Pro­zess hin­ter ver­schlos­se­ner Tür

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMS­CHAU - Von Ste­fan Ben­te­le

Die Kam­mer am Land­ge­richt Ulm ver­han­delt nicht­öf­fent­lich ge­gen den Ur­spring-Mör­der. Der 30-Jäh­ri­ge, der 2006 ei­nen Mit­schü­ler er­stach, soll ei­nen Zeu­gen von da­mals be­droht ha­ben.

Die Ver­hand­lung am Land­ge­richt Ulm ge­gen den 30-jäh­ri­gen ver­ur­teil­ten Mann, der als Ur­spring-Mör­der be­kannt wur­de, fin­det bis zum Ur­teil un­ter Aus­schluss der ֈent­lich­keit statt. Das hat die 2. Gro­ße Straf­kam­mer un­ter Vor­sitz des Rich­ters Micha­el Klaus­ner am Di­ens­tag­mor­gen ent­schie­den. Der An­ge­klag­te, der 2006 ei­nen Mit­schü­ler er­mor­det hat, soll An­fang die­ses Jah­res un­ter an­de­rem ei­nen Zeu­gen aus dem da­ma­li­gen Ver­fah­ren mit dem To­de be­droht ha­ben.

Gut 30 Mi­nu­ten nach Be­ginn des ers­ten Ver­hand­lungs­tags muss­ten die fünf­zehn Zu­hö­rer – dar­un­ter die Fa­mi­lie des An­ge­klag­ten – den Saal ver­las­sen. Zu­vor war er mit Fuß­fes­seln und Hand­schel­len in den Raum ge­führt wor­den, er ver­steck­te sein Ge­sicht bis zum Be­ginn der Ver­hand­lung mit ei­nem tür­kis­far­be­nen Schnell­hef­ter vor den Ka­me­ras der Fo­to­gra­fen.

Der heu­te 30-Jäh­ri­ge, ein ge­bür­ti­ger Ul­mer, hat­te 2006 im Al­ter von 17 Jah­ren an der Ur­spring­schu­le in Schel­klin­gen ei­nen Mit­schü­ler er­sto­chen. Das Land­ge­richt Ulm ver­häng­te da­mals ei­ne zehn­jäh­ri­ge Ju­gend­haft­stra­fe, die er mitt­ler­wei­le ver­büßt hat. Der­zeit ist der Mann am Zen­trum für Psych­ia­trie in Wein­gar­ten (Kreis Ra­vens­burg) un­ter­ge­bracht.

Grund für den Aus­schluss der ֈent­lich­keit ist ein An­trag der Ver­tei­di­gung. Rechts­an­walt Tho­mas Mau­rer ar­gu­men­tier­te, nach­dem die Staats­an­walt­schaft die An­kla­ge­schrift ver­le­sen hat­te, dass sein Man­dant un­ter ei­ner schi­zo­phre­nen Er­kran­kung lei­de, wes­halb sich die Fra­ge nach ei­ner Schuld­un­fä­hig­keit in al­len An­kla­ge­punk­ten stel­le. Die Klä­rung die­ser Fra­ge be­rüh­re „sen­si­ble Punk­te“im Pri­vat­le­ben des 30-Jäh­ri­gen.

„Ich bring dich um“

Die Ers­te Staats­an­wäl­tin Hei­ke Lang sah das le­dig­lich für Tei­le der An­kla­ge ge­ge­ben, nicht je­doch in dem Fall, in dem der An­ge­klag­te ei­nen Zeu­gen aus dem frü­he­ren Mord­ver­fah­ren mit dem To­de be­droht ha­ben soll. Dem­nach hat er um den 2. Fe­bru­ar die­ses Jah­res her­um am Au­to des Zeu­gens ei­nen Zet­tel an­ge­bracht ha­ben, auf dem stand: „Ich komm’ noch und bring dich um. Und dei­ne Mut­ter, wenn sie zu­hau­se ist, auch.“Mög­li­ches Mo­tiv laut Staats­an­walt­schaft ist, dass der An­ge­klag­te den Zeu­gen für sei­nen zehn­jäh­ri­ge Haft­stra­fe ver­ant­wort­lich macht.

Ge­mäß der An­kla­ge­schrift be­steht für den 30-Jäh­ri­gen oh­ne­hin ein Kon­takt­ver­bot zu vier Zeu­gen aus dem frü­he­ren Mord­pro­zess und de­ren Fa­mi­li­en. Die Auf­la­ge ist Teil ei­ner Füh­rungs­auf­sicht, ver­hängt vom Amts­ge­richt Frei­burg im April 2016, zehn Jah­re nach dem Mord in Ur­spring.

Die Ent­schei­dung über den Aus­schluss der ֈent­lich­keit lag bei der Kam­mer. Dass die dem An­trag der Ver­tei­di­gung folg­te und die ֈent­lich­keit bis zur Ur­teils­ver­kün­dung aus­schloss, be­grün­de­te Rich­ter Klaus­ner da­mit, dass zur Klä­rung der ein­zel­nen An­kla­ge­punk­te mit Blick auf den An­ge­klag­ten „der Kern sei­ner Per­sön­lich­keit“be­troˆen sei.

Es stün­de in ei­ner öˆent­li­chen Ver­hand­lung zu be­fürch­ten, dass der 30-Jäh­ri­ge sich aus „ei­nem falsch ver­stan­de­nem Scham­ge­fühl“ bei Aus­sa­gen zu­rück­hal­te, sag­te Klaus­ner. Ob der An­ge­klag­te über­haupt An­ga­ben zu den Vor­wür­fen macht, ist nicht be­kannt.

Für den Pro­zess sind bis­lang acht Ver­hand­lungs­ta­ge an­ge­setzt, zu de­nen meh­re­re Zeu­gen ge­hört wer­den. Ein fo­ren­si­scher Psych­ia­ter, Pe­ter Winck­ler, soll ein Gut­ach­ten er­stel­len. Letzt­lich muss die Kam­mer nicht nur klä­ren, ob der 30-Jäh­ri­ge die Ta­ten be­gan­gen hat, son­dern auch, ob er die Ta­ten auf­grund sei­ner Er­kran­kung be­ging und ob er des­halb für die All­ge­mein­heit ge­fähr­lich ist.

Falls das zu­triˆt, dürf­te das Ge­richt die un­be­grenz­te Un­ter­brin­gung in ei­nem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus an­ord­nen. Auf­zu­he­ben ist die­se erst, so­bald von dem Mann kei­ne Ge­fahr für die All­ge­mein­heit mehr aus­geht.

Fo­to: Volk­mar Kön­ne­ke

Ein Si­cher­heits­dienst-Mit­ar­bei­ter des Zen­trums für Psych­ia­trie in Wein­gar­ten nimmt dem An­ge­klag­ten kurz vor Be­ginn des Pro­zes­ses die Hand­schel­len ab. Der 30-jäh­ri­ge An­ge­klag­te ist der­zeit in dem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus un­ter­ge­bracht.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.