Nichts für schwa­che Ner­ven

Sie ha­ben mar­tia­li­sche Na­men wie „Han­go­ver“oder „Gla­dia­tor“. Die Fahr­ge­schäf­te, die den Ad­re­na­lin­spie­gel in die Hö­he trei­ben, prä­gen den Wa­sen eben­so wie Bier­zel­te und Schieß­bu­den.

Haller Tagblatt - - STUTTGART UND UMGEBUNG - Von Jür­gen Schmidt

Mo­ne ist die An­span­nung deut­lich an­zu­se­hen. Die Frau sitzt mit ei­nem gro­ßen ge­pols­ter­ten Bü­gel auf ih­rem Sitz fi­xiert im „Han­go­ver“. Der Turm, der für kur­ze Zeit den frei­en Fall er­mög­licht, ist in die­sem Jahr das höchs­te Fahr­ge­schäft auf dem Cann­stat­ter Wa­sen. Ih­re Freun­din Sil­ke im Sitz da­ne­ben lä­chelt da­ge­gen ganz ent­spannt, ver­sucht Mo­ne zu be­ru­hi­gen. Dann geht es los: Die Gon­del mit den 24 Sit­zen, die im Kreis an­ge­ord­ne­ten sind, steigt an dem 85 Me­ter ho­hen Stahl­git­ter­turm lang­sam in die Hö­he.

Die Be­trei­ber, die Schau­stel­ler­fa­mi­lie Schnei­der aus Mün­chen, wirbt für ihr Fahr­ge­schäft, dass als ei­ne der At­trak­tio­nen beim Stutt­gar­ter Volks­fest gilt, da­mit der „höchs­te trans­por­ta­ble Gy­ro-Drop-To­wer der Welt“zu sein. „Gy­ro Drop“steht für den frei­en Fall. Zum Auf­wär­men steigt die Gon­del nur auf 40 Me­ter Hö­he und fällt dann ra­send schnell nach un­ten, bis sie kurz vor der Bo­den­plat­te sanft ge­bremst wird. Dann geht es für Mo­ne, Sil­ke und die an­de­ren Men­schen bis ganz nach oben. Wie ein rie­si­ges Stor­chen­nest hängt die Gon­del an dem fi­li­gra­nen Mast und dreht sich lang­sam. Ein paar Au­gen­bli­cke spä­ter geht es mit fast 100 St­un­den­ki­lo­me­tern in die Tie­fe, be­glei­tet vom Krei­schen man­cher In­sas­sen.

Die Hö­hen­angst über­win­den

Nach we­ni­gen Mi­nu­ten ist die Fahrt schon wie­der vor­bei, Mo­ne at­met tief durch. „Das ist das ers­te mal, dass ich mit so et­was ge­fah­ren bin“, be­kennt die Frau mit den kur­zen ro­ten Haa­ren und fügt mit Blick auf Sil­ke hin­zu: „Sie hat mich da­zu über­re­det.“Bö­se ist sie dar­über aber nicht, im Ge­gen­teil. „Ich bin im Nach­hin­ein froh, dass ich mich über­wun­den ha­be.“Sie hat Hö­hen­angst, meint aber, dass man das über­win­den kön­ne und müs­se.

Schlecht ge­wor­den ist Mo­ne bei ih­rer ers­ten Fahrt 85 Me­ter über dem Wa­sen oder im frei­en Fall nicht. Das kom­me im Han­go­ver auch nicht vor, meint ein Mit­ar­bei­ter an der Kas­se. Da­zu sei der Ešekt des frei­en Falls zu kurz. Und an­ders als bei an­de­ren Fahr­ge­schäf­ten, ge­be es kei­ne schnel­len Dre­hun­gen oder Über­schlä­ge, die Schwin­del­ge­füh­le aus­lö­sen könn­ten.

Da­zu ge­hört bei­spiels­wei­se der „Gla­dia­tor“. Zwei Gon­deln hän­gen da­bei an den En­den ei­ner star­ren Ach­se, die sie bis auf 62 Me­ter Hö­he tra­gen. Wäh­rend der ra­sen­den Run­de dre­hen sich die Gon­deln auch noch um sich selbst, die Pas­sa­gie­re ste­hen – oder bes­ser sit­zen – zeit­wei­se Kopf. Ein­ge­fleisch­te Volks­fest­gän­ger sind da­von be­geis­tert. „Das war saugeil“, sagt Flo­ri­an, nach­dem er wie­der aus dem „Gla­dia­tor“ge­stie­gen ist.

„Drei Pro­mil­le muss man ha­ben“

Der jun­ge Mann in Wa­sen-Uni­form – Le­der­ho­se und ka­rier­tes Hemd – fin­det aber, es gibt ei­ne Vor­aus­set­zung, um Spaß zu ha­ben: „Du musst min­des­tens drei Pro­mil­le ha­ben, um es rich­tig ge­nie­ßen zu kön­nen“, meint er grin­send, be­vor er mit sei­nen Kum­pels zum nächs­ten spek­ta­ku­lä­ren Fahr­ge­schäft wei­ter­zieht. In die Bun­gee-Ku­gel oder eben den Free-Fall-To­wer wol­len sie auf je­den Fall noch.

Zwi­schen­fäl­le gibt es bei dem „Gla­dia­tor“kaum, wie ei­ne Mit­ar­bei­te­rin an der Kas­se er­klärt. Denn die Fahr­gäs­te wer­den an al­len Fahr­ge­schäf­ten für den Ad­re­na­lin-Kick nicht nur auf ge­sund­heit­li­che Ri­si­ken hin­ge­wie­sen, son­dern auch dar­auf, dass al­le lo­sen Sa­chen aus Ho­sen- und Ja­cken­ta­schen ab­ge­legt oder si­cher ver­staut wer­den müs­sen. Flo­ri­an hat so­gar die Schu­he aus­ge­zo­gen, be­vor er sich in das Fahr­ge­schäft ge­setzt hat. Manch­mal sind die Hin­wei­se al­ler­dings ver­geb­lich. „Ges­tern ist ein Han­dy run­ter­ge­fal­len“, er­zählt die „Han­go­ver“-Kas­sie­re­rin. Pas­siert sei al­ler­dings nichts.

Fo­to: Jür­gen Schmidt

Be­su­cher des Free-Fall-To­wers wer­den auf ei­ne Hö­he von 85 Me­tern ge­fah­ren und dann geht es schnell nach un­ten.

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