Glei­che Wur­zeln, zwei Le­ben

Li­te­ra­tur Va­ter­los, schwarz, aus der DDR: Ja­ckie Tho­ma­es Ro­man „Brü­der“steht auf der Short­list des Buch­prei­ses.

Haller Tagblatt - - FEUILLETON -

Ber­lin. Dies ist die Ge­schich­te der Halb­brü­der Mick und Ga­b­ri­el, die nichts von­ein­an­der wis­sen und den ge­mein­sa­men Va­ter nicht ken­nen. Sie ha­ben zwar die glei­che Haut­far­be, sind aber wie Feu­er und Was­ser und be­we­gen sich in ge­gen­sätz­li­chen Wel­ten. Da­bei star­ten bei­de von ei­nem ähn­li­chen Punkt aus.

Ihr se­ne­ga­le­si­scher Va­ter ver­schwin­det früh aus ih­rem Le­ben und lässt sie mit ih­ren ju­gend­li­chen Müt­tern in der DDR zu­rück. Bei­de fal­len auf: Mick und Ga­b­ri­el sind die Schwar­zen in ei­ner ho­mo­gen wei­ßen Ge­sell­schaft.

Nach der Wen­de ka­ta­pul­tiert das Le­ben die Halb­brü­der in un­ter­schied­li­che Rich­tun­gen. Son­ny­boy Mick lässt sich im Ber­lin der 90er Jah­re als am­bi­ti­ons­lo­ser Freak zwi­schen Clubs, Bars und One-Night-Stands da­hin­trei­ben, wäh­rend der ehr­gei­zi­ge, ar­beits­wü­ti­ge Ga­b­ri­el in Lon­don zum welt­weit ge­frag­ten Star­ar­chi­tek­ten avan­ciert.

„Brü­der“von Ja­ckie Tho­mae (Jahr­gang 1972) stellt die Fra­ge nach der Iden­ti­tät und passt da­mit an­schei­nend per­fekt zu ak­tu­el­len Dis­kus­sio­nen, in de­nen es um Her­kunft, kul­tu­rel­le Prä­gung und Ras­sis­mus geht. Doch der Ro­man, der auf der Short­list für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert ist, ist bei ge­naue­rem Hin­se­hen kein po­li­ti­scher Ro­man, wenn­gleich po­li­ti­sche The­men mit­schwin­gen. In ers­ter Li­nie ist es ein Fa­mi­li­en- und Ent­wick­lungs­ro­man mit ei­nem prä­zi­sen Ge­sell­schafts­por­trät der bro­deln­den Ber­li­ner Nach­wen­de­zeit.

Leicht­fü­ßig plau­dernd im Ton

Tho­mae hat hier per­sön­li­che Er­fah­run­gen mit ein­flie­ßen las­sen. Sie selbst ist et­wa so alt wie die fik­tio­na­len Brü­der und wuchs in Leip­zig als Toch­ter ei­ner Deut­schen und ei­nes Guineers auf, der die Fa­mi­lie bald ver­ließ. Spä­ter leb­te sie in der Kunst- und Par­ty­sze­ne Ber­lins, in der die Haut­far­be, wie sie in ei­nem In­ter­view be­merk­te, kei­ner­lei Rol­le spiel­te. Ähn­lich wie der Er­zeu­ger der Brü­der im Ro­man mel­de­te sich Tho­ma­es Va­ter nach jahr­zehn­te­lan­gem Schwei­gen plötz­lich bei ihr.

Die The­men Ras­sis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung wer­den von Tho­mae eher bei­läu­fig mit­ge­lie­fert, fast leicht­fü­ßig plau­dernd im Ton wie der gan­ze Ro­man. Die­se Un­auf­dring­lich­keit und feh­len­de Pe­ne­tranz ist von Vor­teil. Die Au­to­rin ist ei­ne stil­si­che­re und un­ter­halt­sa­me Er­zäh­le­rin und stark in der Per­so­nen­zeich­nung, al­ler­dings an vie­len Stel­len lei­der auch aus­ufernd und re­pe­ti­tiv.

Ja­ckie Tho­mae: Brü­der. Han­ser Ber­lin, 416 Sei­ten, 23 Eu­ro.

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