gren­zen“, sagt er und grinst.

Der schwu­le Ka­tho­lik fühlt sich im hei­mi­schen West­müns­ter­land mit Schüt­zen­ver­ein, Her­ren­creme und Eier­li­kör ge­nau­so wohl wie im viel­fäl­ti­gen Ber­lin-Schö­ne­berg. Dort wohnt er mit sei­nem Mann, und die gan­ze Welt ist nicht nur ku­li­na­risch und kul­tu­rell zu Gast – ei­ne Art ge­leb­ter „wel­to‘ener Pa­trio­tis­mus“, wenn auch auf ei­ne kom­for­ta­ble Art. Da­bei fällt es ihm manch­mal schwer, den ei­ge­nen An­spruch zu er­fül­len. Schließ­lich ist es noch nicht so lan­ge her, dass er sich in lan­gen Ar­ti­keln über die ho­he Zahl der Eng­lisch spre­chen­den Kell­ner in Ber­lin be­klagt hat.

Seit Spahn ge­gen AKK im Kampf um den Par­tei­vor­sitz ver­lo­ren hat, sind ihr vie­le Feh­ler un­ter­lau­fen, und er hat das meis­te rich­tig ge­macht. Spahn ist kein kri­ti­sches Wort über sei­ne Par­tei­che­fin und auch nicht über die Kanz­le­rin zu ent­lo­cken, aber na­tür­lich ver­folgt er all die Be­rich­te über die Ma­lai­se der en­gen CDU-Spit­ze ganz ge­nau. „Ich bin erst mal ger­ne Ge­sund­heits­mi­nis­ter“– das ist die Rück­zugs­po­si­ti­on, die er Schritt für Schritt aus­baut.

Er hat da­für Leu­te in sei­nem Mi­nis­te­ri­um an­ge­heu­ert. Sein Spre­cher Han­no Kautz kommt von der Bild-Zei­tung. Ein an­de­rer ist Ti­mo Locho­ki, der ein klu­ges Buch über die Kri­se der west­li­chen De­mo­kra­ti­en ge­schrie­ben hat. Ei­ne sei­ner The­sen lau­tet, dass die bür­ger­li­chen Par­tei­en sich in De­bat­ten um re­le­van­te The­men mit Mut und O‘en­heit en­ga­gie­ren und sich nicht von den rech­ten Glo­ba­li­sie­rungs­geg­nern die Agen­da dik­tie­ren las­sen soll­ten.

Vor­hang auf für die De­bat­te über die Or­gan­spen­de vor ein paar Mo­na­ten: Mit erns­ter Mie­ne und nach­drück­li­cher ges­ti­ku­lie­rend als sonst steht Spahn im Bun­des­tag und gibt ei­nen Feh­ler zu. Sie­ben Jah­re zu­vor ha­be er an sel­ber Stel­le ge­gen die Wi­der­spruchs­lö­sung vo­tiert. Die heißt so, weil je­der au­to­ma­tisch als Or­gan­spen­der gilt, so­lan­ge er nicht aus­drück­lich wi­der­spricht. Da­mals „ha­ben wir uns da­für ge­fei­ert, dass die Kran­ken­kas­sen jetzt al­le zwei Jah­re In­fo-Ma­te­ri­al ver­schi­cken, dass wir Auf­klä­rungs­kam­pa­gnen ma­chen“. Doch die­ser Weg ha­be zu ei­nem Tief­stand bei den Or­gan­spen­den ge­führt. Ein mo­der­ner Kon­ser­va­ti­ver passt sei­ne Hal­tung an, wenn sie nicht funk­tio­niert.

Dass Spahn sich mit sei­ner Au‘as­sung durch­setzt, wenn es En­de des Jah­res zur Ab­stim­mung kommt, ist da­bei al­les an­de­re als si­cher. Der Riss geht quer durch al­le Frak­tio­nen. Doch die Ge­fahr der Nie­der­la­ge ist ein­ge­preist und ge­hört zu sei­nem Kon­zept. Ei­ne Stra­te­gie, die auch dem po­li­ti­schen Geg­ner im­po­niert. Der Lin­ken-Frak­ti­ons­chef Diet­mar Bartsch at­tes­tiert dem kon­ser­va­ti­ven Mi­nis­ter, dass die­ser „ex­trem auf Mut, we­nig auf Si­cher­heit geht“. In der Ent­schei­dung er­staun­lich exi­bel „Ver­trau­en ge­win­nen wir nur durch gu­te De­bat­ten und gu­te Ent­schei­dun­gen zu­rück“, sagt der Mi­nis­ter häu­fig. Auch des­halb ist Spahn das The­ma Pfle­ge be­son­ders schnell an­ge­gan­gen. Er sieht es als ein Bei­spiel jah­re­lan­gen Po­li­tik­ver­sa­gens, ein Grund für den Ver­trau­ens­ver­lust in der Be­völ­ke­rung. Ewig sei­en nur De­bat­ten ge­führt wor­den, die fol­gen­los blie­ben. In sei­nen Ent­schei­dun­gen ist der Mi­nis­ter dann aber er­staun­lich fle­xi­bel. Was be­deu­tet, dass Ge­setz­ent­wür­fe im­mer und im­mer wie­der ab­ge­än­dert wer­den, Punk­te zum Teil in letz­ter Se­kun­de her­aus­fal­len oder her­ein­kom­men. Spahn ficht die Kri­tik dar­an nicht an. „Ich sit­ze nicht al­lein im Käm­mer­lein und ma­che ein Ge­setz.“Er neh­me Kri­tik ernst. „Man muss im Zwei­fel auch mal dem an­de­ren un­ter­stel­len, er könn­te recht ha­ben.“Wie so oft bei Spahn, weiß man nicht, ob das nur Tak­tik ist oder Über­zeu­gung. Klug ist es al­le­mal.

Er sucht den di­rek­ten Kon­takt zu de­nen, die von sei­nen Ge­set­zen be­tro‘en sind. Der ge­lern­te Bank­kauf­mann geht in Kli­ni­ken und Pfle­ge­hei­me, auf Markt­plät­ze, in Uni­ver­si­tä­ten und zu Start-Ups. Auch für die Po­li­tik wird in Zei­ten der di­gi­ta­len Ver­viel­fäl­ti­gung der Li­ve-Auf­tritt wie­der zum neu­en Gold-Stan­dard in der Wähler­wer­bung. An die­sem Mon­tag mach­te er sich auf den Weg nach Thü­rin­gen, um dort Wahl­kampf für Mi­ke Mohring zu ma­chen.

Wie es da­nach wei­ter geht? Un­klar. Wenn die CDU in den Land­tags­wah­len hin­ter den Lin­ken lan­det, wird die Kri­tik an Kramp-Kar­ren­bau­er noch schär­fer wer­den. Soll­te die SPD En­de des Jah­res aus der Ko­ali­ti­on aus­stei­gen, ist eh al­les an­ders. Spahn? Der macht erst mal mo­der­ne Ge­sund­heits­po­li­tik, und zwar die mit dem uni­ver­sel­len An­spruch. Im­mer wei­ter.

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