DNA-Ana­ly­se könn­te Klar­heit brin­gen

Archäologi­e Die Ge­bei­ne aus dem In­ne­ren der Un­ter­re­gen­ba­cher Kir­che sol­len un­ter­sucht wer­den. Das soll neue Hin­wei­se auf die Er­bau­er der Kryp­ta lie­fern. Ei­ne Spu­ren­su­che im Jagst­tal. Von Yvon­ne Tscher­witsch­ke

Haller Tagblatt - - LANDKREIS HALL -

Hans-Jörg Wil­helm steht das Be­dau­ern ins Ge­sicht ge­schrie­ben, wenn er sagt: „Im Ort hier darf kei­ner tie­fer als 50 Zen­ti­me­ter gra­ben.“Er lebt in Un­ter­re­gen­bach, ei­nem Wei­ler im Jagst­tal, den kaum je­mand kennt und der so­gar mit Na­vi nicht von je­dem gleich ge­fun­den wird. Der Grund da­für, den Gar­ten höchs­tens ei­nen Spa­ten tief um­gra­ben zu dür­fen, ist: Un­ter­re­gen­bach ist das wohl am meis­ten er­forsch­te Dorf Deutsch­lands.

Sand­stein aus Wal­den­burg

Wil­helm ist zwi­schen­zeit­lich Pro­fi, wenn es um die Ge­schich­te Un­ter­re­gen­bachs geht. Er er­zählt: 1908 soll­te ein Brun­nen im Pfarr­gar­ten ge­gra­ben wer­den. Bei den Gra­bun­gen fiel dem Pfar­rer auf, dass be­haue­ne Sand­stei­ne aus der tie­fen Er­de ka­men. Sand­stein, der in Wal­den­burg ab­ge­tra­gen und ins über 30 Ki­lo­me­ter ent­fern­te Un­ter­re­gen­bach trans­por­tiert wur­de. Aber wo­zu?

Er in­for­mier­te die Denk­mal­schüt­zer. Die ka­men. Aber erst zwei Krie­ge spä­ter. 1954 soll­ten sie zehn Ta­ge gra­ben und se­hen, was sich dort un­ter Blu­men und Kar­toœeln ver­bor­gen hat­te. „Sie blie­ben 30 Jah­re“, sagt Wil­helm. Die Denk­mal­schüt­zer ent­deck­ten die Kryp­ta und un­ter der Kir­che Hin­wei­se auf ei­ne noch viel frü­he­re St­ein­kir­che. Ei­ne der ers­ten St­ein­kir­chen Deutsch­lands, mut­maßt Wil­helm. Er ord­net sie in die ka­ro­lin­gi­sche Zeit ein. Wenn er die Lu­ke im hin­te­ren Teil der Kir­che öœnet, kann man hin­ab­stei­gen und die stei­ner­nen Res­te be­sich­ti­gen. Der Um­riss der ers­ten Kir­che ist er­kenn­bar. Zwei kreuz­för­mi­ge Grä­ben sind gut er­hal­ten. Sie dien­ten da­zu, ei­ne be­deut­sa­me Re­li­quie auf­zu­be­wah­ren, sagt Wil­helm.

Drei Men­schen wur­den im In­ne­ren der ers­ten Kir­che be­stat­tet. „Wer wa­ren die­se wohl wich­ti­gen Men­schen?“, fragt Wil­helm. Noch weiß man es nicht. Bei den frü­hen Gra­bun­gen wur­den die Grä­ber ver­mes­sen und die gut er­hal­te­nen Kno­chen mit­ge­nom­men. „Es wa­ren für die Zeit un­ty­pisch gro­ße Men­schen, die da be­stat­tet wur­den“, sagt Wil­helm und nennt Kör­per­grö­ßen von deut­lich über 1,80 Me­ter. „Der durch­schnitt­li­che Jagst­tä­ler war da­mals ge­ra­de ein­mal ein­ein­halb Me­ter groß“, sagt Wil­helm. Er drängt dar­auf, dass die Kno­chen un­ter­sucht wer­den. Er hat be­reits Geld da­für ge­sam­melt. Denn Wil­helm meint: Die Grö­ße der Ske­let­te deu­tet dar­auf hin, dass die Be­stat­te­ten zur Fa­mi­lie von Kai­ser Wil­helm dem Gro­ßen ge­hö­ren. „Der hieß nicht nur so, der war auch un­ge­wöhn­lich groß.“

„O ene Fra­gen klä­ren“

Olaf Gold­stein vom Lan­des­denk­mal­amt in Stutt­gart will aus Un­ter­re­gen­bach noch­mals ein klei­nes For­schungs­pro­jekt ma­chen: „Wir ver­su­chen, noch mög­lichst vie­le oœene Fra­gen zu klä­ren.“Da­zu ge­hört die Fra­ge, wer die drei Men­schen wa­ren, die im In­ne­ren der früh­mit­tel­al­ter­li­chen Veits­kir­che be­stat­tet wur­den. „Wel­che Rück­schlüs­se las­sen sie zu?“, über­legt Gold­stein.

Die Ske­let­te wa­ren in den 1960er-Jah­ren ent­deckt und aus­ge­gra­ben wor­den. Seit­her sei­en sie im An­thro­po­lo­gi­schen In­sti­tut in Tü­bin­gen. Dort sei ei­ne ers­te Ei­n­ord­nung vor­ge­nom­men wor­den, ehe die Kno­chen in Kis­ten tro­cken und si­cher ver­wahrt wur­den. „Wir hoœen jetzt, dass noch aus­rei­chend Kno­chen­mark ent­hal­ten ist, um ei­ne DNA-Un­ter­su­chung durch­füh­ren zu kön­nen“, sagt Gold­stein. Von Kai­ser Wil­helm dem Gro­ßen ist Ver­gleichs-DNA er­hal­ten. Soll­te ei­ne ver­wandt­schaft­li­che Be­zie­hung be­ste­hen, könn­te die nach­ge­wie­sen wer­den.

Die un­ge­wöhn­li­che Grö­ße der Ske­let­te lässt Hans-Jörg Wil­helm in die­se Rich­tung den­ken. Be­wei­se da­für gibt es aber bis­her nicht. „Heute ist so ei­ne DNA-Un­ter­su­chung nicht so kom­pli­ziert. Das war an­ders, als die Kno­chen ge­fun­den wur­den“, sagt Olaf Gold­stein.

Au­ßer­dem soll die Pfarr­wie­se noch­mals ge­sich­tet und geo­phy­si­ka­li­sche Pro­spek­tio­nen – al­so Er­war­tungs­gra­bun­gen – ge­macht wer­den. „Es gibt neue Ver­fah­ren“, sagt Gold­stein. Da­mit kann dann qua­si die Wie­se ge­röntgt wer­den. Auch soll der Ge­bäu­de­be­stand im Ort noch­mals un­ter die Lu­pe ge­nom­men wer­den. „Teils steckt in den Scheu­nen noch äl­te­re Sub­stanz drin“, sagt Gold­stein. Das er­lau­be Rück­schlüs­se auf die frü­he­re Struk­tur des Dor­fes.

Dann ist da noch ein klei­ner Bach­über­gang, in dem St­ei­ne lie­gen, die wie ei­ne klei­ne Furt aus­se­hen und ein dar­un­ter­lie­gen­des klei­nes Ge­wöl­be über­span­nen. Noch ei­ne Stel­le, die Über­ra­schun­gen für die Archäo­lo­gen be­reit­hal­ten kann. Da­bei gibt es be­reits jetzt aus der 30-jäh­ri­gen Gra­bungs­kam­pa­gne ei­ne drei­bän­di­ge Pu­bli­ka­ti­on. Mög­li­cher­wei­se fügt Olaf Gold­stein wei­te­re Bän­de hin­zu.

Fo­to: Ar­chiv/Gott­fried Mah­ling

Ei­ne Spann­be­ton­de­cke trennt den heu­ti­gen Kir­chen­raum von Sankt Veit von den aus­ge­gra­be­nen Über­res­ten des 1200 Jah­re al­ten Vor­gän­ger­baus. Kir­chen­ge­mein­de­rat Hans-Jörg Wil­helm ist über­zeugt, dass hier einst Re­li­qui­en auf­be­wahrt wur­den.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.