Bun­te Blu­men am Ste­len­feld

Fa­mi­li­en­ge­schich­te Avi­hay und Ma­tan Ha­viv aus Is­ra­el be­su­chen die KZ-Ge­denk­stät­te Hes­sen­tal. Sie sind En­kel von Pes­sach Aron Ajzen­mann, der 1944 als Häft­ling nach Hall ge­bracht wur­de.

Haller Tagblatt - - MENSCHEN - Von Ma­ya Pe­ters

Ich weiß noch, dass wir nie Sen­dun­gen über den Ho­lo­caust se­hen durf­ten. Ma­tan Ha­viv En­kel des KZ-Häft­lings Ajzen­mann

Es ist ei­ne emo­tio­na­le Spu­ren­su­che. Avi­hay Ha­viv und sein Bru­der Ma­tan aus der Me­tro­pol­re­gi­on Tel Aviv in Is­ra­el wa­ren erst drei und neun Jah­re alt, als ihr Groß­va­ter Pes­sach Aron Ajzen­mann 1984 starb. Über sei­ne Ge­schich­te, die den pol­ni­schen Ju­den im Ok­to­ber 1944 als Häft­ling ins La­ger Hes­sen­tal führ­te, wur­de in­ner­halb der Fa­mi­lie eher ge­schwie­gen. „Ich weiß noch, dass wir nie Sen­dun­gen über den Ho­lo­caust se­hen durf­ten“, er­in­nert sich Ma­tan Ha­viv. Die sei­en im Ver­gleich zur Wirk­lich­keit doch nur ei­ne Ko­mö­die, ha­be der Groß­va­ter kurz an­ge­bun­den er­klärt.

Drei Ta­ge in Schwä­bisch Hall

Die Brü­der ste­hen an­däch­tig vor der Ste­le mit dem Na­men Pes­sach Aron Ajzen­mann auf der KZ-Ge­denk­stät­te Hes­sen­tal. Drei Ta­ge ha­ben sie sich für Hall Zeit ge­nom­men, zu­vor wa­ren sie in Dach­au. Bei­de spre­chen Eng­lisch. Ne­ben ei­nem Stadt­rund­gang und Abend­es­sen mit Mit­glie­dern der Initia­ti­ve Ge­denk­stät­te KZ Hes­sen­tal be­su­chen sie die Or­te, an de­nen ihr Groß­va­ter einst litt. Durch Zu­fall näch­ti­gen sie in ei­nem Ho­tel in der Nä­he des Flug­plat­zes. „Dort war Ajzen­mann auch ein­ge­setzt“, weiß Sieg­fried Hu­be­le von der Hes­sen­ta­ler Initia­ti­ve. Er be­glei­tet mit Ma­ri­on Mon­den und Ma­ri­on Ur­bitsch so­wie Micha­el Syl­ves­ter Ko­zi­ol die Brü­der bei ih­rem Gang über die Ge­denk­stät­te.

Avi­hay er­zählt Hu­be­le, dass der Groß­va­ter ein­mal von ei­ner Hal­ler Fa­mi­lie her­ein­ge­be­ten wor­den sei. Dort ha­be man ihm heim­lich et­was zu es­sen ge­ge­ben. Beim Her­aus­ge­hen ha­be er ei­nen Schlag auf den Kopf be­kom­men. „Um die Freund­lich­keit zu ver­tu­schen“, ver­mu­tet er.

„Die Na­men ih­rer An­ge­hö­ri­gen zu se­hen, ist für die Nach­fah­ren das Wich­tigs­te“, weiß Ur­bitsch. Das Feld mit den mehr als 700 be­kann­ten Na­men frü­he­rer Häft­lin­ge ist an der Stel­le, an der sich einst der Ap­pell­platz be­fand. Ein sym­bol­träch­ti­ger Ort. Denn dort stand einst auch der mit 21 Jah­ren ver­wais­te Ajzen­mann. Seit 1940 hat­te er mit sei­ner Fa­mi­lie meh­re­re Ghet­tos und La­ger durch­lit­ten. Die Ge­schwis­ter und die Mut­ter sei­en 1944 in Au­schwitz ge­tö­tet wor­den, sagt Avi­hay Ha­viv. „Nur zwei Ta­ge wa­ren sie ge­mein­sam dort. Als er dann ar­beits­fä­hig wei­ter ins KZ Vai­hin­gen ge­schickt wur­de, hat man den Rest der Fa­mi­lie um­ge­bracht“, be­rich­tet Ha­viv lei­se von sei­nen Re­cher­chen zur Fa­mi­li­en­ge­schich­te im Ho­lo­caust. Die Brü­der grei­fen kurz dar­auf zum Te­le­fon und zei­gen per Vi­deo­an­ruf ih­rer Mut­ter Pni­na die Ge­denk­stät­te. „So hieß Opas in Au­schwitz um­ge­kom­me­ne Mut­ter“, er­gänzt Avi­hay Ha­viv spä­ter und zeigt ein in Ja¤a auf­ge­nom­me­nes Fo­to der bei­den aus dem Jahr 1956.

In den Pro­to­kol­len ist zu le­sen, dass Ajzen­mann auf dem Flug­platz zum Schnee­räu­men ein­ge­setzt wur­de. Auch ar­bei­te­te er als Holz­fäl­ler und im St­ein­bruch Scheu­er­mann zwi­schen Hes­sen­tal und St­ein­bach. Am Haal­platz sei er zum Gra­ben von Schutz­bun­kern ge­we­sen. La­ger­kom­man­dant Au­gust Wal­ling ha­be sich am Lei­den der Häft­lin­ge er­götzt, in­dem er ein Stück­chen Brot zwi­schen die Aus­ge­hun­ger­ten warf,

heißt es in Ajzen­manns Er­in­ne­run­gen aus ei­ner Be­fra­gung von 1968/69. Bei der Ty­phuse­pi­de­mie im Fe­bru­ar 1945 sei­en „vie­le star­ke Män­ner“der Epi­de­mie er­le­gen, be­rich­tet er an­schau­lich.

Ver­mut­lich aus dem La­ger Al­lach wur­de sein Groß­va­ter am Kriegs­en­de von den Ame­ri­ka­nern be­freit – nach­dem er den „Hes­sen­ta­ler To­des­marsch“nach Bay­ern über­lebt hat­te, be­rich­tet Avi­hay Ha­viv und sieht sich in­ter­es­siert die Rou­ten und Fo­tos der Aus­stel­lung in der Ge­denk­stät­te an. Ajzen­mann kehr­te 1945 nach Hall zu­rück und blieb zu­nächst im DP-La­ger Ne­gev, ei­nem Auf­fang­la­ger für hei­mat­lo­se be­frei­te Häft­lin­ge.

„Dort auf dem Ko­cher­feld hin­ter dem jü­di­schen Fried­hof in St­ein­bach lern­te er auch sei­ne spä­te­re Frau Jen­ta Sa­jkie­wicz ken­nen“, wis­sen die En­kel. Wie sei­ne Re­gis­trier­kar­te zeigt, woll­te Ajzen­mann ur­sprüng­lich in die USA aus­wan­dern. Doch ha­be sich sei­ne Zu­künf­ti­ge mit ih­rem Wunsch „Pa­läs­ti­na“durch­ge­setzt. So wan­dern bei­de im Ju­ni 1948 ins erst kurz zu­vor ge­grün­de­te Is­ra­el aus. „Im Grun­de ist er aus dem La­ger di­rekt in den Pan­zer ge­stie­gen, es war Krieg“, er­läu­tert Avi­hay. Spä­ter ha­be der drei­fa­che Fa­mi­li­en­va­ter als Dach­de­cker ge­ar­bei­tet. Da­bei er­krank­te er an Krebs – als Ur­sa­che gilt As­best. 1969 und 1971 sei er zur Be­hand­lung in Deutsch­land ge­we­sen. „Un­ser Groß­va­ter ver­trau­te der deut­schen Me­di­zin und be­kam als Ho­lo­caust-Op­fer die Be­hand­lung gra­tis“, sagt Ma­tan.

„Ihr Be­such zeigt uns wie­der, wie wich­tig die Ge­denk­stät­te auch für die Zu­kunft ist“, meint Ma­ri­on Ur­bitsch zu den Brü­dern. Zum Ab­schied tra­gen sich die En­kel Ajzen­manns in das Gäs­te­buch im Wag­gon ein und le­gen an der Ste­le Blu­men ab. Zum Ab­schluss über­rei­chen sie als Frie­dens­ge­schenk ei­ne „Me­su­sa“. Die Kap­sel, die am Tür­rah­men be­fes­tigt wird, ent­hält ein ge­roll­tes Per­ga­ment­stück mit Ab­schnit­ten aus der To­ra und hat ei­ne schüt­zen­de Be­deu­tung. Was die Brü­der Ha­viv an­ders ma­chen wol­len als ihr Groß­va­ter: mit ih­ren Kin­dern mehr über den Ho­lo­caust re­den. Das ver­spre­chen sie sich.

Fo­to: Ma­ya Pe­ters

Avi­hay (links) und sein Bru­der Ma­tan Ha­viv sind zu Be­such in der KZ-Ge­denk­stät­te Hes­sen­tal. Ihr Groß­va­ter war Pes­sach Aron Ajzen­mann, der das KZ und den To­des­marsch über­leb­te. Er starb 1984.

Fo­to: pri­vat

Pes­sach Aron Ajzen­mann mit sei­ner erst­ge­bo­re­nen Toch­ter Pni­na. Das Fo­to stammt aus dem Jahr 1956.

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