Leicht­ath­le­tik

Haller Tagblatt - - SPORT - Von Ewald Wal­ker

Hit­ze­schlach­ten und man­geln­de Zu­schau­er, Gast­freund­schaft und tech­ni­sches Know-how: Die WM in Ka­tar prä­sen­tier­te sich zwei­schnei­dig.

Ei­ne Leicht­ath­le­tik-WM in ei­nem Wüs­ten­staat – das gab es noch nie in der 36-jäh­ri­gen Ge­schich­te die­ser Meis­ter­schaf­ten. Be­reits im Vor­feld war die Ver­ga­be hef­tig kri­ti­siert wor­den: ge­kauf­te Spie­le, War­nun­gen vor den Hit­ze­fol­gen und der Un­si­cher­heit mit ei­nem kli­ma­ti­sier­ten Sta­di­on. Ei­ne WM in ei­nem Land oh­ne Leicht­ath­le­tik-Kul­tur.

Es gab Pro­ble­me mit der WM. Bil­der, die hän­gen blei­ben von Do­ha, sind die Bil­der von den Wett­be­wer­ben drau­ßen auf den Stra­ßen, der Cor­ni­che: Ge­hen und Ma­ra­thon. Hit­ze­schlach­ten mit kol­la­bie­ren­den Ath­le­ten. Der Welt­leicht­ath­le­tik-Ver­band (IAAF) muss sich die Fra­ge ge­fal­len las­sen, war­um die Stra­ßen­wett­be­wer­be im Vor­hin­ein nicht ein­fach aus dem Pro­gramm ge­nom­men wur­den, denn die Be­gleit­erschei­nun­gen wa­ren vor­her­seh­bar. Das hat der Leicht­ath­le­tik ge­scha­det.

Das Bild im Sta­di­on war ein ganz an­de­res. Wolf­gang Hei­nig, Trai­ner von Bron­ze­me­dail­len­ge­win­ne­rin Ge­sa Fe­li­ci­tas Krau­se, sprach stell­ver­tre­tend für vie­le deut­sche Ath­le­ten von ei­ner „sehr gu­ten Or­ga­ni­sa­ti­on“. Nach­dem an­fangs die Zu­schau­er­re­so­nanz eher spär­lich war, kam die WM auch auf den Rän­gen in der zwei­ten Wo­chen­hälf­te in Schwung. Die Rän­ge wur­den vol­ler, die Stim­mung stieg. Als der „Fal­ke“Mu­taz Es­sa Bar­shim mit 2,37 Me­ter zu sei­nem zwei­ten WM-Ti­tel flog, füll­ten die 20 000 Ka­ta­ris das Sta­di­on mit laut­star­kem Ap­plaus. Bar­shim, der Bot­schaf­ter und Volks­held des Wüs­ten­staats, wur­de da­mit auch zu ei­ner Art Ret­ter der WM.

Aus deut­scher Sicht be­geis­ter­te der 21-jäh­ri­ge Ni­k­las Kaul, der am Tag der Deut­schen Ein­heit mit 8691 Punk­ten als zwei­ter deut­scher Zehn­kämp­fer, nach Thors­ten Voss aus der ehe­ma­li­gen DDR, den Thron als „Kö­nig der Ath­le­ten“be­stieg. Mit dem Ge­winn der Bron­ze­me­dail­le setz­te Kon­stan­ze Klos­ter­hal­fen über 5000 Me­ter ein Aus­ru­fe­zei­chen. Trotz den Dis­kus­sio­nen um die Do­ping­sper­re von Al­ber­to Sa­la­zar, Chef­trai­ner im Ore­gon Pro­jekt, dem Klos­ter­hal­fen seit An­fang des Jah­res an­ge­hört.

Der „deut­sche Sonn­tag in Do­ha“mit der Gold­me­dail­le für Weit­sprin­ge­rin Ma­lai­ka Mih­am­bo und Bron­ze für Speer­wer­fer Jo­han­nes Vet­ter und da­mit ins­ge­samt sechs Me­dail­len war für das DLV-Team ein ver­söhn­li­cher Ab­schluss. „Un­se­re Ge­samt­bi­lanz hal­te ich für gut durch­wach­sen“,kom­men­tier­te DLV-Prä­si­dent Jür­gen Kes­sing das Ab­schnei­den der deut­schen Mann­schaft und sagt: „Der an­fäng­lich zö­ger­li­che Zu­schau­er­zu­spruch Jür­gen Kes­sing war bei der EM in Ber­lin auch so“.

Die WM war für die Ka­ta­ri auch Ent­wick­lungs­hil­fe. Die Zu­schau­er­rän­ge blie­ben in der ers­ten Wo­chen­hälf­te oft leer. Die Fern­seh­rech­te la­gen im be­nach­bar­ten, ver­fein­de­ten Sau­di-Ara­bi­en. Und ob die feh­len­de Leicht­ath­le­tik-Kul­tur als Recht­fer­ti­gung die­nen kann, dass die WM hät­te nicht nach Ka­tar ver­ge­ben wer­den dür­fen, dar­über sind sich Be­ob­ach­ter und Teil­neh­mer un­ei­nig.

In ei­ner Sa­che ha­ben die Ka­ta­ri aber Maß­stä­be ge­setzt: das Kha­li­fa-Sta­di­on wur­de bei Au­ßen­tem­pe­ra­tu­ren deut­lich über 40 Grad zehn Ta­ge lang mit rund 400 Dü­sen kon­stant auf 25 Grad ge­hal­ten – nur in Sin­ga­po­re gibt es noch ei­ne kli­ma­ti­sier­te An­la­ge. Die Ener­gie kommt von der Son­ne, wie Saud Gha­ni, Pro­fes­sor und Ma­schi­nen­bau-In­ge­nieur an der Uni­ver­si­tät Do­ha, er­läu­tert. Weil die IAAF ei­ne ga­ran­tier­te Tem­pe­ra­tur von 25 Grad ver­lang­te, müs­sen die Kühl­ma­schi­nen an die­si­gen Ta­gen auch mit gas­be­trie­be­nen und da­mit CO2-pro­du­zie­ren­der Ener­gie be­trie­ben wer­den. Nicht die ge­sam­te Luft muss im Sta­di­on ge­kühlt wer­den – was ei­nem Ein­satz von fünf Mil­lio­nen Kühl­schrän­ken ent­spre­chen wür­de. Da­für sorg­te ein Käl­te­kis­sen über den Zu­schau­er­rän­gen und dem Ra­sen. Der Blick auf die für die Fuß­ball-WM 2022 ge­bau­ten Sta­di­en zeigt, wel­che tech­ni­sche Kom­pe­tenz im reichs­ten Land der Er­de vor­han­den sind.

In den Sta­di­onar­chi­tek­tu­ren spieg­le sich die See­le der Ka­ta­ri wie­der, er­läu­tert der Mann, der 2014 für die Re­no­vie­rung des 1976 ge­bau­ten Sta­di­ons ver­ant­wort­lich war. „Der Sport ist un­se­re Hošnung für ei­ne bes­se­re Zu­kunft“, for­mu­liert Saud Gha­ni die ka­ta­ri­sche Phi­lo­so­phie, die sich auch durch die gro­ße Gast­freund­lich­keit und Hilfs­be­reit­schaft aus­zeich­ne­te.

Un­se­re Bi­lanz hal­te ich für gut durch­wach­sen.

und Schnel­lig­keit zu­le­gen kann, kann ich mich dar­über freu­en, beim größ­ten Wett­kampf über­haupt noch ein­mal in die­ser Form da­zu­ste­hen.“

Ei­ni­ges gut­zu­ma­chen ha­ben die Speer­wer­fer. Jo­han­nes Vet­ter ret­te­te zu­min­dest in Do­ha mit Bron­ze die Bi­lanz. Soll­te das Team in Best­be­set­zung Olym­pia in An­griš neh­men kön­nen, wird es schlag­kräf­tig sein: Ne­ben Mih­am­bo und Kaul sind auch die Do­ha-Me­dail­lis­ten Kon­stan­ze Klos­ter­hal­fen (5000 m), Ge­sa Fe­li­ci­tas Krau­se (3000 m Hin­der­nis) und Chris­ti­na Schwa­nitz (Ku­gel­sto­ßen) auf ei­nem sehr gu­ten Weg. Fra­ge­zei­chen gibt es aber zu­min­dest bei ei­ni­gen Rück­keh­rern.

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